Tiefste Morgensendung

So lief die Sendung von Radio Emscher Lippe auf Prosper

Das Studio von Lennart Hemme besteht am Donnerstagmorgen aus einem kleinen Klapptisch, einem Laptop und einem Funkwecker.

Das Studio von Lennart Hemme besteht am Donnerstagmorgen aus einem kleinen Klapptisch, einem Laptop und einem Funkwecker.

Foto: Matthias Düngelhoff

Bottrop/Gladbeck/Gelsenkirchen.   Radio Emscher Lippe hat Donnerstagmorgen live von der siebten Sohle auf Prosper Haniel gesendet. Neue Erfahrung für die Bergmänner.

Am Ende gibt’s in 1200 Metern Tiefe Applaus. Die umstehenden Bergleute aber auch das Team von Radio Emscher Lippe sind zufrieden. Deutschlands tiefste Morgensendung von der siebten Sohle des Bergwerks Prosper-Haniel ist reibungslos über den Sender gelaufen.

Erleichterung bei allen Beteiligten. Denn so eine Sendung außerhalb des gewohnten Studios in Buer, in 1200 Metern Tiefe ist schon eine Herausforderung. Und auch für die Bergleute, die zum Schichtbeginn an Moderator Lennart Hemme vorbeiströmen ist der Anblick gewöhnungsbedürftig. Zumal es vorher sicher noch nie Musik und Nachrichten im Grubengebäude gab. Wobei Musik und Nachrichten aus den aufgestellten Lautsprechern tönen, sie kommen aus dem Studio in Gelsenkirchen.

So funktioniert die Sendung unter Tage

Dort sitzt Nachmittagsmoderatorin Corinna Schröder zu für sie ungewohnter Stunde. Ab sechs Uhr übernimmt sie von dort für Lennart Hemme die Technik, rechnet für ihn aus, wann er on Air geht und wie lang er noch mit seinen Gästen sprechen darf. „Zehn“, kommt ihre Ansage aus der Box und Hemme weiß Bescheid. Er greift zum Mikro, in zehn Sekunden muss er loslegen, ist er live auf Sendung.

Das Studio von Lennart Hemme besteht an diesem Morgen aus einem kleinen Klapptisch, einem Laptop, einem Funkwecker und, ganz wichtig: Einem Handzähler. Damit hält das Team fest, wie oft während der Sendung der legendäre Bergmannsgruß fällt. Glückauf!

Stadtoberhäupter von Gelsenkirchen, Gladbeck und Bottrop zu Besuch

Spätestens als die drei Stadtoberhäupter aus Gladbeck, Bottrop und Gelsenkirchen ins Grubenstudio kommen, steigt die Zahl auf der Anzeige des Zählers. Auch sie sind an diesem Morgen früh aufgestanden, gegen 5 Uhr, um pünktlich einfahren zu können. Wie die drei auf den bevorstehenden Abschied vom Bergbau blicken? „Es ist eine sehr ernste Situation, das geht an unsere Wurzeln“, findet Gladbecks Bürgermeister Ulrich Roland. Bottrops Oberbürgermeister Bernd Tischler sieht in dem frei werdenden Gelände von Prosper Haniel auch eine Chance für seine Stadt und die Region, wenn sich dort neue Unternehmen ansiedeln werden. Jetzt wird es darauf ankommen, das Zusammengehörigkeitsgefühl im Ruhrgebiet weiterleben zu lassen, so Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski.

„Driiing driiiing.“ Das Läuten des ankommenden Förderkorbs auf der siebten Sohle kündigt wenig später den nächsten Gast an. Schlag auf Schlag kommen die Besucher, die Radio Emscher Lippe zu seiner ganz besonderen Morgensendung eingeladen hat.

Martin Max hat für seinen Erfolg zu malocht

Einer von ihnen ist auch Ex-Schalker Martin Max, der legendäre Eurofighter. Und Ex-Bergmann. „Es ist so sauber hier wo wir stehen, da bin ich ja was ganz anderes gewöhnt“, antwortet er auf Hemmes Frage, was sich denn verändert habe, seit er das letzte Mal unter Tage war. Gelernt habe er dort etwas fürs Leben: Für seinen Erfolg zu malochen. Martin Max ist an diesem Tag der einzige, der eine blaue Schutzbrille trägt. Alle anderen haben eine schwarze Brille auf der Nase sitzen.

Musikalisch wird es, als der Gelsenkirchener Rapper „Muetze“ im Grubenstudio ankommt. Es ist inzwischen nach acht, der Berufsverkehr läuft und so kommt der Musiker direkt aus dem Stau ins Bergwerk. „Schicht im Schacht“ heißt sein Song, in dem er die Gefühle eines Bergmanns an seinem letzten Arbeitstag beschreibt. „Jetzt hab ich eine Gänsehaut“, bekennt Lennart Hemme, nach dem der Musiker das Stück live gerappt hat.

Thomas Menzel hat am Donnerstagmorgen noch einmal die Chance, unter Tage zu kommen. Er war einer von über hundert Bewerbern, der mit dem Radiosender einfahren wollte. Der 37-Jährige bekam die Zusage, schließlich schuftete er 15 Jahre lang auf Prosper Haniel, bevor er sich zum Feuerwehrmann ausbilden ließ. „Ich fühle mich hier unten pudelwohl und genieße die Zeit total.“ Auch den ein oder anderen einstigen Kumpel trifft er wieder. Dass das den baldigen Abschied nicht vereinfachen wird, ist klar. „Wenn ich nachher wieder ausfahren, werden riesige Krokodilstränen kullern“, sagt er der WAZ, die ebenfalls mit hinab in 1200 Meter Tiefe fuhr.

Der Video-Livestream funktioniert nicht

43 Mal ist an diesem Morgen bislang der Bergmannsgruß in der Sendung gefallen. „Ich ergänze noch eins“, sagt Lennart Hemme in seiner nächsten Anmoderation: Glückauf! „Klick“ macht der Zähler in der Hand von Timo Düngen, der Redakteur an der Seite des Moderators. 68 dieser charakteristischen Grüße werden es am Ende der Sendung sein.

Das einzige, das an diesem Tag nicht funktioniert, ist der Video-Livestream. Franz Löseke von AVT-Events, dem Dienstleister von REL, schickt also nach jedem Gast ein kleines Video auf die Facebook-Seite des Senders. REL-Chefredakteur Ralf Laskowski nimmt es gelassen.„Das wäre noch das Sahnehäubchen gewesen. Aber der Kuchen schmeckt auch ohne Sahne.“ „Die Sendung an diesem historisch bedeutsamen Ort, das war schon toll“, sagt Lennart Hemme, der in Begrmannskluft hinter seinem roten Mikro steht. „Ehrensache“, sagt er.

Zum Schluss der Sendung – wie könnte es auch anders sein – tönt noch einmal das Steigerlied, gesungen vom Chor der RAG, durch die Grube. Ende. Applaus.

>>> Eine Herausforderung auch für die Mitarbeiter

Im Halbstundentakt saust der Förderkorb in die Tiefe, bringt neue Gäste, holte andere ab. Auch für die Mitarbeiter des Bergwerks ist das Kommen und Gehen auf der siebten Sohle mit Aufwand verbunden. Schließlich können die Besucher nicht einfach allein einfahren. Sie werden abgeholt und zum Grubenstudio begleitet. „Wir bringen die Gäste so, wie sie gerade gebraucht werden“, sagt Michael Sagenschneider, Sprecher des Bergwerks. Der Sendung liegt ein straffer Zeitzplan zugrunde, der will eingehalten werden.

Glück für die Gäste des Radios: Weil sie nur kurzzeitig unter Tage sind und sich nur in der Nähe des Schachts aufhalten, müssen sie sich nicht komplett umkleiden. Sie schlüpfen in einen der so genannten Fahrmäntel, die einfach über der Alltagskleidung getragen werden. Helm, Leuchte und der Filter-Selbstretter, durch den bei Gefahr geatmet werden soll, gehören aber auch für die Kurzzeitgäste zur Pflichtausrüstung.

Nach der Schicht geht es zum Vorstellungsgespräch

Moderator Lennart Hemme dagegen hat sich komplett umgezogen. Er steht in voller Bergmannsmontur am Mikro. Neben Anzug und charakteristisch blau-weiß gestreiften Hemd gehören dazu auch Baumwollsocken, Sicherheitsschuhe und nicht zu vergessen die blaugraue Feinripp-Unterwäsche.

Auch Alexander Sauermann stellt sich in kompletter Montur hinter das REL-Mikro. Schließlich geht es nach dem Gespräch mit Lennart Hemme für ihn zur Schicht. Er ist noch aktiver Bergmann, für den Vorruhestand ist er im Gegensatz zu einigen seiner Kumpeln noch zu jung. Am Nachmittag hat er ein Vorstellungsgespräch. „Wir drücken die Daumen“, sagt Lennart Hemme.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben