Serie: So arbeitet Hagen

Im Hagener Tierheim kommt jeder Hund jeden Tag raus

Simone Gerwig geht in ihrer Arbeit im Tierheim auf. Der neunjährige Schäferhund Aaron ist der 51-Jährigen besonders an Herz gewachsen, „ein ganz lieber Kerl.“

Simone Gerwig geht in ihrer Arbeit im Tierheim auf. Der neunjährige Schäferhund Aaron ist der 51-Jährigen besonders an Herz gewachsen, „ein ganz lieber Kerl.“

Foto: Michael Kleinrensing / WP

Hagen.  Simone Gerwig liebt ihre Arbeit im Hagener Tierheim. Sie kann ein Lied von sturen Dackeln und eitlen Rassekatzen singen.

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„Einfach nur tierlieb sein, das reicht nicht aus. Wir haben ja auch jede Menge komplizierter Tiere hier, damit muss man umzugehen wissen.“ Und Simone Gerwig, seit über 20 Jahren im Hagener Tierheim beschäftigt, weiß genau, wie sie diese Problemfälle angeht.

„Jeder Dackel ist ein Sturkopf – das muss man einfach wissen“, lacht die 51-Jährige, die aus dem Erzgebirge stammt und dort in grauer Vorzeit in einer Weberei gearbeitet hat. Mitte der 1990er-Jahre hat sie ein Praktikum samt Umschulung in einem kleinen Tierpark in Aue gemacht. Durch eine Bekannte kam Simone Gerwig nach Hagen, arbeitete erst ehrenamtlich, dann als Praktikantin und als Umschülerin zur Tierpflegerin im hiesigen Tierheim. „Als ich schließlich eine Festanstellung bekam, hab’ ich gejubelt und gedacht ,Gott sei Dank’“, blickt sie zurück.

Fütterung beginnt um sechs Uhr

Im Hagener Tierheim hat die Arbeitswoche sieben Tage. „Wir sind dankbar für die etwa 20 bis 25 Ehrenamtlichen, die uns unterstützen und auch am Wochenende Dienst machen“, sagt Simone Gerwig.

Wie ihr Alltag, wenn nichts unvorhersehbares passiert, aussieht? „Mit den Hunden geht’s los. Die werden schon um sechs Uhr gefüttert. Und spätnachmittags nochmal.“ Ab 7.30 Uhr werden die Hundeboxen gesäubert, die Spaziergänger – meist ehrenamtliche Helfer – starten gegen acht Uhr.

„Wenn Helfer fehlen, gehen wir Mitarbeiter selbst mit den Hunden. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz: ,Bei uns kommt jeder Hund jeden Tag raus’“, sagt die 51-Jährige mit fester Stimme. 17 Hundeboxen gibt’s im Tierheim, außerdem vier Quarantäneboxen. „Die vier Spezialboxen dürfen keine Helfer betreten, sondern nur wir Mitarbeiter, da wir gegen Tollwut geimpft sind.“

Warzenente und Lachtaube

Um 9.30 Uhr kümmern sich die Mitarbeiter um die Kleintiere – Kaninchen, Vögel, Ratten. „Wir hatten schon alles hier“, lacht Simone Gerwig, „von Warzenente über Lachtaube bis hin zum Zebrafink“. Im Schnitt finden zehn Kleintiere, 50 Katzen und 15 Hunde im Tierheim ein Zuhause auf Zeit.

Wenn die Routinearbeiten erledigt sind, müssen die Mitarbeiter oft zu Einsätzen ausrücken. „Ein Tier, das angefahren worden ist, bringen wir zum Tierarzt oder zu uns.“ Gerwig öffnet die Tür zu einem kleinen Raum: „Das ist Micki, unser Handicap-Kater. Er ist etwa acht Jahre alt und war in einen Unfall verwickelt, dadurch hat er eine schiefe Hüfte und ein verletztes Auge.“ Simone­ Gerwig nimmt Micki auf den Arm, schaut ihn mitleidig an, „wenn er kuscheln will, ruft er nach mir. Dann nehm’ ich mir auch Zeit für ihn.“

Ein trauriger Trend setze sich immer mehr durch, beklagt die 51-Jährige, „wir müssen uns um immer mehr verwahrloste Tiere kümmern. Häufig werden die armen Kreaturen einfach in einer Wohnung zurück gelassen“, schüttelt Simone Gerwig fassungslos den Kopf.

Die Urlaubszeit sei für etliche Tiere wie auch fürs Tierheim eine harte Zeit: „Heute will ich ein Tier, morgen geb’ ich’s wieder ab – auch dieser Trend wird immer stärker.“ Gerade in der Urlaubszeit und nach Weihnachten würden viele Tiere einfach ausgesetzt oder unter einem Vorwand im Tierheim abgegeben. Einige vermeintliche Tierfreunde würden Futter- und Tierarztkosten einfach nicht bedenken, „und was passiert mit dem Tier, wenn ich als Besitzer ins Krankenhaus komme? Alles muss gut überlegt sein.“

Tiere, für die man ein besonderes Händchen braucht? Die Expertin schmunzelt: „Rassekatzen wie Perser, Siam oder Maine-Coon wollen schon gebeten werden. Die schreien nach ihrem Zimmerservice.“

In einer der Hundeboxen wartet Aaron auf seine Streicheleinheiten. Der Schäferhund ist neun Jahre alt, „ein ganz lieber Kerl, der dringend ein Zuhause sucht“, sagt Gerwig.

Abschied nehmen ist schwer

Was sie an ihrem Job nicht mag? „Das Telefon macht uns manchmal wahnsinnig. Und Abschied zu nehmen von Tieren, die uns ans Herz gewachsen sind, ist immer schwer. Andererseits ist die Freude groß, wenn wir das Gefühl haben, dass wir für eines unserer Tiere ein schönes Zuhause gefunden haben.“

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