Interview

Hagen: SPD-Ratsherr Sven Söhnchen will „ehrliches Ende“

Sven Söhnchen (l.) und Musiker Björn Nonnweiler bei der Lesung aus dem Buch "Warum ich Nazi wurde".

Sven Söhnchen (l.) und Musiker Björn Nonnweiler bei der Lesung aus dem Buch "Warum ich Nazi wurde".

Foto: Oliver Klamke

Hagen.  Seine „Warum ich Nazi wurde“-Vorlesungen sind ein Erfolg. Politisch hat er aber den Blues. Wie es weitergeht mit SPD-Ratsherr Sven Söhnchen.

Sven Söhnchen ist seit Jahren als SPD-Ratsmitglied bekannt, in den vergangenen Monaten sorgt er aber auch mit Lesungen für Aufmerksamkeit. Bei Veranstaltungen zwischen Arnsberg und Bonn hat er aus dem Buch „Warum ich Nazi wurde“ vorgelesen. Und schon jetzt gibt es weitere Lesungs-Termine bis Sommer 2020. In einem TV-Kulturmagazin hatte er etwas über das Buch gesehen, sein Interesse war gleich geweckt, und mit dem Verleger war er sich schnell einig, dass er daraus lesen darf. Ein Gespräch über Sven Söhnchens Haltung zu Rechtsradikalen, besorgten Bürgern und zu seiner eigenen politischen Zukunft. Passend zum 50. Geburtstag.

Sie haben jetzt schon 30 Lesungen aus dem Buch „Warum ich Nazi wurde“ absolviert. Färbt das ab? Könnten Sie jetzt auch ein Nazi werden?

Sven Söhnchen: Nein. In dem Buch geht es ja um ein Preisausschreiben, das es tatsächlich im Jahr 1934 gab. Ein amerikanischer Wissenschaftler hatte es ausgeschrieben, weil er wissen wollte, warum Menschen der NSDAP beigetreten waren. Ein Kernthema in diesen Antworten, die in dem Buch dokumentiert werden: die Menschen wollen einen starken Führer. Und das ist mir persönlich völlig fremd. Ich brauche keinen Führer. Das entspricht so gar nicht meiner Persönlichkeit. Ich bin froh, jetzt 50 Jahre in einer Demokratie leben zu dürfen. Das ist die richtige Gesellschaftsform.

Haben Sie Verständnis für das, was die Befragten damals zu ihrer Motivation einer NSDAP-Mitgliedschaft gesagt haben?

Verständnis nicht, aber was ich ganz klar sage: Ich verurteile nicht. Ich verurteile nicht die Menschen in diesem Buch. Denn ich weiß nicht, wie ich mich selbst damals verhalten hätte. Und die Antworten stammen aus dem Jahr 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung, ohne aber genau zu wissen, was noch Schreckliches kommen wird.

Wie sind die Erfahrungen bei Ihren Lesungen?

Wir – das heißt: der Musiker Björn Nonnweiler und ich – haben bislang etwa 30 Lesungen veranstaltet, davon zehn in Schulen. Die waren natürlich Pflichtveranstaltung für die Schüler. Wobei man schon merkt, dass sie sehr interessiert an dem Thema sind, auch wenn sie – was für das Alter ja typisch ist – auf den ersten Blick eher rumhängen. Zu den anderen Lesungen kommen oft Menschen, die zeitgeschichtlich interessiert sind. Wohltuend ist auch, wenn noch Zeitzeugen dabei sind. In Witten hatte eine alte Frau das Bedürfnis, mit ihrer Enkelin zusammen zu der Lesung zu kommen. Ich lese, es gibt Musik – meist typische Lieder der Friedensbewegung –, aber die Diskussion danach ist sehr wichtig. Eine ältere Frau hat erzählt, warum sie gerne zum BDM, also dem nationalsozialistischen Bund Deutscher Mädels, gegangen ist. ‚Wir hatten sonst nichts‘, das sei eine der wenigen Alternativen gewesen, mal von zu Hause weg zu kommen. Solche Dinge muss man sich einfach auch vor Augen führen, um zu verstehen, warum Menschen damals den Nazis gefolgt sind.

Muss man heute auch Verständnis haben, wenn Menschen Rechtsradikalen folgen?

Nein, man muss den Leuten heute klarmachen, wie einfach es eigentlich ist, sich zu informieren, man ist nicht auf die Parolen der Rechten angewiesen und man muss aus der Geschichte lernen. Es hat mal einer gesagt, dass eine demokratische Gesellschaft auch 20 Prozent überzeugte Wähler rechtsradikaler Parteien ertragen kann, viel gefährlicher sei die große schweigende Masse, die unzufrieden sei und sich instrumentalisieren lasse. Und die macht mir auch mehr Sorgen, ich habe aber auch einen Anspruch gegenüber diesen.

Und zwar?

Es heißt immer, diese Menschen werden mit ihren Problemen nicht gehört. Ich bin schon lange Kommunalpolitiker und ich denke, ich bin auch ein Typ, der immer ansprechbar ist. In Eckesey hatte ich über lange Zeit sogar ein Ladenlokal, in dem Menschen zu festen Zeiten zu mir kommen konnten, um ihre Probleme anzusprechen. Wissen Sie, wie viele in fünf Jahren gekommen sind? Zwei! Wo waren denn da die ganzen besorgten Bürger, die heute bei Facebook schreiben und sich beschweren, dass die Politik nicht zuhört. Das bringt mich auf die Palme. Diese Bürger haben heute die Möglichkeit und die Pflicht, ihre Probleme den demokratischen Politikern zu schildern. Ich wäre froh gewesen, wenn ich den ein oder anderen Hinweis mehr bekommen hätte.

Warum kommen die Bürger nicht?

Das weiß ich nicht. Ich kann aber auch Politik nicht mehr erklären. Spätestens seit Martin Schulz als Kanzlerkandidat und SPD-Vorsitzender ist. In einem Jahr von 100 Prozent auf null, von großer Euphorie bis zum Tiefpunkt. Wie so etwas passieren kann, das kann ich nicht mehr erklären.

Das klingt ein wenig, als hätten sie den Blues. Haben Sie keine Lust mehr auf Politik?

Ja, das stimmt. Ich habe den Blues. Ich werde auch nicht mehr bei der kommenden Wahl als Ratsmitglied antreten. Ich bin seit 1990 in der SPD, seit 1994 im Stadtrat, mit einer Wahlperiode als unfreiwillige Unterbrechung, da bin ich von der Partei nicht mehr aufgestellt worden. Ich werde weiter ein politischer Mensch bleiben, ich bleibe auch in der SPD, aber ich merke, dass ich nicht mehr den nötigen Elan habe, um mich in manche politische Auseinandersetzung zu stürzen. Ich will ein ehrliches Ende, bei dem ich sagen kann: Ich weiß, wann Schluss ist. Ich bin jetzt gerade 50 geworden, und ich habe das Gefühl, dass das Leben noch etwas anderes mit mir vor hat.

Sie sind auch Vorsitzender des Kulturausschusses und Chef des Theater-Aufsichtsrates. Ein anstrengender Job. Hat das auch Einfluss auf Ihre Entscheidung?

Eins vorweg: Ich bin ja noch ein Jahr Ratsmitglied und werde auch diesen Posten weiter bekleiden.Kulturausschuss und Theateraufsichtsrat macht Spaß. Ich muss aber auch gestehen: Vor drei Jahren, in der Phase, in der der Streit um den Sparkurs am Theater und die Intendanten-Suche auf dem Höhepunkt war, da habe ich schon gedacht, das halte ich nicht mehr aus. Da kommt man auch als ehrenamtlicher Kommunalpolitiker an seine Grenzen. Ich musste ganz oft über Dinge mitentscheiden, die eine enorme rechtliche und wirtschaftliche Tragweite haben.

Werden Sie die Politik und auch das Amt vermissen?

Ich glaube nicht. 2004, als ich unfreiwillig aus dem Rat ausscheiden musste, da habe ich die Politik vermisst. Aber jetzt ist der Abschied freiwillig gewählt.

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