Freiwilligendienst

Im Gladbecker Drop Out baut René als Bufdi Vorurteile ab

René Sega  ist im Drop Out der erste Ansprechpartner für die Besucher. Von ihnen hört er viele Lebensgeschichten.

Foto: Oliver Mengedoht

René Sega ist im Drop Out der erste Ansprechpartner für die Besucher. Von ihnen hört er viele Lebensgeschichten. Foto: Oliver Mengedoht

Gladbeck.   René Sega macht nach seinem Abi Bundesfreiwilligendienst im „Drop Out“ der städtischen Drogenberatung. Einer seiner Jobs: Einfach mal zuhören.

Der 18-jährige René Sega leistet zurzeit einen Bundesfreiwilligendienst (Bufdi), bei dem Drogen eine wesentliche Rolle spielen. Das mag zunächst kurios klingen, klärt sich aber schnell auf. Der Gladbecker unterstützt das Team der Drogenberatungsstelle der Stadt Gladbeck an der Goethestraße 42.

Er ist quasi die gute Seele im Café-Treff „Drop Out“, das jeden Wochentag als niederschwellige Anlaufstelle für Drogenabhängige geöffnet ist. „Eine interessante Aufgabe, durch die ich persönlich auch reifer geworden bin und die ich nur weiterempfehlen kann“, zieht der sportliche Blondschopf Bilanz.

Statt zur Polizei in den Freiwilligendienst

Nach dem Abi am Ratsgymnasium habe er eigentlich eine Ausbildung bei der Polizei absolvieren wollen, erzählt der Bufdi weiter. Ein Bänderriss im Knie habe die Teilnahme am Bewerbungsverfahren aber verhindert, das auch eine sportliche Leistungsüberprüfung beinhalte. „Deshalb habe ich mir überlegt, einen einjährigen Freiwilligendienst zu leisten.“

Über Bekannte habe er erfahren, dass die Stadt auch Bufdi-Stellen bei der Drogen- oder Seniorenberatung zu vergeben hat. „Da bin ich einfach auf Krücken zum Drop Out gehumpelt und habe nachgefragt, was man hier überhaupt machen kann.“

Der aufgeweckte Schulabsolvent kam offensichtlich gut beim Beraterteam Vera Hohlmann und Wolfgang Roth an, so dass er schließlich die Stelle bekam. „Ich habe mir auch gedacht, das passt zu mir. Wenn einer das authentisch rüberbringen kann, wie es ist, ohne Drogen zu leben, bist du das“, sagt René grinsend, „da ich total dagegen bin und auch keinen Alkohol trinke.“

Vorurteile über Drogensüchtige abgebaut

Als neuer Mann hinter dem Café-Tresen habe er dann aber seine Vorstellungen vom typischen Drogenabhängigen schnell korrigieren müssen. Klar gebe es auch einige, die dem Klischeebild eines heruntergekommenen Abhängigen entsprächen.

Aber der Großteil der Drop-Out-Besucher habe eben nicht diesem Vorurteil entsprochen. „Das sind ganz normal aussehende Leute, von denen mir einige auch zuvor schon mal in der Stadt begegnet sind, bei denen ich nie vermutet hätte, dass sie etwas mit Drogen zu tun haben oder hatten.“

Besucher sind Gladbecker verschiedener Altersklassen, die das Hilfsangebot der Drogenberatung mehr oder weniger regelmäßig nutzen. Als erster Ansprechpartner im Café, bevor es dann weiter zu den professionellen Beratern geht, erfahre er oft einiges aus dem bewegten Leben der Stammkunden, sagt René Sega. Etwa von Günther*, der mit mehr als 60 Jahren wohl der älteste Klient sei und mit der Ersatzdroge Methadon seine Sucht kontrolliere.

Verantwortung der Eltern, Vorbilder zu sein

„Bereits im Alter von 16 Jahren hat Günther harte Drogen genommen“, und auch seine Frau, die vor zwei Jahren gestorben sei, sei süchtig gewesen. Ihre Kinder hätten die Sucht der Eltern miterleben müssen, sagt René. Eine der mittlerweile erwachsenen Töchter sei nun selbst abhängig. Das zeige ihm, „welche Verantwortung Eltern als Vorbilder haben.“

Besonders berührt hat ihn das Schicksal von Peter*, einem aufgeschlossenen, humorvollen Mann in den 30ern. Mal sei der mit feinen Designer-Handschuhen aufgetaucht, mal mit einer nagelneuen Uhr, vor der er behauptete, sie habe einfach auf der Straße gelegen. In Wahrheit habe er sich wohl mit Diebstählen seine Sucht finanziert.

Und dann sei die überraschende Nachricht gekommen: „Der Peter ist tot.“ Vermutlich eine Überdosis – ob aus Versehen, oder mit Absicht, das sei unklar. „In meinem Kopf bleibt auf jeden Fall das Bild von Peter, wie er im Café sitzt und zur Musik aus dem Radio begeistert und fröhlich im Takt mit dem Kopf wippt.“

Erfolgsgeschichten und tragische Schicksale

Ihn selbst tröste es, dass er im Drop Out auch ehemalige Junkies kennenlernen konnte, „die es mit der Hilfe der Drogenberatung geschafft haben, clean zu werden, die ihr Leben in den Griff bekommen und einen Job haben.“

René Sega mit seinen Kolleginnen Vera Hohlmann und Iris Berger. left Das Jahr als Freiwilliger bei der Drogenberatung habe ihn darin bestärkt, einen Job zu ergreifen, der der Gesellschaft diene. Nach dem Bufdi will er eine Ausbildung beim Sicherheitsdienst der Deutschen Bahn machen.

„In Bahnhöfen hat man auch immer wieder mit Drogenabhängigen zu tun“, sagt René Sega. Dann sei es für ihn bestimmt von Vorteil, durch die Bufdi-Zeit im Drop Out zu wissen, wie er die Menschen ansprechen könne.

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