Pflege-Serie

Darum sagt Gladbeckerin: „Demenz hat auch schöne Seiten“

Sabine Prittwitz leitet die Selbsthilfegruppe für Angehörige Demenzerkrankter. Sie sagt: „Wir lachen auch gemeinsam über unsere Erlebnisse.“

Sabine Prittwitz leitet die Selbsthilfegruppe für Angehörige Demenzerkrankter. Sie sagt: „Wir lachen auch gemeinsam über unsere Erlebnisse.“

Foto: Oliver Mengedoht

Gladbeck.   Sabine Prittwitz leitet eine Selbsthilfegruppe für Angehörige und gibt weiter, was sie selbst gelernt hat. Auch ihr Vater litt an der Krankheit.

„Ich habe Angehörige auch schon mal im Kaufhaus beraten“, sagt Sabine Prittwitz. Denn wenn es „brennt“, brauchen sie sofort Hilfe. Und Prittwitz hat ihr Handy immer dabei, auf das die Anrufe umgeleitet werden, die im Büro des Malteser-Hilfswerks eingehen.

Als Leiterin der Selbsthilfegruppe „Angehörige Alzheimer- und Demenzerkrankter“ hat sie für die Sorgen immer ein offenes Ohr. Die Probleme können plötzlich auftauchen. „Das geht manchmal von jetzt auf gleich, und dann sind die Menschen sehr in Not.“

61-Jährige suchte selbst Unterstützung

Sabine Prittwitz weiß, wovon sie spricht. Ihr Vater war 17 Jahre an Demenz erkrankt. Die 61-Jährige suchte sich damals selbst Unterstützung in der Selbshilfegruppe, deren Leitung sie 2011 übernahm. Dass eine solche Gruppe den Angehörigen Hilfe bieten kann, davon ist die Gladbeckerin überzeugt. Doch: Viele kommen nach einigen Treffen nicht wieder. Denn ein Rezept gibt es nicht. „Die Angehörigen hoffen auf Hilfe, aber egal, was man unternimmt, Demenz wird nicht besser.“

Bei den Treffen der Selbsthilfegruppe steht vielmehr der Erfahrungsaustausch im Vordergrund. „Wenn die, die hier waren, wieder gehen, geht es ihnen etwas besser.“ Zwar sei das Internet eine große Konkurrenz für die Selbsthilfegruppe, aber für Situationen, in denen das Menschliche gefragt ist, könne kaum Hilfe im Netz gefunden werden.

Bunte Umschläge als Liebesbeweis

„Wir lachen auch gemeinsam über unsere Erlebnisse“, erzählt die Malteser-Geschäftsführerin, die sich noch heute an lustige Episoden mit ihrem Vater erinnert. Etwa, wenn er in ein Stück Butter oder in ein Stück Seife biss. „Man muss auch mal lachen können, um die Krankheit auszuhalten.“

Die Demenz habe schließlich auch ihre schönen Seiten. „Ich habe es genossen, wenn mein Vater einfach nur in seinem Sessel saß und glücklich lächelte.“ Er malte dann. Bunte Umschläge, die er später verschenkte. „Das war der größte Liebesbeweis“, sagt die 61-Jährige.

Weitergeben, was man selbst gelernt hat

Eines hat sie während der Betreuung ihres Vaters nicht geschafft: auf sich selbst zu achten. „Ich habe es falsch gemacht und mir selbst geschadet“, sagt sie. Daher predige sie heute den Angehörigen, die zu ihr in die Selbsthilfegruppe kommen, genau das. „Schöne Spaziergänge, aber auch, sich Hilfe und Erleichterung zu holen, ist wichtig.“ Genau das mache eine Selbsthilfegruppe aus: weiterzugeben, was man selbst gelernt hat.

Sabine Prittwitz und ihre Familie waren dabei, als ihr Vater 2014 mit 81 Jahren starb. Damals hatte er nichts anderes mehr als einen Schluckeffekt. „Beim Tod dabei sein – das sollten Angehörige unbedingt erleben“, sagt sie. Denn: Die Demenz lasse die Menschen versteinern und verkrampfen. „Mit dem Tod verschwindet diese scheiß Krankheit aus dem Gesicht.“

Die Selbsthilfe-Gruppe trifft sich jeden zweiten Mittwoch im Monat in den Räumen der Malteser, Bramsfeld 4, um 17 Uhr. Sabine Prittwitz ist erreichbar unter der Rufnummer 02043/ 5816441

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