Hertie-Haus

Die Ära der Gladbecker Kaufhausgeschichte endet im Gerümpel

Völliges Durcheinander herrscht im ehemaligen Hertie-Haus. Die WAZ hat sich das Chaos einmal angeschaut, Etage für Etage.

Völliges Durcheinander herrscht im ehemaligen Hertie-Haus. Die WAZ hat sich das Chaos einmal angeschaut, Etage für Etage.

Foto: Oliver Mengedoht

Gladbeck.   An diesem Montag startet die Entkernung der Immobilie. Vor den Baggern rücken Entrümpelungstrupps an. Ein Besuch im alten Konsumtempel.

Hässlich, klotzig, trutzig – wie aus der Zeit gefallen wirkt der olle Hertie-Block. Ein Trumm, den hier im Zentrum des Zentrums niemand mehr haben will. Niemand? Nun, Volker Busse, einer der drei Geschäftsführer des Projektentwicklers Implementum, hat beherzt zugegriffen. Seine Firma lässt die Beton-Hütte in 1a-Lage abreißen, zieht ein attraktives Einkaufszentrum hoch. Montag geht’s los. Dann startet im Inneren zunächst eine Säuberungsaktion. Sechs Wochen Aufräumen und Entrümpeln stehen an.

Es heißt also Abschied nehmen. Nix wie rein, gucken was noch ist. Das ist gefahrlos möglich, denn Elektrizität und Wasser sind abgestellt, allein der sogenannte Baustrom liegt bereits.

Stefan Weigand, als Architekt zuständig für die Rückbaubetreuung und Neubauplanung, zieht den Schlüsselbund. Volker Busse schaut zu. Doch Schlüsseldrehen und Rütteln helfen nicht. Wir nehmen’s mit Humor und kurzerhand die Tür nebenan. Es folgen: Gemeinsames Stolpern durchs verlassene McDonald’s. Staunen über die unglaubliche Stille. Zittern vor der Kälte, die durch Mark und Bein geht. Erschrecken über die unerwartete Dunkelheit im dahinter liegenden Hertie-Erdgeschoss.

Der Rummel der Hochstraße scheint meilenweit entfernt. Nur der Hall der Besucher-Schritte erfüllt den Riesenraum. Sekunden später, die Augen haben sich ans Dunkle gewöhnt, zeigt sich eine eigene Welt. Eine Welt der Zerstörung und des Niedergangs.

Wichtelpuppe mit roter Mütze und verdrehten Beinen

Wahllos verstreut liegt undefinierbares Gerümpel herum. Dazwischen: umgekippte Regale, herausgerissene und ausgekippte Schubladen, zerfetzte Paletten. Chaos pur. Ein riesiges, zerknülltes Schild weist auf Karnevals-Artikel hin, die es längst nicht mehr zu kaufen gibt. Neben einer kindsgroßen Wichtelpuppe mit rotem Mützlein und verdrehten Beinen liegt ein herrenloser Bürostuhl. Beide bieten ein gruseliges Ensemble. Einkaufswagen stehen verloren herum, von den aufgerissenen Deckenverschalungen hängen Stromkabel wie dünne Peitschen herunter.

Drumherum weiterhin nichts als Stille. Die Dinge ruhen, wirken wie eingefroren. Vom Leben, das hier einmal pulsierte, keine Spur. Man schlägt den Mantelkragen unwillkürlich höher und weiß: Es sind die Trümmer des Konsums, die Relikte eines Einkaufstempels, dessen Zeit längst vorbei ist.

Mitten im Durcheinander, dabei schon fast auf dem Weg über die stillgelegte Rolltreppe hoch ins nächste Geschoss unterwegs, verharrt Volker Busse einmal kurz und schaut sich die Endzeit-Szenerie an. „Herr Busse, was macht das mit Ihnen?“ Der Mann, für den als Investor Gänge durch abgerockte Einkaufstempel Routine sind, strahlt mitten im Elend des Durcheinanders. „Das ist super interessant. Man bekommt eine Zeit mit wie sie einmal war.“

Urinsteinlöser-Flaschen neben dem Salzstreuer

Die Zeitreise der besonderen Art geht weiter. Von Etage zu Etage wird es sperrmülliger und vor allem unübersichtlicher. Längst abgelaufene Koch-Fix-Gerichte liegen gleich tütenweise auf dem Boden herum. Im ehemaligen Aufenthaltsraum stehen im Regal kleine Salzstreuer direkt neben Urinsteinlöser-Flaschen. In der Ecke häuft sich gebrauchtes Geschirr. Die Fototapete mit einem flackernden Kaminfeuer hängt zerfetzt von der Decke herab. Immerhin: Es stinkt nicht. Nicht einmal Tauben scheinen den Einzug gewagt zu haben.

Warum aber sind ausgerechnet in der Verwaltungsetage, als einzige ausgelegt mit Teppichvlies, die dortigen luxuriösen Toiletten samt Glastüren zerdeppert. Hass auf die alten Chefs? Rache der kleinen Beschäftigten? Achselzucken. Busse: „Nun, wir können natürlich nicht ausschließen, dass jemand vielleicht doch drin war.“

Der Mann, der berechtigt ist, alle Räume zu betreten, trägt eine Stirnlampe und sagt laut Hallo. Es ist Frank Spann, ein Experte fürs Grobe. Als Mitarbeiter des Abbruchunternehmens TG Umwelttechnik schaut er sich an, was seine Truppe – zehn bis 15 Mann – ab Montag rausräumen muss. Das Chaos ist für ihn Alltag, ihn erschüttert nichts mehr. Seine lapidare Feststellung: „Tja, hier müssen wir Grund ‘reinkriegen.“

Er nennt auch Zahlen. 400 bis 500 Tonnen Abfall werden es sein, die wiederverwertet und teilweise gesondert entsorgt werden müssen. Eine ganz andere Hausnummer wiederum ist der Trumm an sich. 20 000 bis 25 000 Tonnen fürs Recycling vorgesehener Beton stehen an, um vor Ort mittels mobiler Brechanlage in eine 45er (Millimeter)-Körnung verwandelt zu werden. Hertie: früher groß, bald ganz klein.

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