Horster Straße

Die Freie Waldorfschule: Das Dorf mitten in der Stadt

Ungewöhnliche Architektur: Die Freie Waldorfschule

Foto: Lutz von Staegmann

Ungewöhnliche Architektur: Die Freie Waldorfschule Foto: Lutz von Staegmann

Gladbeck.   Seit mehr als 30 Jahren stehen Heranwachsende im Mittelpunkt an der Horster Straße 82. Zur Freien Waldorfschule gehen auch Kinder aus der Region.

Früher lernten an diesem Ort Bergleute ihr Handwerk. Heute sind es Kinder aus der Region, die an der Horster Straße 82 ihre individuellen Stärken entdecken und an ihren Schwächen arbeiten. Seit mehr als 30 Jahren steht nun „Freie Waldorfschule“ auf dem Haltestellenschild vor dem Gebäudekomplex. Vier Schulbuslinien bringen morgens Schüler aus Gladbeck, Bottrop, Dorsten, Oberhausen, sogar aus Marl, und fahren sie nach dem Unterricht wieder nach Hause.

Die Waldorfschule ist der Exot unter den Gladbecker Schulen, nicht zuletzt, weil die Kinder von der ersten Klasse bis zum Abschluss bleiben. Aber auch sonst unterschiedet sich die Waldorfschule von anderen Einrichtungen.

Lehrer müssen Textzeugnisse schreiben

Es gibt keine Noten, sondern ausführliche Beurteilungen. Für die Lehrer bedeutet das einen großen Aufwand, denn sie müssen ihre Schüler und deren Leistungen genau betrachten. Für die Schüler bedeutet das: „Echte Konkurrenzkämpfe haben sie nicht“, sagt Wilfried J. Bialik, Lehrer und Geschäftsführer der Schule. Erst zu den zentralen Prüfungen für Hauptschulabschluss, mittlere Reife und später für das Abitur lernen die Waldorfschüler dann das Notensystem kennen.

Epochenlernen statt fester Stundenpläne

Bis dahin gestaltet sich ihr Alltag nach seinen eigenen Regeln. Der Stundenplan ist nicht für ein Halbjahr festgezurrt, sondern in Epochen eingeteilt, in denen die Schüler sich mit einem Thema befassen, zum Beispiel Geometrie.

Handwerken, kreatives Arbeiten, Bewegung gehören zum Lehrplan. Und manchmal werden die Elemente auch kombiniert. Wie beim „Rechnen in Bewegung“. Ehrensache, dass jedes Kind ein Instrument spielte, lange bevor an Regelschulen das Projekt „JeKi“ startete.

Eltern müssen sich mehr engagieren

Wer sein Kind zur Waldorfschule schickt, hat sich meist mit der anthroposophischen Philosophie befasst. Eltern bringen ihre Kinder nicht nur zur Schule, sondern werden auch in den Alltag eingebunden. „Gegenüber anderen Schulen gibt es hier durchaus mehr Mitspracherecht“, sagt Wilfried J. Bialik.

Die Waldorfschule wird als „Ersatzschule“ von einem Verein getragen, nicht vom Land. Was unter anderem erklärt, warum Waldorfeltern so aktiv sind. „Denen gehört ja die Schule“, sagt Bialik, „sie sind ja selbst die Schule.“

Das Land zahlt zwar Zuschüsse und zum Beispiel die Lehrergehälter. Etwa 20 Prozent der Kosten aber, die an der Schule entstehen, müssen die Eltern aufbringen. Wer wieviel Schulbeiträge bezahlt, vereinbaren die Eltern über eine Sozialstaffel. Ein Mindestbeitrag gilt für alle, der Rest richtet sich nach dem Einkommen. So können auch Kinder zu dieser Schule gehen, deren Eltern sich eine reine Privatschule nicht leisten könnten.

Auch Waldorfschüler spielen Räuber und Polizei

Sogar in der Schulleitung sind Eltern vertreten. Mehr Elternabende, mehr Aktivitäten, mehr Verantwortung. Waldorf ist nichts für Bildungskonsumenten, die ihre Kinder am Schultor abgeben und schlauer wieder abholen wollen.

Zurück an die Horster Straße. Wer dort vergeistigte Heranwachsende in Batikkleidern erwartet, muss woanders weiter suchen. Denn die Kinder, die zwischen den Schulhäusern spielen, spielen wie alle anderen Kinder auch.

In diesem Moment etwas mit „Alarm“ und „Polizei“. Heute ist letzter Schultag vor den großen Ferien. Felicitas (14) aus der achten Klasse muss nun ihre Hühner einfangen und wieder mit nach Hause nehmen. Als Halbjahresprojekt hat sie ihnen einen mobilen Stall gebaut und aufgeschrieben, was Hühner für ein glückliches, aber auch produktives Leben als Nutztier brauchen.

Typisch Waldi, denken Sie jetzt? Nun, ein Klassenkamerad hat sich mit einem weitaus weniger typischen Thema auseinandergesetzt: den Handfeuerwaffen und ihren Vor- und Nachteilen. „Pubertät“, sagt Bialik leise. Kommt auch bei Waldorfschülern vor. Daran ändert auch individuelle Förderung nichts, der grüne Schulhof, die außergewöhnliche Architektur, die Farblasuren und die vielen Freiheiten.

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