Nahverkehr zum Nulltarif

Warum für den Gratis-Nahverkehr im Kreis kein Geld da ist

Busfahren zum Nulltarif: Über diese Option wurde jetzt im Verkehrsausschuss vom Kreistag diskutiert. Martin Schmidt, Geschäftsführer der Vestischen, erklärte, was diese Forderung der Linken so schwierig macht.

Busfahren zum Nulltarif: Über diese Option wurde jetzt im Verkehrsausschuss vom Kreistag diskutiert. Martin Schmidt, Geschäftsführer der Vestischen, erklärte, was diese Forderung der Linken so schwierig macht.

Foto: Oliver Mengedoht / Oliver Mengedoht / FUNKE Foto ServicesOliver Mengedoht / FUNKE Foto Se

Vest/Gladbeck.  Umsonst Busfahren: Der Kreis Recklinghausen soll Vorreiter werden für eine sozial gerechte Mobilitätswende. Doch das scheitert wohl am Geld.

Öffentlicher Nahverkehr zum Nulltarif – das hört sich prima an. Gerade in Zeiten, wo der Klimaschutz großgeschrieben werden soll und wo der Autoverkehr aus Umweltschutzgründen minimiert werden muss. „Der Kreis Recklinghausen soll Vorreiter werden für eine ökologische und sozial gerechte Mobilitätswende“, fordern daher die Linken im Kreis Recklinghausen. Die Stadt Monheim bei Düsseldorf habe schließlich vorgemacht, dass das machbar sei. Doch Martin Schmidt, Geschäftsführer der Vestischen, trat jetzt im Verkehrsausschuss des Kreistages mächtig auf die Bremse.

Das Defizit beim ÖPNV würde ums Dreifache steigen

„Die Finanzierung des Nahverkehrs müsste auf ganz andere Füße gestellt werden“, gab der Chef der Vestischen zu bedenken – und legte erstmals konkrete Zahlen vor: Ein Gratis-Nahverkehr für die zehn Städte im Kreis Recklinghausen würde das aktuelle Defizit von 19,2 Millionen Euro auf 56,2 Millionen Euro pro Jahr steigern, hat er ausrechnen lassen. Allein für die Stadt Recklinghausen würden die Kosten von 3,3 Millionen auf 15,2 Millionen Euro anwachsen. Sein Fazit: Eine solche Kostensteigerung könnten weder der Kreis noch die Städte finanziell verkraften.

Außerdem, so gab Schmidt zu bedenken, würde der gewünschte Fahrgastzuwachs bei einem Gratis-ÖPNV auch neue Probleme bringen. Studien hätte ergeben, dass dann rund 30 Prozent mehr Menschen in Busse und Bahnen steigen würden. Doch schon heute platzen die Fahrzeuge auf wichtigen Verbindungen in den Stoßzeiten aus allen Nähten. „Deshalb müsste in einem ersten Schritt das Angebot des ÖPNV verbessert werden, bevor der Fahrpreis reduziert würde“, meinte Schmidt. Er setze sich zum Beispiel für eine neue Nord-Süd-Verbindung auf der Schiene, etwa von Recklinghausen nach Bochum, und für Bürgerbusse in den ländlichen Randzonen ein.

In Wien kann man für einen Euro pro Tag den ÖPNV nutzen

Auch die Stadt Wien hätte ihr ÖPNV-Konzept, das derzeit von der Bundes-SPD als vorbildlich herausgestellt wird, viele Jahre vorbereitet, erklärte der Experte. In Österreichs Hauptstadt erhält der Kunde ein exzellentes Fahrangebot, für das er 365 Euro pro Jahr – also einen Euro pro Tag – zahlen muss.

Zugleich werde der ÖPNV jedoch durch die Einnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung querfinanziert. „Dieses Modell hat der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr durchgerechnet“, so Schmidt. „Bei einem 365-Euro-Fahrschein würden sich die Ticketerlöse im Verbundraum von etwa 390 Millionen Euro auf 190 Millionen Euro mehr als halbieren.“ Bei der Vestischen läge das Minus bei etwa 11 Millionen Euro.

In der Diskussion waren sich die Ausschussmitglieder schnell einig, dass es eine

für die Finanzierung des ÖPNV nicht gebe: Bernd Goerke (SPD) etwa betonte, dass ein Gratis-Nahverkehr innerhalb einer Stadt für Pendler wenig bringe. Jörg Jedfeld (CDU) konstatierte, dass die Stadt Monheim im Speckgürtel von Düsseldorf einfach höhere Einnahmen verbuche und sich den Luxus eines Gratis-ÖPNV leisten könne.

Und selbst Silke Krieg von den Grünen, die den ÖPNV-Ausbau für äußerst wünschenswert ansieht, gab zu, dass der Kreis nicht das Geld habe. „Ohne eine stattliche Erhöhung von Bundes- und Landesmitteln geht es nicht.“

Der Kreis hat nicht das nötige Geld

Am Geld scheiterte auch der Antrag der Grünen für einen kostenfreien Nahverkehr an den langen Einkaufssamstagen in der Adventszeit.

Hier legte Holger Becker von der Vestischen die Zahlen vor: „Ein Samstag bescherte uns im vergangenen Jahr Einnahmen von etwa 32.000 Euro.“

Außerdem würde eine solche Werbemaßnahme alle treuen Stammkunden ausschließen, kritisierte er. Inhaber von Monatskarten könnten nicht profitieren. Allerdings schlug Becker eine Alternative vor: „Wir versprechen ihnen, dass wir auf zehn bis zwölf Hauptstrecken im Vest den Takt erhöhen und am Abend länger fahren.“ Die endgültige Entscheidung soll am 23. September im Kreistag fallen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben