Trinkhallen-Tour 2017

Musikalische Experimente am Straßenrand

Die Band "Die Verwechslung" machte auf ihrer dreiwöchigen Trinkhallen-Tour am Kiosk am Goetheplatz Staion.

Foto: Oliver Mengedoht

Die Band "Die Verwechslung" machte auf ihrer dreiwöchigen Trinkhallen-Tour am Kiosk am Goetheplatz Staion. Foto: Oliver Mengedoht

Gladbeck.   Die Band „Die Verwechslung“ machte Halt am Kiosk am Goetheplatz. So ungewohnt der Standort war, so ungewohnt war auch die Musik.

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Drei Bassklarinetten – da schwelgt der Musikliebhaber gedanklich schon in melancholisch melodischen Klangwelten. Doch Felix Fritsche, Florian Walter und Lutz Streun, das Trio „Verwechselung“, haben mit ihrer „Trinkhallen-Tour-Ruhr“ seit sieben Jahren anderes im Sinn, wie es der Name schon vermuten lässt. Sie verwandeln Kioske im Ruhrgebiet in experimentelle Bühnen für zeitgenössische improvisierte Musik. „Wir möchten den Neuorientierungsprozess greifbar machen“, sagt Walter.

Wie sich das anfühlt, davon können sich rund 20 Zuhörer und ein gutes Dutzend Passanten am Dienstagabend vor der „Bude“ von Hani Sharaf an der Humboldtstraße überzeugen. Der „Kiosk am Goetheplatz“ als temporäres Zentrum avantgardistischer Laute ist die zwölfte Station der diesjährigen Tournee. Die Klarinetten spielen in scheinbar chaotischem Wechsel einzelne Töne, punktuell gesetzt oder in endlos wiederholender Reihe, Achim Zepezauer portioniert zur Untermalung mit seinem „Tischlein elektrisch“ Mikrosamples aus der Live-Musik oder alten Vinylplatten und Soundkünstlerin Tintin Patrone bläst in ihrem Plastiktüten-Dudelsack – das ist so surreal wie die stehende Rolltreppe hinab zur Unterführung auf die andere Straßenseite.

Das Zauberwort heißt Aufmerksamkeit: Für die Umgebung, für den Umbruch

Es kreischt, wird ohrenbetäubend. „Da kriegste Kopfschmerzen“, murmelt eine junge Mutter mit Kinderwagen im Vorbeigehen. „Auch die Leute, die nicht stehenbleiben nehmen einen Moment der Klänge mit“, ist Walter überzeugt. Aufmerksamkeit heißt das Zauberwort, für die Umgebung, für den Umbruch. Da integriert sich plötzlich das Hupen vorbeifahrender Autos und das Klingen von Mobiltelefonen, ja sogar die Stimmen sprechender Passanten fügen sich in die komplexe Struktur.

Nichts ist zufällig, so chaotisch der Eindruck auch sein mag

Fritsch, Walter und Streun haben Musik studiert, Walter auch Komposition. Nichts ist zufällig, so chaotisch der Eindruck sein mag. Die Stücke haben Namen, „einen Aufhänger, einen Anfangsgedanken als Zugang zum Werk.“ „Udo Jürgens“ kommt bedrohlich daher, Zepezauer produziert Laute aus Millisekunden skandinavischer Gebete, aus den Klarinetten kommt nur tonlose Luft. Kryptisch auch der Titel „Wer bluten sagt, muss Gluten sagen“, hier bricht sich rhythmischer Beat eine Bahn durch das Wirrwarr von Klängen und offenbart die Entwicklung einer Meldodielinie.

Tintin Patrone steuert per großer bunter Kindertastatur ein Klavier aus dem Computer hinzu. Spürbar größere Akzeptanz macht sich auf den Gesichtern der meisten Anwesenden breit. „Hit the road Jack“, bemerkt ein Gast schmunzelnd, es bleibt sein Geheimnis, ob die Darbietung ihn an Ray Charles erinnert, oder er ihn gerne gehört hätte. Nach 45 Minuten ist das Spektakel vorbei, Passanten und Kunden des Kiosks haben sich während des Konzertes hinzugesellt, stellen Fragen, reden mit den Künstlern, reden über Gladbeck – das Konzept der „Trinkhallen-Tour“ geht auf.

Projekt expandiert international, geht in diesem Jahr nach Belgien, 2018 nach England

Regionen wie das Ruhrgebiet finden die Musiker spannend, das Projekt ist im Kulturhauptstadtjahr 2010 entstanden. „Unsere Heimat ist ein kultureller Hotspot“, ist der Essener überzeugt. Mittlerweile expandiert das Projekt auch international. Noch in diesem Jahr nach Belgien, in 2018 nach England. „Manchester, in eine Region mit ähnlicher struktureller Entwicklung wie das Ruhrgebiet“.

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