Kritische Hebammen

Geburtshaus keine leichte Geburt

Selbstständige Gesellschafterinnen, die sich auch privat gut verstehen: Hebamme Anne Stolzenberger erwartet Zwillinge und lässt sich von Kollegin Katharina Schulte-Batenbrock untersuchen. Leyla Gürses passt derweil auf ihr Söhnchen Henri (3) auf.

Selbstständige Gesellschafterinnen, die sich auch privat gut verstehen: Hebamme Anne Stolzenberger erwartet Zwillinge und lässt sich von Kollegin Katharina Schulte-Batenbrock untersuchen. Leyla Gürses passt derweil auf ihr Söhnchen Henri (3) auf.

Foto: Joachim Kleine-Büning

Gladbeck.  Selbstständige Hebammen begrüßen die Geburtshaus-Idee. Sie sehen die Umsetzung in Gladbeck aber mit Skepsis und nennen die wichtigsten Gründe.

„Ein Geburtshaus für Gladbeck, das wäre eine wunderschöne Sache“, sagen die Hebammen Katharina Schulte-Batenbrock (30), Anne Stolzenberger (30) und Leyla Gürses (28). Aber sie denken, dass die Umsetzung der Idee wohl keine leichte Geburt wird und „einen Anreiz in Form von externer Unterstützung braucht“. Das Trio betreibt an der Roßheidestraße in Brauck eine Hebammenpraxis – allerdings ohne Geburtszimmer – und begründet beim Besuch der WAZ die Gründe für die Skepsis.

Im Sommer 2013 wurde der Schritt in die Selbständigkeit gewagt, eine Wohnung im Mehrfamilienhaus mit viel Eigenleistung zur Praxis mit großem Kurs- und Untersuchungsraum umgebaut. Das Angebot hat sich über Mundpropaganda schnell herumgesprochen, so dass die Hebammen, die von zwei weiteren Kolleginnen unterstützt werden, mittlerweile etwa 150 Familien, beziehungsweise Schwangere pro Jahr auf dem Weg zur Geburt und danach begleiten.

Das Kostenrisiko war uns zu hoch

Warum sie selbst auf dem Weg in die Selbstständigkeit nicht den etwas größeren Schritt zur Praxis mit Geburtszimmer gewagt haben? Das seien mehrere Gründe gewesen. „Zunächst war uns das Kostenrisiko vor gut drei Jahren zu hoch, da die Haftpflichtversicherung noch nicht zum Teil über die Krankenkassen gegenfinanziert werden konnte“, erklärt Schulte-Batenbrock. Heute könne man zwar über den gewährten Sicherstellungszuschlag bei Kosten der Police von etwa 7600 Euro pro entbindender Hebamme einen Großteil abziehen, „es bleiben aber immer noch Kosten von jeweils mehr als 2000 Euro übrig“.

Eine Belastung die sich bei der Selbständigkeit zur Monatsmiete für die Praxis von mindestens 100 Quadrametern Größe und die Anfangsinvestitionen von Renovierung, Umbau und Ausstattung hinzu addiere. „Mit der Unsicherheit, ob sich überhaupt viele Frauen finden, die im Geburtshaus entbinden wollen“, ergänzt Anne Stolzenberger, die selbst Zwillinge erwartet.

Nur drei Hausgeburten nachgefragt

Sie machten nämlich bei den von ihnen betreuten Familien bislang die Erfahrung, „dass nur zwei bis drei Frauen im Jahr eine Geburt im Geburtshaus nachfragen“, die bislang nach Essen verwiesen werden. Die Gesellschafterinnen haben selbst, trotz der Schließung der Geburtshilfe in St. Barbara, auch keinen Ansporn, ihre Praxis mit Geburtszimmer auszuweiten. „So wie jetzt alles läuft, sind wir sehr zufrieden und können prima Familie, Kinder und Beruf miteinander verbinden“, so Leyla Gürses. Freiheiten, die durch die Hausgeburten und die Rufbereitschaft an sieben Tagen in der Woche sicherlich eingeschränkt würde.

Ihre regelmäßige Geburtenpraxis, die sie ja auch ihren Wunschberuf habe ergreifen lassen, haben sich die Kolleginnen aber erhalten, indem sie noch Teilzeit in umliegenden Kliniken als Hebammen arbeiten. „Das schafft auch zusätzliche finanzielle Sicherheit und erweitert den Erfahrungshoizont“, so Leyla Gürses.

Kein Stellenmangel auf dem Arbeitsmarkt

Klar sei, dass ein Gladbecker Geburtshaus nur mit Hebammen gelinge, „die den Schritt in die Selbständigkeit wagen wollen“. Erschwerend käme da aber hinzu, dass auf dem Arbeitsmarkt kein Stellenmangel herrsche. „Viele Kliniken suchen Hebammen und stellen oft Kräfte aus dem Ausland ein, da es zu wenig Bewerberinnen gibt.“ Sie selbst suchten ja auch eine Kollegin, „da wir vor haben, die Praxisräume zu erweitern“.

Um den Anreiz für die Geburtshaus-Gründung zu erhöhen, wäre es sicherlich von Vorteil, „wenn interessierten Hebammen in Gladbeck von der Wirtschaftsförderung schon finanzierbare, freie Räumlichkeiten für eine Praxis benannt werden könnten“. Und, auch darin ist sich das Trio einig: „Entlastung durch eine Finanzspritze bei den weiteren Kosten“, könne die Idee sicherlich zudem befördern.

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