Bergbau-Erinnerungen

Frauen aus dem Ruhrgebiet erzählen ihre Bergbau-Geschichten

Aynur Ezici, Guiseppa Isbudah und Elif Cetin (v. l.) erzählten von ihren Erfahrungen und Erinnerungen.

Aynur Ezici, Guiseppa Isbudah und Elif Cetin (v. l.) erzählten von ihren Erfahrungen und Erinnerungen.

Foto: Oliver Mengedoht

Gladbeck.   Im Mädchenzentrum Gladbeck kamen Mütter, Töchter und Enkel aus Gastarbeiterfamilien zu Wort. Ausstellungsstücke erinnern an eine prägende Zeit.

Der Bergbau ist gegangen, aber die Menschen und deren Geschichten bleiben. Hinter jedem Kumpel stand meistens eine starke Frau. In der Vergangenheit kamen aber oft die Männer zu Wort und berichteten von ihren Erinnerungen an die Zeit unter und über Tage.

Das Internationale Mädchenzentrum an der Boystraße hat nun sein Projekt „Frauen erzählen Bergbau-Geschichte“ vorgestellt.

Ehefrauen, Töchter und Enkeltöchter der ersten Gastarbeiter-Generation

„Es gab auch Ehefrauen, Töchter und Enkeltöchter der ersten Gastarbeitergeneration“, erklärt Esther Montzka, Leiterin des Mädchenzentrums, die Ausgangsidee des Projekts. In einer Gesprächsrunde mit dem Bundestagsabgeordneten Michael Gerdes und dem Landtagsabgeordneten Michael Hübner (beide SPD), die ebenfalls einen familiären Bergbau-Hintergrund nachweisen können, berichteten die Frauen bewegend und mit teils stockender Stimme von ihrer Familiengeschichte. Sie stammen aus der Türkei, Marokko, Tunesien und Italien und kehrten ihrer Heimat für ein besseres Leben den Rücken. Im Ruhrgebiet fanden sie Arbeit und ein zweites Zuhause.

Es sind Erzählungen wie die von Aynur Ezici und Elif Cetin, deren Familiengeschichten eng mit dem Bergbau verbunden sind. Aynur Ezicis Vater kam 1970 aus der Türkei. Erst vier Jahre später folgte ihre Mutter mit ihr und den zwei Geschwistern. Die Mutter hatte Probleme mit der deutschen Sprache. Zum Beispiel bei Behördengängen brauchte sie Hilfe. Die Familie unterstützte sie so gut es ging. In Aynur Ezicis Erinnerung hat der Vater viel und hart gearbeitet. Mit Mitte vierzig ging er in Rente, zuvor hatte er einen Unfall unter Tage gehabt.

Bis zur Erschöpfung gearbeitet

Die Angst war in Bergbaufamilien ein täglicher Begleiter. Auch das wurde in die Gesprächsrunde deutlich. „Immer, wenn das Telefon klingelte, habe ich gehofft, dass es nicht die Zeche ist“, gewährt Elif Cetin Einblicke in ihre damalige Gefühlswelt. Seit 1970 arbeitete ihr Mann auf der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen unter Tage. Nur zweimal habe er sich verletzt. „Die Unfälle waren aber zum Glück nicht so schlimm“, sagt sie. Auch ihr Mann habe sehr viel gearbeitet. Nicht selten bis zur körperlichen Erschöpfung. „Wenn er nach Hause kam, hatte ich gekocht, aber er war oft so müde, dass er beim Essen fast eingeschlafen wäre.“

Jede Frau hatte zur Gesprächsrunde persönliche Exponate aus dem Bergbau mitgebracht. Bei der Suche nach den Relikten begaben sie sich zugleich auf Spurensuche in ihrer eigenen Familie. Sie stöberten dafür in den Archiven. Ausgestellt wurden Gegenstände, die sie mit der Zeit verbinden: Bergmannskleidung, eine Grubenlampe, ein original Bergmannsbuch der Gladbecker Zeche Graf Moltke, Seife, ein gelber Grubenhelm und diverse Fläschchen mit Schnupftabak.

„Unter Tage war es egal, welcher Nationalität man angehörte“

Michael Gerdes, vor seiner Zeit als Politiker jahrelang als Elektriker auf dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop beschäftigt, gönnte sich bei dem wehmütigen Anblick umgehend eine Prise. „Unter Tage war es egal, welcher Nationalität man angehörte. Es wurde nicht gefragt, wo man herkommt“, berichtete er aus eigener Erfahrung. „Es ging darum, anzupacken und sich aufeinander verlassen zu können.“

Projekt: Mädchen zeigen in Fotografien ihre Gefühle

„Wow, ich war echt beeindruckt. Ihr habt tolle Sachen gemacht!“, lobte Fotografin Iris Wolf die acht Teilnehmerinnen eines Fotoprojekts des Internationalen Mädchenzentrums.

In Kooperation mit der Landesarbeitgemeinschaft Kunst & Medien hatten Mädchen ab zehn Jahren mit und ohne Fluchtgeschichte sich in wöchentlichen Workshops mit der Fotografin mit Fotografie auseinandergesetzt.

Die dabei entstandenen Fotos sind in einer Ausstellung „Ich kann in meiner Kunst verschwinden“ in der Stadtbücherei bis zum 23. Februar zu sehen.

Gerade in dem Alter sei die Identitätsfrage sowie die Selbstentwicklung von großer Bedeutung, so Lina Matzoll vom Mädchenzentrum. In dem Projekt haben die Mädchen sich mit dieser Identitätsfrage beschäftigt, indem sie internationale Künstlerinnen mit ihren Arbeiten und unterschiedlichen Lebensentwürfen kennenlernten.

„So sehe ich aus, wenn ich müde“

Den Mädchen fiel schnell auf, dass beim Betrachten von Fotos Assoziationen entstehen. „So sehe ich aus, wenn ich müde bin“, äußerte sich ein Mädchen spontan. Auf eine selbstbestimmte und spielerische Art und Weise versuchten die Mädchen dann in ihren Arbeiten, ihre Ideen und Gefühle durch unterschiedliche Möglichkeiten darzustellen. Sie erarbeiteten inszenierte Bilder, Polaroids und Collagen, standen vor und hinter der Kamera. Das Spannungsfeld des Projektes sei gewesen, zum einen in der Kunst zu verschwinden, zum anderen aber auch sichtbar zu werden, so Lina Matzoll. (Mevize Meryem Candan)

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