Hospiz-Verein

Ausstellung zeigt Bilder von Toten für die Lebenden

Interessiert betrachten Besucherinnen die Bilder der „post mortem“-Ausstellung in der Stadtbücherei.

Foto: Lutz von Staegmann

Interessiert betrachten Besucherinnen die Bilder der „post mortem“-Ausstellung in der Stadtbücherei.

Gladbeck.  Gladbecker Hospizverein zeigt „post mortem“-Ausstellung von Dr. Martin Kreuels. Ein Foto des Verstorbenen hilft Angehörigen beim Abschiednehmen.

Mit dem Tod Öffentlichkeit herstellen und Bewusstsein schaffen für das Sterben als Teil des Lebens – das gelingt dem Hospiz-Verein Gladbeck auf anschauliche und zugleich berührende Weise. In einer ganz besonderen Fotoausstellung, die Vorsitzende Dorothee Schwers im Rahmen des 20-jährigen Bestehens am Dienstag in der Stadtbücherei eröffnete. Unter dem Titel „post mortem“ (nach dem Tod) zeigt Fotograf Dr. Martin Kreuels bis zum 15. März pietätvolle Schwarz-Weiß-Aufnahmen verstorbener Menschen.

Mal aufgebahrt im Sarg in der Totale fotografiert, mal als Portrait in der Nahaufnahme oder mit einem Detail, etwa von gefalteten Händen. Augenblicke der Endgültigkeit, die zugleich eine friedliche, eine entspannte Atmosphäre widerspiegeln. Auch mal mit der Anmutung eines entrückten Lächelns des Verstorbenen, so dass der im Bild festgehaltene Tod für den Betrachter keinen Schrecken hat.

Gesellschaft kann nur schwer mit dem Tod umgehen

Dass im Gegensatz zu der präsentierten Bildwelt unsere heutige Gesellschaft nur schwer mit dem Sterben und dem Tod umgehen könne, machte Dorothee Schwers in ihrer Ansprache deutlich. Vor nicht allzu langer Zeit lag in den Wäscheschränken das Totenhemd noch griffbereit. Der Tod hatte einen festen Platz im Leben der Menschen.“ Innerhalb von zwei Generationen habe sich das total geändert. „Fast jeder möchte daheim sterben, aber nur jedem fünften ist das vergönnt. Die meisten Menschen sterben heute in Institutionen.“ Möglichst schnell vom Bestatter abgeholt, bestehe immer seltener Gelegenheit, den Toten noch einmal für einen Abschied zu sehen. „Wir verstecken die Toten und Sterbenden und wissen nicht, wie wir Trauernden begegnen sollen“, so Schwers.

Die Unsicherheit auch im Umgang mit Trauernden verhindere, „dass wir sie unterstützen“. Zum Verlust des nahen Angehörigen komme so oft „der Rückzug der Freunde und Nachbarn hinzu“. Der Umgang mit Sterben und Trauer sei mehr als eine persönliche Angelegenheit, er berühre vielmehr die für alle geltende Frage, „wie eine Gesellschaft sich der Toten erinnert“.

Unsicher im Umgang mit Trauernden

Statt eines möglichst schnellen Abhakens der Trauer, gelte es diese anzunehmen, mit der Fähigkeit, daraus, als heilsamem Prozess, Kraft zu gewinnen. Diese Erfahrung habe auch der heutige Gast Martin Kreuels gemacht, so Dorothee Schwers abschließend, „der nach dem frühen Tod seiner Frau sein Leben total verändert hat“.

