Kolloqium

Wie kann die Kurt-Schumacher-Straße aufgewertet werden?

Im Stadtbauraum stellten die Studenten aus Hannover und das Team um Architektin Ulrike Bega ihre Ergebnisse vor. Die Studenten präsentierten dabei ihre Postkarten-Ausstellung.

Im Stadtbauraum stellten die Studenten aus Hannover und das Team um Architektin Ulrike Bega ihre Ergebnisse vor. Die Studenten präsentierten dabei ihre Postkarten-Ausstellung.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Studenten aus Hannover und Architekten aus Tirana warfen einen externen Blick auf Gelsenkirchens Hauptverkehrsachse. Was kann hier besser werden?

Die Kurt-Schumacher-Straße ist die längste und wahrscheinlich auch bekannteste Straße dieser Stadt. Dass sie auch die schönste ist, hat wahrscheinlich noch nie jemand behauptet. Und so kann es ja nicht schaden, mal jemanden von außen ganz unverbindlich drauf gucken zu lassen auf diese so wichtige Nord-Süd-Achse.

Der Bund Deutscher Architekten (BDA) in Gelsenkirchen hat genau das initiiert und sich in einem zweiwöchigen Planungsworkshop mit der Kurt-Schumacher-Straße beschäftigt. „Dieses Thema, die Verbindung unserer beiden Zentren, hat uns schon immer interessiert“, so Monika Güldenberg, Vorsitzende des BDA Gelsenkirchen. „Und es ist gut, wenn jemand mit anderen Erfahrungen und einem anderen Blickwinkel sich die Sache anguckt.“

Zwei Planungsteams begutachteten die Kurt-Schumacher-Straße

Angereist für dieses Experiment sind zwei externe Planungsteams: Zum einen Architektur-Studenten (Fachrichtung Stadt- und Raumentwicklung) der Leibniz-Universität Hannover um Prof. Tim Rieniets, zum anderen das Planungsbüro Symbiotica um Ulrike Bega aus Tirana. Beide Teams stellten nun ihre Ergebnisse und Sichtweisen in einem Kolloquium im Stadtbauraum vor.

„Ich habe mich in den letzten 15 Jahren mit Stadtentwicklung beschäftigt“, sagt Ulrike Bega einleitend, allein vier Jahre habe sie im Rathaus der albanischen Hauptstadt gearbeitet. Tirana und Gelsenkirchen hätten viel gemeinsam, mindestens mal „ähnliche Probleme“, so Güldenberg, die Bega aus dem Studium kennt. Der vorgestellte Vorschlag zur KSS klingt zunächst mal radikal: „Wir würden vorschlagen“, sagt Bega, „den Lkw-Verkehr komplett rauszunehmen und den Pkw-Anteil zu minimieren.“

Mehr Raum für den ÖPNV, für Fahrradfahrer und Fußgänger

In einigen Skizzen verdeutlicht die Architektin ihre Vision der Kurt-Schumacher-Straße: mehr Raum für den ÖPNV, für Fahrradfahrer und Fußgänger, nur noch jeweils eine Fahrspur für den motorisierten Individualverkehr. „Es geht um die Mobilisierung von nicht motorisiertem Verkehr.“ Ihr Credo dabei: „Städte sind für Menschen da, nicht für Autos.“

Doch wie soll das gehen? Ist doch die KSS schon in ihrer heutigen Vierspurigkeit dem Verkehrsaufkommen zu Stoßzeiten nicht gewachsen. Natürlich ist der Umstieg etlicher Autofahrer auf den Bus oder die Bahn Teil ihres Plans. „Weiterer Vorteil: Man braucht nicht mehr so viel Fläche fürs Parken.“

Auch mit anderen Menschen geteilte Autos („Car-Sharing“) haben bei ihrer Vision einen hohen Stellenwert: „Der Mensch der Zukunft fährt auch Auto. Aber in der Regel besitzt er keins.“ Und so rechnet Bega vor, dass eine Autofahrt heute von der Veltins-Arena zum Essener Hauptbahnhof je nach Verkehrslage 35 bis 65 Minuten dauert. „In Zukunft wären wir bei 28 Minuten“ – mit Bus, Bahn und Car-Sharing.

Blick der Studenten auf Gelsenkirchen fällt emotionaler aus

Der Blick der Studenten fällt weniger analytisch, dafür emotionaler aus – was Absicht ist. „Wir haben uns abgestimmt, dass wir nicht auch den fachplanerischen Blick auf Gelsenkirchen werfen“, erklärt Tim Rieniets. Der Professor und seine fünf Studenten sind die kompletten 7,5 Kilometer vom Zentrum im Süden bis nach Buer gelaufen und haben die Straße genau unter die Lupe genommen.

Was sie dort gesehen und fotografiert haben, findet den Weg in eine spielerische Auseinandersetzung mit dem Thema: in eine kleine Ausstellung im Stadtbauraum. Mehr oder weniger bekannte Orte und Gebäude entlang der KSS haben die Studenten kurzerhand in Metropolen von Welt verortet und daraus übergroße Postkarten gebastelt – ein Blick unter die Berliner Brücke: New York; der Rathausturm von Buer: Washington; das gelbe Haus an der Schalker Meile: Lissabon; das Polizeipräsidium: München. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte es passen.

Die Rückseiten der 13 Postkarten zieren Botschaften aus der Zukunft. „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was hier los ist“, heißt es zum Beispiel auf der Rückseite des angeblichen New-York-Motivs. „Gestern Abend wurde die große Brücke gesperrt und ein großes Fest veranstaltet. Es ist kaum zu glauben, wie lebendig es hier geworden ist.“

Ihre Botschaft dahinter: „Aus dem vermeintlichen Übel etwas Großartiges entwickeln und eben nicht alles abreißen“, so Sebastian Bührig von der Leibniz-Universität. „Sie haben ja schon mutige Experten in Gelsenkirchen. Machen Sie was draus!“

Aufmerksame Zuhörerin aus der Stadtverwaltung

Aufmerksam zugehört hat Janine Feldmann, Leiterin der städtischen Koordinierungsstelle Stadterneuerung. Sie will ein paar der Ideen ins Rathaus tragen und in den Diskussionsprozess einfließen lassen. Gefallen hat sie auf jeden Fall an den Postkarten gefunden, die sie gerne im Hans-Sachs-Haus oder an anderer Stelle ausstellen würde: „Wäre doch schade, wenn sie nur so kurz hier im Stadtbauraum stünden.“

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