Hochhaus Schwechater Straße 38

Einst eine gute Adresse

Das Hochhaus Schwechater Straße 38 steht seit Jahren leer und gammelt vor sich hin.Foto: Heinrich Jung

Das Hochhaus Schwechater Straße 38 steht seit Jahren leer und gammelt vor sich hin.Foto: Heinrich Jung

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Gladbeck. Die Zugänge sind verrammelt. Drahtgitter auch vor den Balkonen im ersten Stock. Braune Roststreifen ziehen sich von den Gittern die weiße Fassade hinunter, der Putz bröckelt, einige Fensterscheiben sind eingeschlagen. Das Hochhaus Schwechater Straße 38 in Rentfort-Nord gammelt vor sich hin.

Schwechater Straße 38 – das war mal eine gute Adresse. Die GWG ließ das Gebäude Anfang der 70er Jahre bauen. Damals rechnete man im Rathaus noch mit stetig steigenden Einwohnerzahlen, plante und baute folgerichtig in die Höhe statt in die Fläche. Gute Ausstattung, toller Blick über die Stadt: Die 127 Wohnungen waren ruckzuck vermietet, ebenso die Geschäftslokale und Praxen im Schatten des Wohnturms.

Der Anfang vom Ende kam eigentlich schon in den 80er Jahren, obwohl das zunächst niemand bemerkte. Die GWG verkaufte – einige Ladenlokale an die Nutzer, das Gros der Immobilie en bloc. An einen Privatmann, wenn sich Bärbel Rietkötter richtig erinnert. Ihr Mann betrieb schon damals hier seine Zahnarztpraxis. Der neue Eigentümer sorgte mit drastischen Erhöhungen der Nebenkosten für Unruhe in der Mieterschaft und für eine ganze Reihe von Auszügen. Als das Gebäude Anfang der 90er in den Besitz einer Immobiliengesellschaft überging, standen schon 30 Prozent der Wohnungen leer.

„Vielleicht hätte man das Ruder noch einmal herumreißen können“, spekuliert Rüdiger Behrendt, der sich hier um diese Zeit mit seiner Rechtsanwaltskanzlei niederließ. Denn einige Zeit nach der Wiedervereinigung Deutschlands waren noch einmal alle Wohnungen vermietet. Aber: Aus den Miet- wurden Eigentumswohnungen. Käufer fand die vom Eigentümer beauftragte Vertriebsgesellschaft deutschlandweit. Viele kannten ihre neue Wohnung nicht einmal – eine pure Kapitalanlage. Etliche, da ist Rüdiger Behrendt sicher, wussten nicht einmal genau, welche Kosten neben dem Kaufpreis auf sie zukommen würden – Versicherungen, Hausgeld, Rücklagen... Die ersten Eigentümer gerieten schon bald in Zahlungsschwierigkeiten, und ihre Zahl stieg, je mehr Mieter das Haus verließen. Bei der Finanzierung hatten die Käufer natürlich die Mieteinnahmen einkalkuliert. Und weil viele unter diesem Druck an wen auch immer vermieteten, ging es nach und nach auch mit dem sozialen Standard im Haus bergab, und Familien, die teilweise schon 25 Jahre hier lebten, zogen aus. Ein Teufelskreis.

2003/2004 wohnten nur noch wenige Menschen im Haus, und viele Wohnungseigentümer kamen ihren Zahlungsverpflichtungen schon lange nicht mehr nach. Die damalige Hausverwaltung, erinnert sich Bärbel Rietkötter, setzte alles daran, das Haus komplett leer zu ziehen. Es gab dramatische Szenen. Einzelne wollten partout nicht ausziehen – und mussten letztendlich nachgeben, als ihnen Anfang 2006 Wasser, Strom und Heizung abgedreht wurden.

Die gewerblichen Mieter schlossen Einzelverträge mit den Versorgungsunternehmen und retteten damit ihre Existenz. Manche von ihnen hatten ihre Ladenlokale oder Praxen gekauft, und sie tun auch jetzt alles dafür, den Standort zu optimieren. Einfach ist das nicht, denn: Was immer mit dem Komplex Schwechater Straße 38 passieren soll – es bedarf eines einstimmigen Beschlusses der Eigentümer. Die meisten von ihnen sind sich einig: Eine Umgestaltung – nach Abriss oder Rückbau des Wohnturmes – ist unausweichlich. Einige wenige aber blockieren bis heute jede Entwicklung. Über eine Auffanggesellschaft versuchen die anderen Eigentümer jetzt, nach und nach und meistens im Zuge von Zwangsversteigerungen in den Besitz aller Wohnungen – und damit aller Stimmen – zu kommen. Zum großen Teil ist ihnen das schon gelungen. „Vielleicht haben wir unser Ziel 2012/2013 erreicht“, hoffen Bärbel Rietkötter und Rüdiger Behrendt.

Und dann? Dann endlich kann eine Entscheidung fallen, was – auch mit Geldern aus dem Programm Stadtumbau West – mit dem Komplex Schwechater Straße 38 passiert. Fest steht bisher nur: Die Eigentümer werden nicht selber als Investoren auftreten, hoffen aber, dass sie an der künftigen Gestaltung beteiligt werden. Schließlich hängt für viele die Existenz an diesem Stadtteilzentrum.

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