Mit vier Kindern, zwei bis elf Jahre alt, blieb er nach dem Krebstod seiner Frau 2009 zurück, erzählt der promovierte Biologe. Ein Schlüsselerlebnis sei dann das Verhalten seines zweitjüngsten Sohnes Anton gewesen. Der damals Sechsjährige habe nach dem Tod der Mutter seine Kamera geholt und Bilder von der Toten im Sterbebett gemacht. Mit der Erklärung: „Ich mach’ noch mal eben ein Foto. Mama ist ja gleich weg.“

Eine Hilfe für die Trauerarbeit

Und nur diese Fotos, nicht die vielen Aufnahmen aus dem Leben der Mutter, hätten die Kinder bis mehrere Wochen nach dem Tod immer wieder herausgeholt und betrachtet. Kreuels: „Da habe ich verstanden, dass die Aufnahmen von Verstorbenen die Trauerarbeit unterstützen können, um den Tod eines geliebten Menschen besser begreifen und besser verarbeiten zu können.“

Seitdem arbeitet Martin Kreuels ehrenamtlich mit Bestattern als post mortem-Fotograf zusammen, um Bilder der Toten für die Lebenden zu machen. Aufnahmen, die den friedlichen Ausdruck des Todes auch mal mit einem entrückten Lächeln widerspiegeln. Eine Hilfe für die Trauerarbeit, „wenn die Angehörigen sehen, dass der Tote entspannt gestorben – und alles gut ist wie es jetzt ist“.

Die Hospiz-Arbeit hat eine Wertschätzung erfahren  

„Ja, ganz klar, es hat sich einiges in den vergangenen 20 Jahren verändert, die uns die Hospizarbeit erleichtert“, sagt die heutige Vorsitzende Dorothee Schwers. Wohl wichtigster Meilenstein sei das Ende 2015 in Kraft getretene Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland. „Mit dieser Wertschätzung und finanziellen Absicherung ist es uns möglich geworden, unsere Arbeit zu professionalisieren, die wir zuvor ehrenamtlich bewältigt haben.“

Die Sterbebegleitung wurde ausdrücklicher Bestandteil des Versorgungsauftrages der sozialen Pflegeversicherung. Die Hospizversorgung ist nun zudem Bestandteil der Regelversorgung der Gesetzlichen Krankenversicherung. Ambulante Hospizdienste können so finanzielle Zuschüsse für Personalkosten und für Sachkosten erhalten. Zum Beispiel für die Arbeit von Beate Letzel, die die Arbeit der 26 derzeit aktiven Ehrenamtlichen hauptamtlich koordiniert. Dazu gehört auch die Organisation von Schulungen, Fortbildungen und die regelmäßige Supervision der Mitarbeiter, die sich so etwa über belastende Momente aussprechen können.

Hospiz-Verein hilft im Antragsdschungel

„Wir gehen jetzt auch schon viel früher in die Begleitung herein“, erzählt Beate Letzel. Denn oft brauche der Angehörige anfangs mehr Unterstützung als der Sterbende. Der Hospiz-Verein hilft dann im Antragsdschungel und erklärt, was beispielsweise über die Krankenkasse und was über die Pflegeversicherung beantragt und finanziert werden kann – etwa Unterstützung bei der Palliativpflege oder im Haushalt.

„Auch die Öffentlichkeitsarbeit ist für uns weiterhin ganz wichtig“, so die examinierte Krankenschwester weiter. „Denn trotz des 20jährigen Bestehens und vieler Medienberichte kenne viele Bürger und sogar Ärzte unsere Arbeit noch nicht.“

Betreuung geht über den Tod des Angehörigen hinaus

Bewusst sei so vielen auch nicht, das der Gladbecker Hospiz-Verein die besuchten Familien über den Tod des Angehörigen hinaus betreut, um die Trauerarbeit zu unterstützen und das Weiterleben nach dem Verlust zu stärken. „Im Durchschnitt 30 Sterbende und Familien werden pro Jahr begleitet, wobei ständig fünf bis sieben Betreuungen aktiv laufen“ zählt Dorothee Schwers auf. Weitere Ehrenamtler sind jederzeit herzlich willkommen, besonders die Männerquote sei stark ausbaufähig.

  • Kontakt zum Hospiz-Verein: Tel. 9871355 oder 0151 25 64 43 77

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