100(0) Jahre Gladbeck (23)

1988 erschüttert das Gladbecker Geiseldrama die Republik

Das Bild, das von Gladbeck  aus um die Welt ging: Geiseldrama in der Filiale in Rentfort-Nord – die Geiselgangster Rösner und Degowski halten drei Tage lang die Republik in Atem.

Das Bild, das von Gladbeck aus um die Welt ging: Geiseldrama in der Filiale in Rentfort-Nord – die Geiselgangster Rösner und Degowski halten drei Tage lang die Republik in Atem.

Foto: Franz-Peter Tschauner / dpa

Gladbeck.  Im Jahr 1991 sorgt die Schließung des Siemenswerkes für eine riesige Protestwelle in Gladbeck. 1994 wird Eckhard Schwerhoff (CDU) Bürgermeister.

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In den 80er Jahren kam Landesvater Johannes Rau gleich dreimal nach Gladbeck. Immer zur Fertigstellung wichtiger städtebaulicher Projekte – nach der Eröffnung des City-Centers 1982 eilte der NRW-Ministerpräsident gleich ein Jahr später wieder in die Stadt: Gemeinsam mit seiner Frau Christa weihte er das Bürgerhaus Ost ein, und 1985 reiste er erneut an, um mit dem seit Jahren die Politik bestimmenden SPD-Duo Manfred Braun (Fraktionschef und MdL) und Wolfgang Röken (zunächst noch OB, dann Bürgermeister) den ersten Spatenstich für die Stadthalle zu setzen. Als Mathias-Jakobs-Stadthalle wurde sie 1987 pompös eingeweiht, sogar Fernsehübertragungen gab es im Eröffnungsjahr.

Mit Stadthalle, Stadtbücherei und Jugendzentrum verfügte die Stadt nun über ein imponierendes Kulturzentrum. Nebenan residierte in der alten Jovy-Villa seit Mai 1983 die VHS, nachdem gegenüber das neue Kreisgesundheitsamt eröffnet worden war. 1984 bezog die Musikschule ihr neues Quartier am Bernskamp in der ehemaligen Königlich-Preußischen Berginspektion. Gerade in den 80er Jahre entwickelte sich die 1965 gegründete Musikschule unter ihrem engagierten Leiter Günter Waleczek zu einem Garant des städtischen Kulturlebens. Aus der Taufe gehoben wurde in jenen Jahren ein Freiluft-Event, das über lange Zeit weit über Gladbeck hinaus bekannt war: Das Jazzival. Im September 1989 wurde erstmals wieder ein Appeltatenfest gefeiert – einst ein Vieh- und Krammarkt zu Ehren des hl. Lambertus, seitdem ein modernes Stadtfest, das jährlich Zehntausende anzieht.

DKP und Grüne sorgen in den 80er Jahren für ungewohnten Wind im Rat

Politisch hatte der Rat – zwei Jahrzehnte lang ein Drei-Parteien-Parlament – in den 80ern mit dem Höhenflug der DKP, angetrieben von ihrem Frontmann Robert Farle (seit 1975 im Rat), und dem neuen Phänomen der Grünen zu tun, die 1984 erstmals Sitze im Ratssaal einnahmen. Unvergessen sind die Schlagabtausche zwischen SPD-Machtpolitiker Manfred Braun und dem jungen Grünen Mario Herrmann. 1984 hielt die SPD im 51-köpfigen Rat mit 29 Sitzen die absolute Mehrheit, 15 Ratsleute stellte die CDU, jeweils drei die Grünen und die DKP. Die FDP war nicht mehr im Rat.

Nach Jahren der Innenstadtentwicklung bestimmte ab Ende der 80er Jahre eine Großbaustelle ganz anderer Art das Bild der Stadt: Die A 2 wurde auf sechs Spuren verbreitert, in Ellinghorst entstand eine neue Abfahrt. Gleichzeitig wurde die Beisenstraße, jahrelang eine Sackgasse, verlängert und über die A2 hinaus bis nach Bottrop verlängert. Im Mai 1988 erfolgte der „erste Spatenstich“ eines Projektes, das von Anfang an bei der Bevölkerung wenig Zuspruch fand: Der Umbau des Marktplatzes und der Bau der Markthalle, die im März 1989 eröffnet wurde.

Geiseldrama und Siemens-Werkschließung lassen Gladbeck erbeben

1988 – das war auch das Jahr, in dem das bekannteste Geiseldrama des Landes in Gladbeck seinen Anfang nahm, drei Tage lang die Republik in Atem hielt und drei Menschen das Leben kostete. Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski überfielen am 16. August die Deutsche-Bank-Filiale in Rentfort, flüchteten gemeinsam mit Rösners Freundin Marion Löblich, fuhren unbehelligt durch Stadt und Land. Zwei Geiseln sterben, ein Polizist bei der späteren Verfolgung. Und Gladbeck kämpft seitdem mit dem Image einer Geiselnehmer-Stadt.

Eine Hiobsbotschaft anderer Art erschütterte Gladbeck im Januar 1991, als Siemens ankündigte, das in den 60er Jahren erbaute Telefon-Werk zu schließen. Die Entscheidung löste eine Welle des Protestes aus, wie sie Gladbeck so noch nicht erlebte hatte: Protestmärsche vom Firmengelände zum Rathaus, eine per Lautsprecher übertragene Sondersitzung des Stadtrates, eine Protestfahrt zur Siemens-Zentrale, TV-Berichte. Die Empörung über die plötzliche Schließung trotz unbestritten guter Auftragslage war riesengroß: „Man hat uns belogen und betrogen“, klagte Betriebsrats-Chef Wolfgang Triller. „Wir sind alle getäuscht worden“, formulierte Bürgermeister Wolfgang Röken (SPD).

980 Jobs baute Siemens mit Schließung des Werkes in Gladbeck ab

Aller Protest halft nichts: Die Telefon-Fertigung wurde nach Bocholt verlegt, 980 Mitarbeiter verloren in Gladbeck ihren Job. Ein Teil der Belegschaft schied über Abfindungen aus, ein anderer wurde per kostenlosem Bustransfer täglich nach Bocholt geschafft. Zur Abfederung der Auswirkungen auf die Stadt stellte die Siemens AG für die „Stiftung Zukunftswerkstatt Gladbeck“ 1,5 Millionen Mark bereit. Doch die Verbitterung blieb: Als 1993 das große Stockwerksgebäude und weitere Hallen gesprengt wurden, schauten viele Menschen mit traurigen Gesichtern zu.

Wirtschaftlich konnte die Stadt die Siemens-Fläche (knapp 200.000 Quadratmeter) reaktiveren – wie auch alte Zechenflächen. 1994 etwa wurde der Gewerbepark Brauck eingeweiht. Ein Jahr später setzte die Stadt ein ganz anderes, zukunftsträchtiges Zeichen: Das Innovationszentrum Wiesenbusch, auf der grünen Wiese in Rentfort entstanden, startete und hatte Strahlkraft über die Stadtgrenzen hinaus. Es bot und bietet jungen Firmen mit Zukunftsideen Startmöglichkeiten.

1994 verlor die SPD im Stadtrat ihre „ewige“ absolute Mehrheit

Zu einer kommunalpolitischen Sensation kam es im Herbst 1994: Die SPD verlor ihre absolute Mehrheit und damit ihre jahrzehntelange Dominanz. Gleichzeitig leitete das Wahlergebnis eine zehnjährige CDU-geführte Ära ein. Nach zwei Wochen heftigster politischer Diskussionen war die Wende perfekt: CDU, Grüne und die neu in den Rat gekommene BIG (Bürger in Gladbeck) formten ein Bündnis, die SPD ging in die Opposition. Im Einvernehmen mit dem damals amtierenden Stadtdirektor Dr. Joachim Henneke, der ausschied, vereinbarte man, ab 1. Januar 1995 als eine der ersten Kommunen in NRW einen hauptamtlichen Bürgermeister zu installieren und damit die Doppelspitze (ehrenamtlicher Bürgermeister und Stadtdirektor) abzuschaffen.

Vorgeschlagen wurde der bisherige Sozialdezernent, das CDU-Mitglied Eckhard Schwerhoff, der gegen die Stimmen der SPD mit einer Stimme Mehrheit im Rat gewählt am 1. Januar 1995 ins Amt kam. Interimsbürgermeisterin wurde Maria Seifert (CDU) für knapp zwei Monate. Die neue Stadtregierung unter Schwerhoff leitete wichtige Weichenstellungen ein: Für die Wohnbauentwicklung, die seit längerem stockte, wurde umfangreich neues Bauland ausgewiesen – u.a. an der Uechtmann- und an der Wielandstraße. Die Investitionen in die Bildung wurden erhöht. 1997 konnten die Muslime in der Stadt an der Wielandstraße eine Moschee bauen, die 1998 eingeweiht wurde.

Schwerhoff wurde 1999 wiedergewählt, die CDU wurde stärkste Kraft

Bestätigt wurde Schwerhoffs Art der Stadtführung von der Bürgern bei der Wahl 1999, als er mit über 60 Prozent wieder gewählt wurde. Die CDU errang das beste Ergebnis in der Stadtgeschichte und stellte erstmals die größte Fraktion. Verbunden mit der Ära Schwerhoff bleibt auch der Umbau des Marktplatzes mit dem Abriss der unbeliebten Markthalle 2003, die Rücknahme der Abriss-Option der Phönixstraßen-Bebauung und der lange und heftig diskutierte Bau des Neuen Rathauses, dessen Verträge er noch kurz vor seinem Abschied im Oktober 2004 unterschrieb.

Auch innerhalb der Verwaltung wagte Schwerhoff Neues und ebnete der Kunst des Delegierens von Aufgaben und Verantwortung den Weg. Ungewöhnlich und anders als zuvor war auch, dass er auch Mitarbeiter mit anderem Parteibuch zu Amtsleitern machte. „Es hatte mich nie gedrängt, Bürgermeister zu werden, das ist einfach so auf mich zugekommen. Aber wenn ich es mache, mache ich es richtig und nicht für eine Partei“, sagte er einmal.

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