Interview

Was für Michael Gerdes (SPD) in der Politik wichtig ist

SPD-MdB Michael Gerdes vertritt den Wahlkreis Bottrop-Gladbeck-Dorsten im Berliner Bundestag seit 2009.

SPD-MdB Michael Gerdes vertritt den Wahlkreis Bottrop-Gladbeck-Dorsten im Berliner Bundestag seit 2009.

Foto: Lutz von Staegmann

Gladbeck/Bottrop.  Der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Gerdes äußert sich im WAZ-Gespräch über das Klima in Berlin und die wesentlichen Sorgen der Bürger.

Der unsägliche Streit zwischen CDU und CSU über ein Detail im Asylgesetz hat auch dem SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Gerdes schlaflose Nächte bereitet. Denn „was soll der Blödsinn?“ haben die Leute ihn auf der Straße und in der Bürgersprechstunde gefragt. Zu Recht, wie Gerdes findet. Es gibt viel wichtigere Themen für die Leute und für die Politik.

Was sind die wichtigen Themen?

Gerdes: Ob die Wohnung weiter bezahlbar ist, die Rente im Alter reicht oder der Job mit der Digitalisierung der Arbeitswelt noch sicher ist – das hat ein 35-Jähriger mich gefragt. Diese Fragen treiben die Leute um und machen ihnen Sorge.

Welche Antwort können Sie dem Mann geben, der Angst um seinen Arbeitsplatz hat?

Er wird seinen Arbeitsplatz behalten, aber die Arbeit wird anders sein. Wir arbeiten zurzeit daran, die Bundesagentur für Arbeit in dieser Hinsicht umzubauen. Qualifizierung und Weiterbildung sollen nicht erst gefördert werden, wenn Arbeitslosigkeit droht oder schon eingetreten ist, sondern vorher. Die Unternehmen erhalten dann während der Qualifizierung ihrer Arbeitnehmer einen Lohnkostenzuschuss. Das soll gesetzlich geregelt werden.

Wie geht’s mit der Rente weiter?

Wie brauchen natürlich gute Löhne, damit die Rente später reicht. Wir werden irgendwann die Bürgerversicherung oder wie immer sie dann heißt, brauchen, in die alle einzahlen, auch Beamte und Selbstständige. Ein Problem, das wir schon jetzt unbedingt angehen müssen, ist die Grundsicherung. Vor allem Frauen sind von Altersarmut betroffen, trauen sich aber oft nicht, ihre Ansprüche zu stellen. Und dann kann es sogar passieren, dass weitere Leistungen wie Wohngeld von der Grundsicherung wieder abgezogen werden. Das darf nicht sein, unser Ziel ist eine Grundrente, in der auch solche Leistungen enthalten sind.

Wir brauchen einfache Aussagen, die schlagkräftig sind

Alles wichtige Themen, aber kriegen Sie die vermittelt?

Insgesamt hat die Politik zunehmend Schwierigkeiten, ihre Inhalte zu vermitteln. Im Wahlkreis merken wir das auch, versuchen jetzt beispielsweise, uns per Facebook zu präsentieren. Aber da wird eher ein nettes Bild geliked, als die politische Aussage kommentiert. Mein Vorschlag ist: Wir brauchen einfache Aussagen, die schlagkräftig sind. Beispiel: Plakate mit dem SPD-Slogan „Versprochen – Gehalten“, und ein Hinweis, wo man mehr erfährt. Wir müssen generell mehr ausprobieren, sonst gehen uns die Bürger verloren.

Das ist aber kein spezielles SPD-Problem.

Nein, das trifft alle Volksparteien. Ein klassisches Drei-Parteiensystem wird es nicht mehr geben. Wir müssen künftig versuchen, unsere Ziele mit wechselnden Mehrheiten durchzusetzen.

Die Große Koalition wird nicht an Sachthemen scheitern

Erst einmal ist die SPD aber in der GroKo. Wie läuft es denn jetzt?

Anders als beim letzten Mal, wir sind weniger angepasst, kritischer und versuchen jenseits der Koalitionsaussagen Themen zu setzen und eigene Pole zu halten. Wir wollen unterscheidbar bleiben und verkaufen uns offensiver.

Wird die Große Koalition die Legislaturperiode halten?

Sie wird nicht an Sachthemen scheitern. Selbst wenn die Kanzlerin mittendrin aufhört, könnte die GroKo mit einer oder einem neuen Kanzler weiter arbeiten. Wenn es aber dazu kommt, dass Vereinbarungen des Koalitionsvertrags nicht eingehalten werden, würde die SPD die Koalition krachen lassen. Zurzeit kann man sagen: Das Klima zwischen CDU und SPD ist besser als zwischen CDU und CSU.

Und wie ist es mit der AfD? Treibt die Partei die anderen vor sich her?

Nicht wirklich, die merken, dass die Praxis im Bundestag anders ist und es auf Arbeit und Inhalte ankommt. Aber die Sprache im Bundestag ist eine andere geworden, bei einigen Abgeordneten der AfD hat man den Eindruck, dass sie in der Rednerschule von Goebbels (Propagandaminister in der NS-Zeit, Anm. der Red.) waren. Es ist eine Verrohung der Sprache festzustellen und man muss aufpassen, dass man mit Begriffen nicht leichtfertig und gedankenlos umgeht. Unsere Strategie: Wir lassen bei Reden keine Zwischenreden der AfD zu.

Bahn und Bergbau sind Themen im Wahlkreis

Beim Blick auf den Wahlkreis: Welche Themen sind dringend?

Die Bahn und die Bahnhöfe beschäftigen uns. Aber es ist schwierig. Beim Oberhof und dem ebenerdiger Übergang habe auch ich versucht, Ansprechpartner bei der Bahn zu bekommen – ohne Erfolg. Ähnlich gelagert ist ja die Situation am Bahnhof Boy in Bottrop, wo es bis jetzt keinen barrierefreien Zugang gibt. Letztens musste die Feuerwehr eine Frau, die im Rollstuhl sitzt und nicht wusste, dass sie vom Bahnsteig nicht runter kommt, die Treppe hochtragen. Auch gegen die Neuordnung der IC-Linie nach Berlin, die nicht mehr stündlich fahren sollte, haben wir als Ruhr-SPD protestiert.

Und wie schätzen Sie die Lage des Bergbaus ein?

Das Ende des Bergbaus in diesem Jahr wird uns natürlich beschäftigen. Wir müssen genügend Gewerbeflächen schaffen, aber das dauert noch. Und ist zu befürchten, dass die Arbeitslosenzahlen erst einmal steigen werden. Es trifft ja nicht nur Bergleute, sondern auch Zulieferer in der Region.

Sie sind selbst Bergmann, haben auf Prosper gearbeitet. Mit welchem Gefühl gucken Sie auf das Aus?

Ich kann Ihnen versichern, zur letzten Schicht auf Prosper werde ich mit einer Rolle Zewa unter dem Arm kommen. Da geht auch für mich ein Stück Leben kaputt.

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben