Serie Bombennächte

Flakhelferin im Bombenhagel

Eine Gruppe junger Flakhelferinnen ist für den Fotografen neben dem riesigen Scheinwerfer angetreten, der zur Bomberabwehr durch sie bedient wird.

Eine Gruppe junger Flakhelferinnen ist für den Fotografen neben dem riesigen Scheinwerfer angetreten, der zur Bomberabwehr durch sie bedient wird.

Foto: privat

Gladbeck.  Die Gladbeckerin Maria Paßfeld wurde im Alter von 20 Jahren Ende 1944 zwangsrekrutiert, um die Luftabwehrzu unterstützen. Viele ihrer jungen Kameradinnen kamen bei Angriffen ums Leben

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„Für meinen Verlobten habe ich das alles in einem Tagebuch aufgeschrieben. Um nichts zu vergessen, damit er später erfahren kann, was ich erlebt habe – über das ich so gerne mit ihm gesprochen hätte“, erzählt Maria Paßfeld. Damals, Ende 1944, war die Gladbeckerin 20 Jahre alt. Ihr Verlobter Bernhard Siemen ist leider nie aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und in der Fremde verstorben. Das Tagebuch der heute 90-Jährigen ist ein wichtiges Dokument lokaler Zeitgeschichte, das belegt, wie in der finalen Kriegsphase auch Mädchen und junge Frauen als letztes Aufgebot zwangsrekrutiert wurden, um in Flakbatterien an Scheinwerfern und Horchgeräten zur Luftverteidigung eingesetzt zu werden.

Wie alle Mädel ihres 1924er Jahrgangs leistete Maria Paßfeld im Reicharbeitsdienst ihre Pflichtzeit ab, „bei einem Bauer in Castrop-Rauxel als Küchenhilfe“. Bis unerwartet bei ihren Eltern im Zechenhaus an der Hügelstraße auf dem Rosenhügel besondere Post im Briefkasten lag. „Da hieß es, dass alle Mädchen meines Jahrgangs sich zum Kriegseinsatz melden müssen. Auf dem Arbeitsamt wurde uns klar gemacht, dass sich keiner weigern dürfte.“ Nach Abschied unter Tränen sei sie so am 11. Oktober 1944 von Bochum aus mit unbekanntem Ziel Richtung Norden gefahren.

Vereidigt auf Führer und Vaterland

Die Mädchen aus dem Ruhrgebiet kamen schließlich im zwischen Husum und Kiel gelegenen Rendsburg an, um in der dortigen Flakkaserne alte, meist viel zu große Soldatenuniformen ausgehändigt zu bekommen. „Wir waren alle unglücklich, wir wussten nicht was sie mit uns vor hatten“, schreibt Maria Paßfeld. Als sie hört, dass sie auch Pistolen bekommen sollen, ist sie empört. „Ich hab meine Uniform gebündelt unters Bett gelegt, mit dem festen Vorsatz, die ziehst du nie an.“

Vergeblich, die Frauen werden schließlich auf Führer, Volk und Vaterland vereidigt. „Dabei wurde uns gesagt, dass wir nicht mehr weglaufen dürften, (...) sonst würden wir gehenkt wie die Gänse.“ Mit einem Sonderzug kam Maria Paßfeld mit ihren Kameradinnen am 15. Oktober 1944 in der Flakkaserne Hannover-Bothfeld an. Hier erfährt sie, was sie sofort ins Tagebuch schreibt: „Wir sollen am Scheinwerfer ausgebildet werden und die Soldaten ablösen, die zur Kanonenbatterie kommen, unsere Ausbildung soll drei Wochen dauern.“ Die Frauen lernen mehr schlecht als recht, wie man den großen Richtscheinwerfer bedient, in dessen Lichtkegel nachts heranfliegende Bomber als Ziel für die Fugabwehr erfasst werden sollen. Der 20-Jährigen ist elend zu Mute, voller Heimweh träumt sie „jede Nacht von Zuhause“. So weit das möglich ist: „Es vergeht fast kein Abend ohne Fliegeralarm. Die halbe Nacht sitzen wir im Keller“, schreibt sie am 1. November 1944.

