Gerüchte

Youtuber vermuten Nazi-Akten in Gelsenkirchener Ruine

Das Gafög-Gebäude an der Emscherstraße verwahrlost zusehends. Immer wieder stiegen Neugierige in den vergangenen Jahren illegal in die Räume ein. Dabei machten sie interessante Funde.

Das Gafög-Gebäude an der Emscherstraße verwahrlost zusehends. Immer wieder stiegen Neugierige in den vergangenen Jahren illegal in die Räume ein. Dabei machten sie interessante Funde.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Erle.  Im ehemaligen Gafög-Gebäude sind Dokumente verbrannt. Ein Video beschuldigt die Stadt. Die erklärt, dass keine Daten verloren seien.

Bemooste Bürostühle liegen verstreut zwischen den Sträuchern. Eine schwarze Katze sonnt sich auf einem Haufen Bauschutt in der Sonne. Daneben stapeln sich weiße Plastiksäcke. Die Fenster des ehemaligen Gafög-Gebäudes an der Emscherstraße 66 sind größtenteils zerschlagen. Die Holzlatten, mit denen einige von ihnen notdürftig verschlossen wurden, sind verwittert. Seit 2015 stehen die Räume leer. Und inzwischen ranken sich nicht nur Efeutriebe ums ehemalige Ausweichquartier des Stadtrates, sondern auch zahlreiche Gerüchte.

Zwei Brände in den Jahren 2016 und 2018 haben alles, was sich noch in dem Gebäude der Gafög, der Gelsenkirchener Arbeitsförderungsgesellschaft befand, schwer beschädigt. Darunter waren auch große Mengen an Akten aus dem Standesamt. Ihre Überreste weckten in der Vergangenheit bereits das Interesse sogenannter „Urban Explorer“. Die Youtuber „ItsMarvin“ und Timo Hoffmann filmen regelmäßig verlassene Orte. Sie haben sich im vergangenen Jahr illegal Zutritt zu dem Gebäude verschafft und zeigen ihre Entdeckungen im Internet.

Fachleute stufen Unterlagen als alltäglich ein

„Nazi Dokumente der Stadt gefunden“ heißt ein Video, das Hoffmann beim Durchforsten alter Akten in dem Komplex zeigt. Um einen Sensationsfund handele es sich dabei jedoch keinesfalls, erklärt der Leiter des Instituts für Stadtgeschichte, Daniel Schmitt. Zu sehen seien lediglich Dokumente vom Standesamt, die in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden und deshalb mit entsprechenden Siegeln versehen seien. „Für uns ist es absoluter Alltag, mit solchen Unterlagen umzugehen“, sagt Schmitt.

Dass diese jedoch offen in einem Gebäude herumlagen, das damals noch nicht einmal durch einen Bauzaun gesichert gewesen sein soll, kam den beiden Youtubern komisch vor. „Wir haben deshalb die Stadt informiert“, sagt „ItsMarvin“ der WAZ. Und tatsächlich tat sich kurz nach der Exkursion etwas – schon bevor das Video bei Youtube zu sehen war. Am 15. Oktober 2018 hat ein Entsorgungsunternehmen die Überreste der Standesamts-Akten abtransportiert und vernichtet. Das teilt Stadtsprecher Martin Schulmann auf Nachfrage mit. Von den 789 Kartons, die einst in den Räumen gelagert wurden, sei nichts mehr übrig. Lediglich einige Unterlagen von Parteien und der Gafög sollen dort geblieben sein.

Youtuber erhebt schwere Vorwürfe gegen die Stadt

Die Aufnahmen aus Hoffmanns Video tauchten dennoch Mitte Oktober erneut bei Youtube auf. Ein Nutzer, offenbar aus dem ultrarechten Polit-Spektrum, wirft der Stadt in mehreren Clips vor, wichtige Dokumente verbrannt und damit Daten unwiederbringlich vernichtet zu haben. Das, so Schulmann, stimme definitiv nicht. Er erklärt, dass die Brände, denen die Akten zum Opfer gefallen sind, vermutlich von Brandstiftern gelegt worden seien.

Daniel Schmitt erläutert außerdem, dass es sich bei den im Video gezeigten Dokumenten lediglich um Registraturgut des Standesamts gehandelt habe, also Sammelakten, die bei der Erstellung von Geburts-, Heirats- oder Sterberegister angelegt werden. Die eigentlichen Registereinträge befänden sich ordnungsgemäß im Stadtarchiv. „Es fand also kein Verlust von Daten statt“, versichert er.

„ItsMarvin“ und Timo Hoffmann beteuern unterdessen, nichts von den neuen Videos mit ihren Bildern gewusst zu haben. „Das ist völlig aus dem Zusammenhang gegriffen. Wir haben nichts damit zu tun“, empört sich „ItsMarvin“. Er behält sich rechtliche Schritte gegen den Seitenbetreiber vor, der sein Material ohne Einverständnis verwendet habe.

Im Februar soll das Gebäude verschwunden sein

Die Tage des Gebäudes sind indes gezählt, denn die Abbrucharbeiten schreiten langsam voran. Männer in weißen Schutzanzügen und mit Atemschutzmasken sammeln am Dienstagvormittag im vorderen Teil des Gebäudes das Inventar zusammen. Ein Bagger lädt gemächlich Metallschrott in einen Container. Ende Februar 2020 sollen die Arbeiten endgültig abgeschlossen sein.

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