Geschichte

Ausstellung über deutsche Flüchtlinge in der Türkei

Auf Stellwänden werden die Schicksale deutscher Flüchtlinge in der Türkei dargestellt.

Auf Stellwänden werden die Schicksale deutscher Flüchtlinge in der Türkei dargestellt.

Foto: Frank Oppitz

Gladbeck.  „Haymatloz“ heißt die neue Ausstellung in der Christuskirche. Sie zeigt das Schicksal von Deutschen, die vor den Nazis in die Türkei flohen.

„Haymatloz“ lautet der Titel der Ausstellung in der Christuskirche, zu der Pfarrerin Birgit Krenz-Kaynak am Samstag die ersten 20 Besucher begrüßte. „So schreibt man das Wort ‚heimatlos‘ eigentlich nicht. Aber ein Türke würde es in seiner Sprache so schreiben, wenn er es hört“, erklärte sie bei der Eröffnung, „und dieses Wort haben von 75 bis 85 Jahren viele Türken gehört. Zugegeben: Ich habe bis vor einem Jahr davon noch nichts gewusst. Es ist ein kurzes, unscheinbares und doch besonderes Kapitel der deutsch-türkischen Beziehungen.“

Während der NS-Zeit fanden mehr als 1000 deutsche Wissenschaftler, Künstler und Politiker in der Türkei Zuflucht. Die meisten von ihnen wurden wegen ihres jüdischen Glaubens, ihrer Zugehörigkeit zum Kommunismus oder aus anderen Gründen verfolgt. Die Ausstellung ist Teil der „Woche der Brüderlichkeit“ der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und wurde vom Evangelischen Erwachsenenbildungswerk Westfalen/Lippe mitgestaltet.

Auch Bürgermeister Ulrich Roland richtete bei der Eröffnung einige Worte an die ersten Besucher: „Was ist Heimat? Ein Ort, an dem man sich wohlfühlt, den man versteht, an dem man verstanden wird. Was ist, wenn man den verlassen muss, so wie die Menschen in dieser Ausstellung?“

Verfolgte fanden Zuflucht in der Türkei

Er verwies auf die späte historische Aufarbeitung dieser Fluchtbewegung: „Deutsche flüchten in die Türkei: Diese Richtung der Migration ist vielen von uns nicht geläufig. Politiker und Fachkräfte fanden in der Türkei Zuflucht und Wertschätzung. Mustafa Kemal Atatürk wollte ‚seine‘ noch junge türkische Republik nach westlichem Vorbild entwickeln.“

Petra Masuch-Thies, Historikerin und im Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten verantwortlich für die Erwachsenenbildung, erklärte den Hintergrund der Ausstellung: „Den Eröffnungstermin haben wir sehr bewusst auf den Holocaust-Gedenktag gelegt. Zum ersten Mal werden Lebensschicksale in dieser Form sichtbar, die dieses mörderische Regime verursacht hat.“

Atatürk integrierte die deutschen Wissenschaftler

Atatürk habe die Chance, die die vertriebene Intelligenz aus Deutschland seinem Land geboten habe. Für die neu gegründete Universität Istanbul wurden deutsche Wissenschaftler angeworben. „Leider hat man bei der Aufarbeitung dieses Abschnitts der Geschichte den gleichen Fehler gemacht wie so oft: Viele Zeitzeugen wurden viel zu spät befragt“, so Masuch-Thies.

Die Ausstellung selbst besteht aus 30 Plakaten, die an beiden Längsseiten der Kirche aufgestellt sind. Sie behandeln Themen wie die deutsch-türkischen Beziehungen vom ersten Besuch Wilhelms II. in Istanbul 1888 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, die religiösen Minderheiten im Osmanischen Reich und in der Türkei, die Aufenthaltsbedingungen der Flüchtlinge und Spuren der Emigranten in der heutigen Türkei.

Plakate zeigen Biografien

Andere Plakate präsentieren die Biografien einiger Politiker, Wissenschaftler und Künstler, die von den Nazis verfolgt wurden und in der Türkei Zuflucht fanden. Die prominentesten unter ihnen sind der Komponist Paul Hindemith und der SPD-Politiker Ernst Reuter, der spätere Oberbürgermeister West-Berlins.

Ebenso Teil der Ausstellung sind der kommunistische Historiker Ernst Engelberg, der Architekt und Politiker Gustav Oelsner, der Schauspieler und Theaterleiter Carl Ebert und der Dirigent und Musiklehrer Eduard Zuckmayer, der Bruder des Schriftstellers Carl Zuckmayer.

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