„Jetzt wirds langsam ernst“

Wie das Ruhrgebiet wird auch Hannover stark bombardiert. Am 4. November ist die Kaserne Ziel und wird total zerstört: „Unser Block hatte einen Volltreffer bekommen, der Keller hob und senkte sich, die Luft war ganz dick. (...) Ich bin einem Soldat der die Aufsicht hatte zwischen die Beine gekrochen und hab geschrien: Hergott helf’ uns.“

Die Flakhelferinnen werden aufgeteilt und in Scheinwerferstellungen im Verteidigungsring um Hannover verteilt. Maria Paßfeld wird zur Abwehrstellung 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ins südöstlich gelegene Dörfchen Bilm abkommandiert. In ihr Tagebuch notiert sie: „Jetzt wirds langsam ernst.“

54 Mädchen sterben im Splittergraben

„Die erste Nacht unter Kanonendonner haben wir hinter uns“, schreibt Maria Paßfeld Ende November 1944 am Rande von Hannover in ihr Tagebuch.

Sie habe am Scheinwerfer den Hör- und Sprechfunk inmitten der Kanonenbatterie übernehmen müssen. „Wie die Kanonen losdonnerten war es wie ein Feuermeer. Die Luft war wie ein großer Druck, alles hob und senkte sich, die Erde bebte.“ Die junge Frau kauerte in ihrem kleinen Unterstand mit dem Hörer in der Hand. „Die Knie zitterten, das sie mir fast unters Kinn schlugen. Ich hatte meinen Körper nicht mehr in der Gewalt und gehört habe ich überhaupt nichts.“ Ein Mädchen sei vom Scheinwerfer zu ihr in den Unterstand gekrochen „und hat herzerweichend geschrien.“

Das Grauen des Krieges schlägt wenige Tage später dramatisch zu, am 3. Dezember 1944. Ein Zeitpunkt, wo die jungen Frauen eigentlich wohl gestimmt sind, da sie Richtung

Westfalen, Richtung Heimat verlegt werden sollen – dann ist Fliegeralarm. „Eine halbe Stunde unter Bombenhagel“, notiert Maria Paßfeld später. „Wir saßen alle in Splittergräben ohne Dach. Wir mussten uns so klein wie möglich machen, den Kopf so tief wie er nur ging, Ohren zuhalten, den Mund auf – und dennoch sind 54 Mädel durch den Luftdruck getötet worden. Wie der Angriff war konnte ich nur noch denken: Herr, Gott, lass uns leben. Wie alles vorbei war, gab es ein großes Durcheinander. Wir standen unter Schock. Einige sind einfach weggelaufen.“

Die Toten müssen später in einer großen Halle identifiziert werden. Auch aus Maria Paßfelds Stube fehlt ein Mädchen. „Dort lagen sie alle auf dem Boden und hatten Blut vor dem Mund“, schreibt sie: „Ich erkannte Irmgard, sie war verlobt.“

Fahnenflucht in den letzten Kriegstagen

Die Einheit von Maria Paßfeld ist im Januar 1945 in Düsseldorf-Tiefenbroich stationiert. Mit dem Rückzug der deutschen Truppen wird auch die Flakbatterie ständig verlegt. Am 12. März zur Stellung Viktor vor Ruhröl nach Gelsenkirchen-Heßler. „Eine halbe Stunde vom Elternhaus entfernt.“ Zu Ostern liegt die Einheit in Bottrop-Welheim und soll zum Sauerland abrücken. Im allgemeinen Durcheinander setzt sich Maria Paßfeld ab. Glücklich bei der Familie in Gladbeck angekommen, ist der Krieg für sie kurz darauf zu Ende. Amerikanische Truppen besetzen die Stadt.

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