SommerGEspräch

Wie Klaus Rostek in Gelsenkirchen das Thema Bildung angeht

Klaus Rostek hat im März das neue Bildungsreferat übernommen. Sein neues Domizil ist im Bildungszentrum.

Klaus Rostek hat im März das neue Bildungsreferat übernommen. Sein neues Domizil ist im Bildungszentrum.

Foto: Joachim Kleine-Büning / Funke Foto Services GmbH

Gelsenkirchen.  Bildungsreferatsleiter Klaus Rostek setzt bei Entscheidungen auf solide Grundlagen. Vom Land wünscht er sich faire Bedingungen für Gelsenkirchen.

Klaus Rostek leitet seit März das neu gebildete Referat Bildung. Im Sommergespräch erzählt der 62-Jährige von den größten Herausforderungen in seiner bisherigen Tätigkeit, den schlimmsten Tagen seiner Laufbahn und den größten anstehenden Problemen im neuen Referat.

Haben Sie schon einmal bereut, die neue Aufgabe übernommen zu haben?

Klaus Rostek Nur ganz kurz vor meinem Urlaub im Juli. Da war ich fertig, die Zusammenführung der Bereiche hat viel Kraft gekostet. Aber ich habe wirklich noch Lust zu arbeiten, das muss man auch, wenn man so eine Aufgabe übernimmt. Früher aufzuhören, was abschlagsfrei im Oktober 2020 möglich wäre, ist für mich überhaupt kein Thema mehr.

Sind sie verbeamtet?

Nein, dagegen habe ich mich damals bei Start der Ausbildung ganz bewusst entschieden. Mein Vater war Bergmann, ich komme aus einem gewerkschaftlich geprägten Elternhaus, habe am Anfang auch selbst Gewerkschaftsarbeit gemacht, war im Personalrat.

Was sind jetzt aktuell ihre größten Herausforderungen?

Ich möchte das ganze Referat noch weiter zusammenführen, hier im Bildungszentrum an der Ebertstraße mit allen Einrichtungen zusammen ein ganz zentrales Haus der Bildung in Gelsenkirchen schaffen.

Sie haben beim Amtsantritt erstmal ganz viele Zahlen zusammentragen lassen. Zum Elternwillen bei Schulen, Zufriedenheit und vielem mehr. Sind Sie ein sehr analytischer Mensch?

Ich bin der Meinung, wenn man Entscheidungen trifft, muss man eine sehr saubere Grundlage haben. Und Grundlage heißt für mich: Ich muss wissen, was passiert. Wie arbeitet der Mitarbeiter in der Schulverwaltung, wie werden Vorgänge gehändelt. Ich frage sehr viel, manchmal zuviel, meine Mitarbeiter sind auch schon mal genervt, aber nur so kann es mir gelingen, alle Abläufe zu verstehen. Bei Schulplanung aus dem hohlen Bauch zu diskutieren: Das will ich nicht. Ich muss Fakten vorlegen. Muss Elternwünsche kennen, wissen, wie sind die Wege, dann kann ich das analysieren und dann erst bin ich an dem Punkt zu sagen: Jetzt führen wir eine inhaltliche, sachliche Diskussion. Ich möchte, dass der Bildungsausschuss sich künftig viel sachbezogener mit Themen auseinandersetzt. Auch kritisch, das gehört dazu. Gerade die Zusammenarbeit mit Annette Berg hilft dabei, wir ticken sehr ähnlich.

Haben Sie dabei freie Hand?

Ja. Natürlich entscheide ich nicht, aber ich erfahre totale Unterstützung von meiner Chefin und dem Oberbürgermeister und auch von den Mitarbeitern, was nicht selbstverständlich ist.

War Ihr Ruf so schlecht?

Der Klaus Rostek ist jemand, der klare Entscheidungen trifft und nicht immer ganz ruhig dabei ist. Ich rede auch nicht lange um irgendwas drumrum. Aber ich stelle mich immer vor meine Mitarbeiter, egal, was passiert. Im Moment ist noch viel Druck da, aber wir arbeiten daran, die Organisation weiter zu verbessern.

Ist es denn richtig, dass der Elternwille bei allem und immer ganz oben steht? Auch wenn die Entscheidungen nicht immer die besten fürs Kind sind?

Es wird immer gesagt, ganz viele Eltern drängen ihre Kinder ins Gymnasium. Ich bin dabei, das für mich belastbar zu machen, auch in Gesprächen mit den Schulleitungen. Gerade bei dieser Entscheidung nach der Grundschule müssen wir alle überlegen, was passiert, wie sind die Abläufe, wenn die Erstwahl nicht funktioniert. Da müssen wir auf die Ergebnisse warten, die wir im Herbst erwarten.

Kann Gelsenkirchen mit den vorhandenen Mitteln überhaupt alle Kinder so gut ausbilden, dass sie eine gute Chance im Berufsleben haben?

Ich glaube, ja. Weil Gelsenkirchen seit vielen Jahren trotz kritischer Finanzlage ganz viel investiert in die Bildung, von der Kindertagesbetreuung bis zur Schule. Die Rahmenbedingungen sind halt schwierig. Weit über 50 Prozent der Ausbildungsplätze sind hier weggefallen seit 1994, zudem gibt es keine Stellen für Schüler mit einfachem Schulabschluss. Da müssen wir uns bewegen. Man muss Eltern und Schülern wieder die handwerklichen Berufe und die wirklich guten Chancen dort näher bringen.

Was muss konkret verbessert werden an Schulen?

Die Rahmenbedingungen. Es ist enorm, was Lehrer hier leisten, in allen Schulformen. Ich bin kein Freund davon, die Arbeit der Schulen in Frage zu stellen, weil die Zahl der Abschulungen hoch ist. Wir als Schulträger müssen Räume schaffen, um die Klassen kleiner machen zu können. Da müsste uns das Land von bürokratischen Vorschriften bei der Vergabe der Bauaufträge befreien, damit wir das auch umsetzen können. Und dann braucht es mehr Lehrer und multiprofessionelle Teams mit Sozialarbeitern, Psychologen, Erziehern.

Letzteres kann die Stadt gar nicht beeinflussen, weil es die auf dem Markt kaum gibt..

Nein, da müssen Bund und Länder gemeinsam drangehen, Initiativen starten. Und alle Beteiligten müssen gemeinsam die Rahmenbedingungen verbessern.

Sie haben gesagt, die Auszeichnung als Talentschule wird den Schulen helfen. Ist es fair, dass Schulen mit so unterschiedlichen Bedingungen arbeiten müssen?

Meiner Meinung nach müssten in Gelsenkirchen 85 Prozent aller Schulen Talentschulen und entsprechend ausgestattet sein. Aber es ist nun mal ein Modellprojekt. Das Land überlegt ja jetzt – was wir uns schon länger wünschen – einen schulscharfen Sozialindex einzuführen, mit entsprechender Lehrerzuweisung. Es muss etwas passieren, dass nicht Lehrer als Beamte sagen können, ich will aber nur in Münster Lehrer sein. Und wir müssen Lehrern auch klar machen, wie gut unsere Schulen hier ausgestattet sind. Wir bekommen das immer wieder bestätigt, wenn Auswärtige hier Fortbildungen machen.

Wie geht es mit der neuen Kulturschule auf dem Gelände des Schalker Vereins weiter?

Hier hatte Annette Berg die Idee, kulturelle Bildung im Schulkonzept zu verankern. Das ist unabhängig von der Schulform. Der Architektenwettbewerb ist erfolgreich abgeschlossen; es geht nun um die Realisierung.

Wie steht es um die Fördermittel des Landes?

Geld ist immer gut, aber man muss es auch ausgeben können. Der Digitalpakt klingt nach richtig viel Geld, eine Milliarde plus. Wir sind ja schon gut ausgestattet aus eigener Kraft, bei der Anbindung der Schulen etwa. Die Frage ist, ob wir das Geld so nutzen können, wie wir es brauchen oder ob wir für unsere Vorleistungen wieder bestraft werden wie bei der Schulsozialarbeit.

Herr Rostek, was war das dickste Brett, das Sie bisher zu bohren hatten?

Ich habe damals als Büroleiter die Untersuchungen zum – in Anführungsstrichen – Jugendamtsskandal begleitet, das war nicht einfach. Aber das Bäderkonzept war eine der Aufgaben, die mich am meisten gefordert haben. Ich habe Glück gehabt dabei, dass mir der Oberbürgermeister und Annette Berg freie Hand gelassen haben, ich konnte mir ein Team von Mitarbeitern zusammenstellen. Ohne dieses gute Team wäre es gar nicht gegangen.

Wie schlimm war der Druck von den Fraktionen, der dabei auf ihnen gelastet hat?

Der Druck war am Anfang enorm hoch, weil Politik sich am Anfang nicht sicher war, ob jetzt wirklich nochmal neu und frei gedacht wird, oder ob der Rostek jetzt einfach in den Job geschoben worden ist mit einem klaren Auftrag. Es ist uns gelungen zu vermitteln dass wir keinen konkreten Auftrag hatten, sondern eine Lösung zu finden sollten, frei und offen. Dazu beigetragen hat sicher auch, dass wir zwischendurch Politik immer wieder breit zum vertraulichen Informationsgespräch geladen haben.

Politisches Tauziehen im Hintergrund hat nicht stattgefunden?

Zum Start schon, danach nein. Auch die Diskussionen im Sportausschuss waren in der Regel durch Fachlichkeit geprägt, das war wohltuend, ist ja nicht immer so. Gerade das Thema Bäderbau eignet sich auch gar nicht für eine krasse politische Auseinandersetzung, da geht es um die Zukunft dieser Stadt und gute Angebote für die Bürger.

Wann kann der erste Bürger in eines der neuen Bäder steigen?

Da traue ich mir keine Einschätzung zu. Der Prozess läuft, die Stadtwerke sind bei der Arbeit, da ist Politik intensiv beteiligt. Ich rechne 2020 mit ersten Richtungsentscheidungen. Man wird anfangen mit dem Ersatzbau am Berger Feld.

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