WAZ Stadtteilcheck

Nahverkehr wird in Alt-Rentfort am schlechtesten bewertet

Haltestelle Josefkirche. Hier hält kein Linienbus mehr automatisch. Ein Taxibus muss individuell mindestens eine halbe Stunde vor Abfahrt bestellt werden.

Haltestelle Josefkirche. Hier hält kein Linienbus mehr automatisch. Ein Taxibus muss individuell mindestens eine halbe Stunde vor Abfahrt bestellt werden.

Foto: Marcus Esser WAZ / Esser WAZ

Gladbeck.  Die Gladbecker stellen dem Nahverkehrsangebot insgesamt eine gute Note aus. Dass es in Alt-Rentfort die schlechteste Note gab, hat Gründe.

Wie zufrieden sind die Gladbecker mit dem öffentlichen Nahverkehr, also mit dem Linienangebot von Bus und Bahn im Stadtgebiet? Das Ergebnis des WAZ Stadtteilchecks zeigt, dass die Bürger im Großen und Ganzen mit dem Angebot zufrieden sind. Die Antworten ergeben eine Gesamtnote von 2,55. Mit einer 2,14 haben Bürger in der Stadtmitte die beste Note ausgestellt. Kein Wunder, laufen hier doch alle Linien zentral zusammen, und bieten so die besten Anbindungen in alle Richtungen. Die schlechteste Note, ein Befriedigend (3,12), haben die Alt-Rentforter vergeben. Warum das so ist, erfuhr die WAZ bei einer Ortsbegehung.

Die amtierende Königin der Rentforter Schützen 1898, Annette Schmidt, erklärte sich auf Anfrage bereit, die Ortstour unterstützend zu begleiten. Mit der „Türöffnerin“ steht ihre Nachbarin Heidi Kepura sofort gerne Rede und Antwort. Die 86-Jährige outet sich als Bus-Vielfahrerin und ist „sehr zufrieden mit der Busanbindung“. Kein Wunder: Quasi direkt vor ihrer Haustür an der Josefstraße ist der Bushalt der Linien 254 und 258 Richtung Innenstadt. Sie wisse aber von anderen Alt-Rentfortern, besonders westlich der Nord-Süd-Tangente Josef-/Kampstraße, „dass sie sehr unzufrieden mit der Busanbindung sind, weil zum Beispiel die Haltestellen der dortigen Hegestraße Richtung Kirchhellen gar nicht mehr automatisch angefahren werden, sondern ein Taxibus bestellt werden muss“.

Junge Familien im Neubaugebiet Lottenstraße wünschen sich die Linienanbindung

Dass aber auch die östliche Hegestraße nicht mehr komplett angebunden ist, seitdem die neue Schleife des 258ers via Haldenstraße mit Anbindung von Rentfort-Nord gefahren werde, „und viele so weiter zum Bushalt laufen müssen“, berichtet Karin Schott. Die Seniorin (79) wartet an der Martin-Luther-Kirche auf den Bus. Kerstin Schumacher hat gerade ihre Kinder mit dem Rad von der Kita St. Josef abgeholt. Sie erzählt, dass sie Familien mit Schulkindern im westlichen Stadtteil kenne, „die sehr unzufrieden sind, dass die Bushaltestellen an der Hegestraße nicht im Linienverkehr angefahren werden“.

Viele junge Familien leben im Neubaugebiet an der Lottenstraße, dem nächsten Ziel der Ortsbegehung. Schnell ist dort der Kontakt an der Haustür zunächst zu Ilsa Dankert (43) hergestellt. Sie bestätigt sofort, „dass die fehlende Busanbindung ein wichtiges Thema für die Familien in der Siedlung ist“. Denn hier lebten „mehr als 70 Kinder, von denen die ersten auf weiterführende Schulen im Stadtzentrum gewechselt sind“, darunter ihre Tochter (elf). Gerade mit Blick auf die jetzt nahende dunkle und kalte Jahreszeit, würden es viele begrüßen, „wenn die Schulkinder von der nahen Haltestelle Ziegeleistraße mit dem Bus zur Innenstadt fahren könnten“.

Radweg direkt neben der Fahrbahn ist vielen Eltern zu unsicher für ihr Schulkind

Man sei aufgrund der schlechten Busanbindung ja quasi „gezwungen, die Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren“, sagt ihr direkter Nachbar Torsten Dyczka (47), dessen Tochter zum Ratsgymnasium gewechselt ist. Um die Umwelt etwas zu entlasten, bilde man Fahrgemeinschaften. „Klar können die Kinder bei schönem Wetter auch mit dem Rad fahren“, meint Jenny Hermann (38) von schräg gegenüber. Wenn es bald morgens noch dunkel sei, habe sie dabei aber „kein gutes Gefühl“, denn der mit der Fahrbahn kombinierte Radweg der viel befahrenen Hegestraße sei ihr für Tochter Lily (neun) „dann viel zu unsicher“. Notgedrungen würden die Kinder weiter im Elterntaxi zur Schule kutschiert.

Der Verkehrsplaner der Stadt, Thomas Ide, sagt, dass „Gladbeck grundsätzlich ein dichtes Busliniennetz hat und Bushaltestellen, im Schnitt maximal 300 Meter Fußweg von der Haustür entfernt, gut zu erreichen sind“. Die insgesamt gute Note für den Nahverkehr belege ja auch, „dass wir den Bedürfnissen der Bürger offensichtlich weitgehend gerecht werden“. Die Bedienung der westlichen Hegestraße in Alt-Rentfort sei im Fokus der Stadt und es bahne sich dazu „eine Lösung an“. Für die östliche Hegestraße stehe schon eine Verbesserung fest. „Nach Wegfall der Brückenbaustelle Beethovenstraße in Zweckel kann die Linie 254 wieder ohne Umweg fahren“, diese Zeitersparnis bringe im Netzplan Luft, „um die Haltestellen der östlichen Hegestraße ab 2021 wieder an die Linie anzubinden“.

Vestische und Stadt Gladbeck wollen schnellstmöglich eine Lösung finden

Jan Große-Geldermann von der Pressestelle der Vestischen Straßenbahnen AG bittet um Verständnis, dass man aufgrund des dichten VRR-weiten Liniennetzes, „mit seinen im Nahverkehrsplan aufeinander abgestimmten Verknüpfungen und Anschlüssen, nicht einfach flott eine Buslinie verändern kann“. Bei allein 99 Buslinien, die im Kreisgebiet verkehren, sei das wie bei einem großen Spinnennetz: „Zieht man an einem Faden, dann wackelt das ganze Netz“. Gleichwohl sei es Ziel, „in Kooperation mit der Stadt das Neubaugebiet Lottenstraße an das regelmäßig bediente Linienbusnetz anzuschließen“. Das zu planen und in den Verbandsgremien abzustimmen, brauche aber seine Zeit, „und ist realistisch wohl nicht vor dem Fahrplanwechsel 2022 hinzukriegen“, ergänzt Leistungsplaner Felix Becker.

Für die Schulkinder der Neubausiedlung sei aber kurzfristig eine Lösung möglich: „Die Eltern können den Taxibus 256 gemäß des Fahrplans quasi im Abo zu den gewünschten Zeiten anfordern, so dass die Schulkinder in der dunklen Jahreszeit am Morgen sicher Richtung Stadtmitte gelangen“, so Große-Geldermann.

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