Sinfoniekonzert

Hagen: Die Philharmoniker zaubern Tango, das Publikum tobt

Der argentinische Bandoneon-Virtuose Solist Juan José Mosalini.

Der argentinische Bandoneon-Virtuose Solist Juan José Mosalini.

Foto: Olivier Photo

Hagen.  Das Philharmonische Orchester Hagen spielt Tango und Jazz und beweist dabei seine enorme Vielseitigkeit. Dafür gibt es Beifall im Stehen

Im Glücksfall kann selbst ein traditionsreiches Orchester sein Publikum immer noch überraschen. So wird ein Tango- und Jazzprogramm des Philharmonischen Orchesters Hagen jetzt zur Wundertüte mit aufregenden Entdeckungen. Das Publikum feiert die Musiker und den Dirigenten Enrique Ugarte mit langem Beifall im Stehen. Die Stadthalle ist voll; überhaupt beweist die Sinfoniekonzert-Gestaltung von Generalmusikdirektor Joseph Trafton, dass es einen Zusammenhang zwischen Programmplanung und Zuspruch gibt, was in Kulturkreisen ja gerne bestritten wird.

Vor zwei Jahren war der Dirigent und Akkordeonvirtuose Enrique Ugarte bereits in Hagen; der überwältigende Erfolg hat die Philharmoniker ermutigt, ihn noch einmal einzuladen. Im Gepäck hat Ugarte sozusagen die Kellerkinder. Denn der Tango ist die Musik der gescheiterten Einwanderer Argentiniens, und der Jazz kommt aus den Armenvierteln im Süden der USA. Beiden Gattungen gemeinsam ist ihre Fähigkeit, sich mit anderen Stilen, Rhythmen und Instrumenten zu fusionieren. Damit die Übertragung auf ein traditionelles Sinfonieorchester funktioniert, braucht man allerdings Musiker, die aus dem viereckigen Taktverständnis der Klassik ausbrechen können hin zu einem Puls, der vom Swing geprägt ist - und die das demokratische Wechselspiel zwischen melodieführenden und begleitenden Stimmen beherrschen, das Tango und Jazz voraussetzen. Die Hagener können das.

Ein Lied für das Tenorsaxophon in Hagen

Fagottist Klaus Korte tritt nach vorne, mit einem Tenorsaxophon. Zusammen mit Enrique Ugarte am Akkordeon verjazzt er das baskische Volkslied „Ume Eder“. Das Saxophon blüht in weichen Melodiebögen auf, Korte improvisiert, lässt sein Instrument singen. Dann gesellt sich der Pianist dazu, Andres Reukauf. Und Orchester, Band, sowie die beiden Solisten spielen sich fortan die Bälle zu.

Grzegorz Jandulski ist Solokontrabassist der Philharmoniker. In Astor Piazzollas „Contrabajeando“ wird er zum Tango-Solisten. Die Schlagzeuger des Orchesters trommeln die Besucher bei der „Sinfonia india“ von Carlos Chávez“ in Ekstase. Die Hagener Musiker verwenden traditionelle Instrumente aus der Sammlung von Soloschlagzeuger Heiko Schäfer, zylindrische Holztrommeln, die oben und unten mit Naturfell bespannt sind sowie Rasseln und Schalenketten aus Walnüssen.

Mit Juan José Mosalini hat Enrique Ugarte einen Bandoneon-Virtuosen mitgebracht, der tief in die Klang- und Gefühlswelten von Astor Piazzollas genialen Stücken eintauchen kann. Wild, traurig und geheimnisvoll klagt das Bandoneon in „Aconcagua“, im langsamen Satz legt der 76-jährige eine wunderbar disponierte Steigerung an, in der Harfe und Geigen mit dem Bandoneon farblich verschmelzen, grundiert vom Pochen der großen Trommel. In „Adios Nonino“ gibt es dann traumhafte Klangeffekte, wenn das Bandoneon mit dem Glockenspiel der Schlagzeuger in den Dialog tritt. In der Zugabe improvisiert Juan José Mosalini ganz, ganz leise, und im Saal könnte man derweil eine Stecknadel fallen hören.

Die Zuhörer tanzen im Sitzen

Der baskische Musiker und Celibidache-Schüler Ugarte ist ein entspannter Dirigent. So entsteht über den ganzen Abend hinweg ein schöner beschwingter Atem, der den ein oder anderen Zuhörer sogar zum Sitztanzen verführt. Das Orchester muss bei diesem Programm sehr auf Zack rein, stürzt sich aber mit überbordender Musizierlust in die Arbeit. Die aufregenden Momente reihen sich, etwa wenn bei George Gershwins „Cuban Overture“ die Hornmelodie von den Trompeten beantwortet wird und im Mittelteil ein zartes Klarinettensolo von Sehnsucht und Fernweh erzählt. Wer gut zuhört, entdeckt sogar absolutes Neuland, zum Beispiel eine Koppelung von Fagott und Saxophon in Arthur Harrington Gibbs’ „Runnin’ Wild“. Das Publikum ist schon vor der Pause restlos glücklich, und kann dann am Ende bei Chick Coreas „La Fiesta“ als Zugabe noch einmal Nachglühen. Viele Bravos.

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