Gladbeck ist bunt

Das Kapitel Sibirien ist für Julia Schwarz abgeschlossen

Ein Erinnerungsstück aus der alten Heimat gibt es noch: Julia Schwarz hat dieses Bild zum Abschied von ihren Kollegen an der Schule in Degtjarka bekommen.

Ein Erinnerungsstück aus der alten Heimat gibt es noch: Julia Schwarz hat dieses Bild zum Abschied von ihren Kollegen an der Schule in Degtjarka bekommen.

Foto: Lutz von Staegmann

Gladbeck.   Julia Schwarz kam als Spätaussiedlerin nach Gladbeck. In ihrer neuen Heimat hat sie sich sofort engagiert. Noch heute gibt sie Deutschunterricht.

Eigentlich wollte Julia Schwarz ihre Heimat nie verlassen. Sie war tief verwurzelt in Westsibirien. Heute fährt die 72-Jährige nur noch sporadisch dorthin, um Verwandte zu besuchen. Ihr Zuhause ist Gladbeck.

Als ältestes von sieben Kindern des Ehepaares Walger wurde Julia in Michailowka geboren, einem 100-Seelen-Dorf, in dem nur Wolga-Deutsche wohnten. Man sprach Deutsch. Russisch lernte Julia erst in der Schule.

Eine Anstellung fand sie im 100 Kilometer entfernten Dorf Degtjarka

Nach dem Ende der Schulzeit absolvierte Julia Walger eine Ausbildung zur Grundschullehrerin, eine Anstellung fand sie im etwa 100 Kilometer entfernten größeren Dorf Degtjarka. Weil es an dieser Schule – vergleichbar einer Realschule hier – zehn Schuljahre gab, musste sie, um auch in den höheren Klassen Deutsch unterrichten zu können, ein fünfjähriges Fernstudium draufsatteln.

35 Jahre blieb sie an dieser Schule, wo sie nicht nur berufliche Zufriedenheit, sondern auch ihr privates Glück fand: Sie heiratete den Turnlehrer Andrej Schwarz. Drei Kinder – Alexander, Willi und Ludmilla – gingen aus der Ehe hervor. Auswanderung war lange nie ein Thema. Aber in den 90er Jahren machten sich die ersten Geschwister von Julia Schwarz als Spätaussiedler auf gen Deutschland. Und auch in ihrer Familie wurde immer häufiger über dieses Thema diskutiert. Julia Schwarz: „Es gab einfach keine Zukunftsperspektiven für die jüngere Generation.“ 1997 schließlich beschloss der „Familienrat“, einen Aufnahmeantrag in Deutschland zu stellen. Die Bewilligung fünf Jahre später erlebte Andrej Schwarz nicht mehr. Er starb 2001.

Sie kehrten der Heimat den Rücken und haben es nie bereut

Aber Julia, ihre Kinder, Schwiegerkinder und vier Enkel kehrten der Heimat den Rücken, „und keiner von uns hat es bereut“, sagt Julia Schwarz.

Dass alle in Gladbeck landeten, war eher Zufall. Eigentlich wollten sie nach Gelsenkirchen oder nach Bottrop, wo Geschwister von Julia Schwarz lebten. Aber in beiden Städten herrschte Aufnahmestopp.

Im Übergangslager in Friedland schlug ihnen ein Mitarbeiter Gladbeck als Alternative zwischen beiden Wunschstädten vor. „So sind wir hier gelandet, und wir alle fühlen uns sehr wohl.“

Nach relativ kurzem Aufenthalt im Container für Spätaussiedler an der Hegestraße fanden alle eine eigene Wohnung. Ihren Kindern, die russische Ehepartner haben, fiel die Umstellung auf die deutsche Sprache nicht so leicht wie der Mutter. Julia Schwarz musste bei Behördengängen häufig dolmetschen. Und auch etliche Familien, die sie im Containerdorf kennengelernt hatte, baten sie oft um Unterstützung, zum Beispiel bei Terminen im Sozialamt.

Sie kümmerte sich um Menschen aus Russland oder Kasachstan

Als sie dort zum wiederholten Mal Ulrich Hauska, damals zuständig für Spätaussiedler, über den Weg lief, bat er sie eines Tages in sein Büro und bot ihr eine Beschäftigung an. Fortan kümmerte sie sich vormittags in der Spätaussiedlerunterkunft an der Boy, später an der Friedenstraße, um Menschen, die aus Russland oder Kasachstan nach Gladbeck gekommen waren, nachmittags unterstützte sie Kinder dort – auch aus Flüchtlingsfamilien – bei den Hausaufgaben.

Als dieses Projekt 2010 auslief, machte Julia Schwarz ehrenamtlich weiter, gab russischen Frauen deutscher Spätaussiedler Deutschunterricht. Mittlerweile kommen ihre Schüler vorwiegend aus Albanien und Moldawien. Ihr Engagement begründet die rüstige 72-Jährige so: „Ich helfe eben gerne, vielleicht, weil ich das älteste Kind oder weil ich so lange Lehrerin war.“ Und die anfänglichen Schwierigkeiten ihrer eigenen Kinder in der neuen Heimat haben sie spüren lassen, „wie schlimm es für Menschen sein muss, wenn sie nicht verstehen, was andere ihnen sagen.“

Heimweh nach Sibirien hat Julia Schwarz nie verspürt

Die Probleme der eigenen Angehörigen gehören längst der Vergangenheit an: „Alle Kinder und Enkel haben hier einen Beruf, und ich bin sehr zufrieden, dass wir das gemeinsam geschafft haben.“ Heimweh nach Sibirien, das sie eigentliche nie verlassen wollte, hat Julia Schwarz nach eigenem Bekunden nie verspürt. „Das Kapitel ist für mich abgeschlossen. Zu Besuch bleibe ich immer maximal zwei Wochen dort, dann will ich nach Hause – nach Gladbeck.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben