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Wo Fans in Gelsenkirchen für ihre königsblauen Knappen beten

Pfarrer Ingo Mattauch in der St.-Joseph-Kirche.

Foto: Olaf Ziegler

Pfarrer Ingo Mattauch in der St.-Joseph-Kirche.

Gelsenkirchen-Schalke.   Ingo Mattauch ist Gemeindepfarrer in der katholischen St.-Joseph-Kirche in Schalke. Der gebürtige Wanne-Eickeler schätzt die Arbeit im Stadtteil.

Der Mann kennt den Ruhrpott und seine Menschen: Pfarrer Ingo Mattauch (53). Der gebürtige Wanne-Eickeler hat in einer Gemeinde im Duisburger Süden gearbeitet, bevor er Ende 2012 seinen Dienst in der Pfarrgemeinde St. Joseph antrat – und damit in der Schalke-Kirche, Kultstätte an Heimspieltagen und für alle Menschen offen. Mit Ingo Mattauch sprach WAZ-Redakteurin Inge Ansahl über die offene Kirche, Glauben und ja, auch darüber, ob Gott ein Schalker ist.

Herr Mattauch, gab’s die offene Kirche bei ihrem Amtsantritt bereits?

Ingo Mattauch: Nein, die habe ich mit einer Gruppe Ehrenamtlicher erst initiiert.

Welche Idee steht dahinter?

Die Kernidee ist, dass Menschen auch mal einen Zugang zur Kirche haben können, ohne dass das mit einem Gottesdienst verbunden ist, einfach zum

Verweilen. Und wir wollen auch nicht als Aufpasser da stehen und Kirchenwächter sein, sondern wollen lieber Ansprechpartner sein, aber unaufdringlich. Wir fallen nicht über die Leute her wie beispielsweise Verkäufer – „Können wir Ihnen helfen?“ –, sondern warten, bis wir angesprochen werden oder uns Blickkontakte Gesprächsbedarf signalisieren. Wir sind als Ansprechpartner erkennbar, haben Westen an. Das Projekt ist in kurzer Zeit zu einem Erfolgsprojekt geworden, auch wenn sich manche daran reiben, weil es schrill daher kommt.

Sie meinen die Außenansicht?

Ich weiß ja nicht, ob Sie unsere Kirche schon an Heimspieltagen gesehen haben. Die ist dann sehr bunt...

Einspruch: sehr blau-weiß

Ja, genau.

Hat die offene Kirche denn explizit mit Schalke 04 zu tun?

Ja, ich habe festgestellt, dass an Heimspieltagen noch mal mehr Bewegung bei uns im Stadtteil ist, da ist je nach Wetterlage richtig was los.

Viele Fans sind dann, auch in Gruppen, unterwegs, die an die Ursprungsorte der Königsblauen pilgern wollen. Die möchten dann auch den Schalker Markt sehen, der als Mythos besungen wird. Und sind natürlich manchmal enttäuscht über das, was sie dort zu sehen bekommen. Aber ich finde das ganz schön, dass immer mehr kommen, manche aus Neugier, andere, weil sie es schon kennen und mal wieder mit uns sprechen wollen und wieder andere, weil sie ein religiöses Bedürfnis haben, mal mit einem Priester sprechen möchten und das hier niederschwellig tun können.

Kommen auch Leute zur Kirche, die für den Schalke-Sieg beten wollen?

Ja, ich lasse auch beten, aber verweise darauf, dass das Spiel auf dem Platz entschieden wird und Gott für alle da ist – das bedeutet tragischerweise auch für den Gegner (lacht).

Also ist Gott kein Schalker?

Gott ist alles, das ist der springende Punkt, der ist ja für alle Menschen da. Er ist auch blau-weiß, alles andere würde ja ausgrenzen. Gott ist eben nicht der Erfüllungsgehilfe unserer Wünsche. Das weiß jeder Beter. Aber wir brauchen Orte, wo wir das, was uns angelegen ist, vorbringen können. Und insofern korrespondiert das doch gut mit unserem Schalke-Fenster. Das greift genau das auf: Gott gibt dir Mensch Raum als der, der du bist, mit allem, was dich beschäftigt und bewegt. Und für manche ist ja Schalke eine riesige Leidenschaft, die manchmal auch Leiden schafft.

Wie lange gibt es den Fanclub „Mit Gott auf Schalke“?

Den gab es schon vor meiner Zeit. Wir arbeiten zusammen und machen mit denen und dem ev. Pfarrer Ernst-Martin Barth den ökumenischen Fan-Gottesdienst zu Saisoneröffnung und -abschluss. Wir haben immer den Anpfiff, bei Ernst-Martin Barth ist immer der Abpfiff.

Die S04-Geburtsstätte ist heute ein Stadtteil, der auch von sichtbarer Armut geprägt ist. Gleichzeitig ist Schalke ein sehr bunter Stadtteil. Haben Sie sich damit vor ihrem Dienstantritt beschäftigt?

Ich wusste schon um die Situation. Ich fühle mich hier, viele merken mir das auch an, wie ein Fisch im Wasser. Ich mag auch das Bunte. Ich sehe die Herausforderung und ich sehe in diesem Stadtteil: Es gibt eine riesige Netzwerkarbeit über Grenzen und Trennendes hinaus. Ein Beispiel dafür ist das neue Projekt Schalker Familienpaten: Da erzählt eine Schulleiterin beim Treffen des Sprecherteams des Bildungsverbundes am Rande von der Problematik, dass Menschen anderer Herkunft mit der Verbindlichkeit unserer Schulpflicht nicht viel anzufangen wissen. Es stellte sich schnell heraus, um welchen Kulturraum es geht, welche Sprachen da erforderlich sind. Tja, und das war die Initialzündung. Da fiel mit der türkisch-deutsche Hilfsverein ein. Ich sagte „Ruf die mal an“ und sofort ist etwas sehr Positives entstanden.

Wie sehen die Familienpatenschaften aus?

Sie gehen in diese Familien und bieten an, die Kinder zur Schule zu begleiten und nach Schulschluss wieder nach Hause zu bringen. Sie sorgen dafür, dass die Kinder die richtigen Lehrmaterialien mit haben. Das vergessene Mathebuch ist nicht so das Problem. Aber die Sportbekleidung ist wichtig. Ohne Turnbeutel ist die Stunde gelaufen. Und Sport halte ich für ganz wichtig.

Es passiert also viel in Schalke?

Es passiert viel, aber damit will ich es nicht heile reden. Wir haben hier große Herausforderungen, die werden aber nicht übersehen, sondern man schaut, wie man sich dem stellt. Was ich sehr gelungen finde und was gerade wieder auflebt ist der Präventionsrat Schalke, wo den Bürgern ganz niederschwellig Raum gegeben wird, offen auszusprechen, wo der Schuh drückt und man mit Verantwortlichen von Ordnungsamt und Polizei schaut, wo Abhilfe geschaffen werden kann. Und das ist mir aufgefallen: Wir lassen uns nicht allein von den Problemen, die da sind, erdrücken und runter ziehen. Auch wenn Gelsenkirchen in manchen Statistiken das Schlusslicht abbildet, fordere ich die Menschen, insbesondere im Stadtteil Schalke zum aufrechten Gang auf. Gelsenkirchen ist eine Stadt, die eine durchaus hohe Lebensqualität hat und die durchaus auch ganz viel vorzuweisen hat, was ich umso beachtenswerter finde.

Herr Mattauch, sagen Sie etwas zur Schalker Fan-Ecke.

Sei es Dank, sei es Bitte, sei es Sorge, sei es notfalls Buch, wie auch immer, es geht darum, etwas formuliert dazulassen – und dann haben uns für das Modell Schalker Mauer entschieden, das sich von der Idee anlehnt an die Westmauer von Jerusalem. Die Westmauer des Tempels, wo Juden nicht nur ihre Zettel mit Klagen in die Nischen stecken, sondern auch ganz, ganz viele Dankgebete, Freudengebete sprechen.

Wird das von allen akzeptiert?

Es gibt Leute, die sagen: Was hat das in der Kirche zu suchen? Aber es ist mir ganz wichtig, wie das begonnen hat. Dann kann man auch verstehen, wieso ich das zulasse. Das Erste, was gekommen ist, hat eine Mutter gebracht. Es sind die Fahnen ihres Jungen, der früh zu Tode gekommen ist. Er hatte sie zu Hause immer in einem Väschen stehen. Als es diesen Ort hier gab, kam die Mutter und sagte: ,Ich meine jetzt doch, der Junge ist beim lieben Gott besser aufgehoben’. Sie haben die Armut angesprochen: Das hier sind Kostbarkeiten der Menschen, das ist unser Geschmeide.

Bei aller Lebendigkeit: Gläubige bleiben weg. Stirbt die Kirche aus?

Wir sterben nicht aus!

Noch ein Wort zur Zukunft der Joseph-Kirche?

Wir ziehen uns nicht zurück, sondern setzen uns was kleiner. Wir haben in unserem Konzept größten Wert darauf gelegt, dass wir in den Stadtteilen unserer Pfarrei als Christen präsent bleiben, damit die Menschen weiterhin vor Ort die Möglichkeit haben, ihr Christsein miteinander zu leben und als Christen in den Stadtteil hinein zu wirken. Das ist auch mein persönliches Credo: Dass wir als Kirche kein Selbstzweck sind, sondern eine dienende Funktion haben: für die Menschen.

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