Horster Straße

Den Standort wechseln will hier keiner

Fahrlehrer Stefan Wulfekotte von der Horster Straße 62 mit seiner Schülerin Annika Kirsten, die in der nächsten Woche ihre Prüfung ablegt. Fotos:Heinrich Jung

Fahrlehrer Stefan Wulfekotte von der Horster Straße 62 mit seiner Schülerin Annika Kirsten, die in der nächsten Woche ihre Prüfung ablegt. Fotos:Heinrich Jung

gladbeck.   Zwischen Wilhelmstraße und Uhlandstraße besteht seit Jahren ein Geschäfts- und Wohnzentrum. Geschäftsinhaber loben die gute Nachbarschaft.

Der Wandel kommt unvermittelt: War die Horster Straße vom Europaplatz bis zum Marktplatz noch eine Tummelzeile für Fußgänger, erobert sich ab der Wilhelmstraße der Straßenverkehr endgültig die Vormacht. Zweispurig geht’s hier zur Sache. Wer von hüben nach drüben will, muss sich unbedingt aufs lärmige Geschehen konzentrieren. Es gibt aber durchaus die Chance, einen rettenden Mittelstreifen zu erreichen. Erst von dort geht’s dann auf die andere Straßenseite. Das kann dauern, ist doch die Horster Straße eine der stark befahrenen Hauptverkehrsachsen der Stadt.

Gute Lage, zufriedene Menschen

Bis zur Uhlandstraße hat sich hier beidseitig ein kleines Wohn- und Geschäftszentrum etabliert. Es gibt beispielsweise ein Versicherungsbüro, einen Spezialitätengrill, Aldi, betreutes Wohnen der Arbeiterwohlfahrt oder den Treffpunkt eines türkischen Kulturvereins. Auch Leerstände sind zu sehen oder freie Flächen, auf denen früher Häuser standen und eine Ersatzbebauung längst nicht in Sicht ist. Doch wer auf diesem Straßenteilstück sein Geschäft betreibt, der stört sich offenbar nicht daran.

„Die Lage ist gut, damit bin ich sehr zufrieden“, sagt Stefan Wulfekotte, Chef von Stefan’s Fahrschule. Die Leute kämen zwangsläufig an seinem Laden vorbei. „Durch die großen Schaufenster ist man prima zu sehen.“ Seit elf Jahren unterrichtet der 50-Jährige in seinen Räumlichkeiten an der Horster Straße 62 und sagt: „Auf der ganzen Horster Straße gibt es keine weitere Fahrschule.“ Einen anderen Standort für sein Geschäft kann er sich nicht vorstellen. Mit der Nachbarschaft versteht er sich bestens. Das Verhältnis ist so gut, dass für ihn die Post angenommen wird, wenn er wegen der Fahrstunden nicht im Laden ist.

Gemischte Kundschaft – auch aus der Nachbarschaft

Sehr gemischt sei seine Kundschaft – die auch aus der Nachbarschaft kommt. „Die beiden Kinder des Friseurs gegenüber waren bei uns.“ Zudem läuft viel über Mund-zu-Mund-Propaganda oder über den Sport. Beim VfL Gladbeck hat der Fahrlehrer ein Banner. Das bringt Kunden aus der Sportszene wie Annika Kirsten. Die 17-Jährige ist Handballerin, holte mit der Mannschaft der weiblichen B-Jugend des VfL die Vize-Landesmeisterschaft. Jetzt hat sie eine Fahrstunde, nächste Woche ist die Prüfung. Ihr Lehrer lacht, hebt den Daumen: „Sie macht das schon, unser Ziel ist, dass jeder bestehen soll.“

Stefan Wulfekotte ist bekannt in der Stadt. Als Max der Stadtheld im vergangenen Jahr verschiedene Prüfungen für „WDR für eine Stadt“ zu bestehen hatte und letztlich das Großereignis nach Gladbeck holen konnte, war er mit dabei – als Fahrlehrer. Er war der Ansager, der Max die Anweisungen gab, als es um das „Blind Einparken“ ging. Das Team harmonierte perfekt.

Auf der anderen Straßenseite säubert Jasmer Singh an der Horster Straße 55 gerade die beiden Scheiben seiner Pizzeria „Da Vinci“. Seit 20 Jahren betreibt er das Geschäft, hat italienische, indische, griechische Speisen und Hamburger im Angebot. Über 15 Sitzplätze verfügt sein Lokal, die Speisenkarte hat er neu bestückt. Stolz zeigt der 53-Jährige auf den Flyer und nennt die Anzahl der Gerichte: 153. „Da ist für jeden etwas dabei.“ Mit der Lage ist er sehr zufrieden, der Laden läuft. Wer telefonisch bestellt, wird mit Pünktlichkeit belohnt. Darauf legt er Wert und macht gleich ein Jobangebot: „Ich suche noch einen Fahrer.“

Speisekarten mit 153 Gerichten

Wer aus der Pizzeria kommt, kann sich im selben Eingangsbereich gleich nebenan kopfmäßig verwöhnen lassen. Friseurmeisterin Kerstin Ritter ist hier seit 21 Jahren Chefin von „Hair Design“. Die 52-Jährige kehrt gerade vom Gassigehen mit ihren beiden Labradoren Sam und Luzie zurück. „Luft schnappen, Kopf freikriegen, wunderbar. Jetzt geht’s weiter.“ Sie fühlt sich wohl am Standort, möchte nicht wechseln. Hauptsächlich Stammkunden besuchen ihren „familiären Laden“, kommen teilweise von Anfang an zu ihr. „Man wächst mit den Kunden zusammen. Aber die Zeit schafft auch hier Lücken. Traurig sagt sie: „Sehr viele sind schon weggestorben. Die fehlen mir natürlich, aber zum Glück kommen immer welche nach.“

Im familiären Laden wird geplauscht

Auch das Geschäft mit den Frisuren hat sich verändert. In 20 Jahren verdreifachte sich die Zahl der Friseure in der Stadt, sagt sie. Nachdenklich: „Es läuft nicht mehr so, wie es sein sollte, aber es passt.“ Mitarbeiterin Dagmar Klaenburg beschwört derweil das wichtige Pläuschchen mit den Kunden. „Nur einfach schneiden kann ich nicht. Bin ich mal ruhig, sagen die gleich: Haste heute schlechte Laune?“

Rüber geht’s, auf die andere Seite. Der Verkehr dröhnt ohne Unterlass. Den Mittelstreifen nimmt man gerne als Rettungsinsel an. Angekommen, warten Äpfel, Birnen, Bananen, verschiedene Sorten Tomaten, Kartoffeln und vieles mehr auf den Kunden des Supermarkts „Dilek“,

Der Chef ist nicht da. Verkäuferin Kamile Esmeray und Mitarbeiter schmeißen den Laden, der mehr als 1000 Artikel anbietet. „Wir verstehen uns alle prima.“ Die Frischfleisch-Theke lockt mit Halal-Fleisch, Käsevielfalt gibt’s im Kühlfach. Von 8 bis 19 Uhr ist geöffnet, in mehreren Schichten wird gearbeitet. „Zur Zeit haben wir ja Ramadan, da ist es morgens etwas ruhiger, aber nachmittags ist die Hölle los.“

Ramadan: Nachmittags ist die Hölle los

Die 33-Jährige bedient die Kasse und wechselt ständig die Sprache. Hier muss sie mit Türkisch ran, dort mit Deutsch, Englisch beherrscht sie auch. Wird Arabisch benötigt, kein Problem: „Wir haben auch arabische Mitarbeiter.“ Sie beherrscht das alles erstaunlich gut. Sie muss es sogar, denn die Kundschaft sind Deutsche, Türken, Bulgaren, Jugoslawen, Afrikaner, ja sogar Amerikaner. „Besonders gut läuft unser Obst und Gemüse. Das kommt täglich frisch.“ Auch Ulrike Max greift gerne zu. Die Gladbeckerin kauft ein Schälchen Erdbeeren. „Es passt, das Geschäft liegt auf meinem Weg.

An der Horster Straße 52 betreibt Fadi Atris „Fadi’s An- und Verlauf“. Seit 2003 hat der gebürtige Dorstener mit libanesischen Wurzeln seinen Laden, ist einmal nur ein paar Häuser weitergezogen. „Die Schaufenster sind größer, man wird besser wahrgenommen.“ Zu den Nachbarn pflegt er beste Kontakte. „Alles nette Leute.“ Die Kunden? „Ob Ausländer oder nicht, hier kommt jeder rein. Das ist das Schöne.“

Handy- und PC-Reparaturen sind wichtigstes Standbein

Mittlerweile passt der Geschäftsname nicht mehr so ganz, denn vom An- und Verkauf kommt der 38-Jährige immer mehr weg. Diese Geschäfte gehen seit dem Erstarken des Internets zurück. „Wenn ich nur davon leben müsste, hätte ich schon längst zu.“ Sein wichtigstes Standbein ist nun der Reparaturservice. „Handys und PCs sind das Hauptgeschäft geworden.“ Hinzu kommt seit einigen Jahren das boomende Angebot Geldtransfer „Money Gram“. Atris: „Innerhalb von zehn Minuten ist das Geld an seinem Bestimmungsort irgendwo auf der Welt angekommen.“ Und: „Wir sind gebührentechnisch günstiger als Western Union.“

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