Literatur-Förderung

Gerd Herholz kritisiert die Sprachlosigkeit im Kulturbetrieb

Im Jahr 2011 lautete der Titel des Herbstprojektes „PoesiePalastRuhr“. Gerd Herholz, wissenschaftlicher Leiter des Literaturbüros Ruhr, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Verena Geiger, stellten die Lesereihe vor.

Foto: MEINERT, Franz

Im Jahr 2011 lautete der Titel des Herbstprojektes „PoesiePalastRuhr“. Gerd Herholz, wissenschaftlicher Leiter des Literaturbüros Ruhr, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Verena Geiger, stellten die Lesereihe vor. Foto: MEINERT, Franz

Gladbeck.   Leiter des Literaturbüros NRW geht in den Ruhestand. Vorher rechnet er aber noch ab - mit der mangelnden Unterstützung für die Kulturförderung.

„Meine Kollegin Verena Geiger hat bereits am 9. März das Literaturbüro Ruhr verlassen, ich tue dies nun heute“, schreibt der scheidende wissenschaftliche Leiter des Literaturbüros Ruhr in Gladbeck, Gerd Herholz (65), in einer Kurzmitteilung, die er jetzt, an seinem letzten Arbeitstag, an Kollegen und Freunde verschickt.

Seit 1987 leitete Herholz das Büro, das sich der Lese- und Autorenförderung verschrieben hat. 1985 hatte der Rat der Stadt Gladbeck dem Beschluss des damaligen Kultusministeriums und des heutigen Regionalverbandes Ruhr (RVR) über die „Installierung“ des Literaturbüros Ruhr in Gladbeck zugestimmt, das – so die Ratsvorlage – „keineswegs eine Einrichtung zur örtlichen Selbstversorgung“ sein sollte. Vielmehr komme dem Literaturbüro „ein regionaler Auftrag mit Ausstrahlung und Einwirkung in die Städte des Ruhrgebiets und der Umgebung zu.“ „Den haben wir trotz karger Ausstattung erfolgreich erfüllt“, bekräftigt Gerd Herholz im Interview mit der WAZ.

Sie haben Ihre Stelle zum 1. April 2018 gekündigt. Warum kam ein „Weiter so“ für Sie nicht mehr infrage?

Das hatte zwei wesentliche Gründe. Einer davon heißt Sprachlosigkeit – auf vielen Ebenen. Es gab zu wenig Kommunikation mit dem Vorstand, der Vereinsvorsitzenden, der ehemaligen Gladbecker Kulturdezernentin Nina Frense, und damit auch mit der Stadt Gladbeck und anderen. Für den Verein oder den Regionalverband entwerfe ich seit Jahren Konzepte zur Zukunft des Literaturbüros, aber sie wurden nicht diskutiert. Dieser mangelnden Gesprächsbereitschaft wollte ich mich nicht länger aussetzen.

Ein weiterer Grund war das neue Festival lit. RUHR, das nicht nur ich, sondern viele andere in der Literaturszene im Ruhrgebiet als schlechte Kopie der lit. COLOGNE sehen. Plötzlich sind dafür an jeweils fünf Tagen in fünf Jahren insgesamt zweieinhalb Mio Euro Fördergelder kein Problem mehr, obwohl wir, die wir hier umfassende Literaturförderung an 365 Tagen im Jahr betreiben, immer wieder eine bessere finanzielle Ausstattung angemahnt hatten.

Dazu sagt Bodo Hombach, mit der Brost-Stiftung einer der Förderer der lit.RUHR, das „Kirchturmdenken der Literaturszene verhindere eine städteübergreifende Kooperation.

Das ist falsch. Wir und andere haben mit unseren regionalen Literaturprojekten Jahr für Jahr bewiesen, dass Kirchturmdenken keine Rolle spielt. Das Literaturbüro Ruhr mit seinen vielfältigen Kooperationen längs der Ruhr ist da geradezu eine Modelleinrichtung, deren Arbeit allerdings selten wertgeschätzt wurde. Dabei waren und sind wir DIE Klammer für literarische Arbeit im Ruhrgebiet. Bodo Hombach gibt schlicht den schwarzen Peter für Versäumnisse an die Literaturszene im Revier weiter.

Sie kritisieren, dass auch die Stadt Gladbeck es hat an Aufmerksamkeit für Ihre Arbeit fehlen lassen?

Naja, seit 15 Jahren wurde unser Budget nicht erhöht, obwohl sich alle Bereiche der Arbeit von Autorenhonoraren bis zu Hotel- oder Druckkosten enorm verteuert haben. Es war gut und richtig, das Literaturbüro in Gladbeck anzusiedeln. Aber man hätte im Rahmen des Stadtmarketings z. B. viel stärker mit uns werben können. Es sind einfach viele Entwicklungsmöglichkeiten liegen gelassen worden.

Nun steht zu diesem Zeitpunkt aber das Literaturbüro so gut da wie lange nicht mehr. Was ist da passiert?

Ja, erfreulicherweise hat das Land NRW die jährliche Förderung um 30 000 Euro erhöht und der RVR hat nach 15 Jahren Stillstand für 2018 endlich den Zuschuss für die Ausrichtung seines Literaturpreises Ruhr angehoben. Das sind starke erste Signale für einen neuen Entwicklungsschub. Darüber hinaus habe ich alle Weichen gestellt für die Durchführung eines großen Herbstprojektes 2018. Und die Vorbereitungen für den diesjährigen Literaturpreis Ruhr sowie die Autorenweiterbildungen sind auf einem guten Weg.

Mit welchen Gefühlen verabschieden Sie sich in den Ruhestand?

Ich bin – was planlose Kulturpolitik im Ruhrgebiet angeht – zwar desillusioniert, aber persönlich überhaupt nicht verbittert. Es ist schade, dass jetzt ein Vakuum in unserer Arbeit entsteht. Ich hätte gerne eine geordnete Übergabe mit unseren Nachfolgern hinbekommen, aber die sind leider noch nicht ausgesucht worden, obwohl es gute Bewerbungen gibt. Insgesamt aber hat das Literaturbüro Ruhr gute Chancen, sich unter verbesserten Rahmenbedingungen inhaltlich wie personell weiterzuentwickeln. Zudem ist Linda Wagner, die neue Kulturdezernentin (und mögliche neue Vorsitzende des Vereins Literaturbüro Ruhr), sehr interessiert an einer positiven Entwicklung des Büros, wie sie uns noch gesagt hat.

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