Historie

Gladbecker Amtsgerichtsgebäude ist 100 Jahre alt geworden

Das Amtsgericht heute - saniert und seit bald zehn Jahren mit einem modernen Anbau an der Schützenstraße. Foto:Heinrich Jung

Das Amtsgericht heute - saniert und seit bald zehn Jahren mit einem modernen Anbau an der Schützenstraße. Foto:Heinrich Jung

Gladbeck.  Am 31. Januar 1917 bezogen Richter und Justizangestellte den massiven Neubau. Mitten im 1. Weltkrieg gab es aber keine Feierlichkeiten.

Vor genau 100 Jahren, am 31. Januar 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde das imposante Amtsgerichtsgebäude an der Ecke Friedrich-/Schützenstraße bezogen. Angesichts der Kriegswirren gab es bei der Inbetriebnahme des repräsentativen Justizneubaus weder hochherrschaftliche Gäste noch eine Feierstunde.

„Die Übergabe vollzog sich in aller Stille“, weiß Bernd Grewer, ehemaliger Amtsgerichtsdirektor, der die Geschichte des Gerichtsgebäudes recherchierte. „Die Menschen hatten damals andere Sorgen, als ein Gebäude zu eröffnen.“ Eine rauschende Feier habe man in den ernsten Zeiten als unangemessen empfunden. Dennoch: Der stattliche Bau mit dem aus einem 65 Zentner großen Tuffsteinblock gehauenen Adler über dem Hauptportal war der Stolz der Gemeinde.

Das Amtsgericht wurde bereits 1913 gegründet

Erst vier Jahre zuvor, am 1. Februar 1913, war das Amtsgericht Gladbeck überhaupt gegründet worden. Es wurde im 1907 erbauten Alten Amtshaus (Hochstraße) untergebracht. Doch von Anfang war klar, dass das Amtshaus nur eine vorübergehende Bleibe war. Noch vor Gründung schlossen Ende 1912 der preußische Justizfiskus und die Gemeinde Gladbeck einen „Bau- und Mietvertrag“, weiß Grewer.

Die Gemeinde verpflichtete sich, auf ihrem Grundstück an der Ecke Friedrich-/Schützenstraße – es war das alte Gelände des Kotten Küper – ein Gerichtsgebäude samt Gefängnis und Dienstwohnungen für „Unterbeamte“ zu bauen. Hinzu kam ein Haus mit zwei Richterdienstwohnungen. Der Bau wurde in einer Zeit des Aufbruchs, der euphorischen Stadtentwicklung verabredet, als viele andere repräsentative Häuser entstanden (u.a. Rathaus, Gymnasium, Schlachthof, Kaiser-Wilhelm-Bad).

Die Gladbecker Bauverwaltung plante das Ensemble

Das Gebäudeensemble wurde von der Gladbecker Bauverwaltung geplant und bestand aus Richterhaus (zwei Wohnungen), Gefängnis (mit 26 Zellen), Aufseherhaus und dem eigentlichen Amtsgerichtsgebäude, das sechs Richtern Platz bot. Wie großzügig und vorausschauend geplant wurde, so Grewer, zeige sich daran, dass das Amtsgericht 1917 nur drei Richterstellen hatte und bis in die 70er Jahre ausreichend Platz für dann sechs Richter bot.

Doch der Baubeginn verzögerte sich – erst im Dezember 1913 fiel der Startschuss. Zunächst wurden die Richterwohnungen hochgezogen, die elf Monate später fertig waren. Direkt im Anschluss begannen die Bauarbeiten des eigentlichen Amtsgerichtsgebäudes und des Gefängnisses, sie waren Ende 1916 fertig. Zunehmend störten Kriegseinwirkungen die Bautätigkeiten.

Im 2. Weltkrieg gab es kaum Schäden am Gebäude

Die Hauptfront des Gerichtsgebäudes liegt an der Friedrichstraße. Den repräsentativen Schmuck bildet der ungewöhnlich stattliche und mit einem mächtigen Rundgiebel gekrönte Mittelbau des Gerichts samt Eingang, der vollständig in Ettringer Tuffstein ausgeführt ist, wie Grewer herausfand. Das Grau des Tuffsteins harmoniert mit dem Naturton des Putzes der Seitenflügel. Zusammen mit dem Finanzamt und dem Polizeiamt bildet das Justizgebäude ein repräsentatives Ensemble von Behördenbauten am Jovyplatz.

Den 2. Weltkrieg überstand das massive Gerichtshaus fast ohne Schaden. Nur der Flügel zur Schützenstraße wurde etwas beschädigt, konnte aber zügig wieder hergestellt werden. „Wichtiger aber war die Wiederherstellung des Vertrauens der Bürger in die Rechtsprechung“, heißt es bei Gericht. Das Gefängnis wurde übrigens vor langer Zeit abgerissen, die Grundfläche wurde zum Parkplatz umfunktioniert. Genau vor zehn Jahren wurde übrigens mit dem Bau des Anbaus und heutigen Haupteingangs an der Schützenstraße begonnen, der 2008 bezogen wurde.

In einer Richterwohnung lebte mal ein Oberstadtdirektor

Das Haus mit den Richterwohnungen (rechts neben der alten Jovy-Villa, heute VHS) hat den 2. Weltkrieg nahezu unbeschadet überstanden. Nach dem Krieg, fand Bernd Grewer heraus, war es angesichts der Wohnungsnot für kurze Zeit der Wohnort für den damaligen Oberstadtdirektor Dr. Boden und seiner Familie. Die östlich gelegene Haushälfte des Richterhauses wurde bis in die späten 70er Jahre von einem Amtsrichter und seiner Familie bewohnt und später verkauft. Aus der westlich gelegenen Richterwohnung waren, so Grewer, zwischenzeitlich Büroräume für die Bewährungshilfe untergebracht.

Aktuell arbeiten am Amtsgericht 55 Beschäftigte

Bei Renovierungsarbeiten am Amtsgerichtsgebäude selbst Anfang der achtziger Jahre plante die staatliche Bauverwaltung, so Grewer, den repräsentativen Hauptschmuck der gesamten Anlage, den vollständig in Ettringer Tuffstein ausgeführten Mittelbau des Amtsgerichts, mit Farbe zu überstreichen und damit seiner Wirkung zu berauben. „Es bedurfte der gemeinsamen Anstrengungen der Behördenleitung, der Richterschaft und aller Angehörigen des Amtsgerichts, diesen Frevel zu verhindern und den Tuffstein, der nun 100 Jahre überdauert hat, in seiner ursprünglichen ansehnlichen Form zu erhalten.“Das Amtsgerichtsgebäude ist, trotz aller den neuen Anforderungen geschuldeter Änderungen, darunter ein behindertengerechter Eingang und Erweiterungen, bis heute funktionsfähig und Sitz der Rechtsprechung in Gladbeck.

Heute arbeitet im Amtsgericht Gladbeck mit seinem modernen Anbau ein 55-köpfiges Team, darunter acht Richter. Leiter ist seit gut zwei Jahren Amtsgerichtsdirektor Bernd Wedig, der aus Buer nach Gladbeck kam.

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