Umweltschutz

Wie Gelsenkirchener Händler Plastikmüll vermeiden wollen

Verpackungsmüll wird immer mehr zum Problem – deshalb suchen Gelsenkirchener Geschäfte nach umweltfreundlichen Alternativen zu Kunststoffen.

Verpackungsmüll wird immer mehr zum Problem – deshalb suchen Gelsenkirchener Geschäfte nach umweltfreundlichen Alternativen zu Kunststoffen.

Foto: Julia Tillmann

Gelsenkirchen.   Gibt es Alternativen zur Plastikfolie? Die WAZ hat sich in Gelsenkirchen umgehört – und auch die Stadtspitze setzt inzwischen auf Mehrweg-Becher

Der Mehrwegbecher für den Coffee-to-go, der nicht nach einmaliger Nutzung weggeworfen wird. Ein Eishörnchen anstelle des Plastikeisbechers. Aber auch eine mitgebrachte Baumwolltasche beim Einkauf im Supermarkt: Es gibt viele Möglichkeiten, Plastikmüll zu vermeiden. Trotzdem haben sich die Alternativen noch immer nicht großflächig durchgesetzt.

Laut EU-Kommission häuft sich jährlich im Bereich der Europäischen Union ein Plastikmüllberg von rund 26 Millionen Tonnen an. Weniger als ein Drittel wird davon wiederverwertet. Für Supermärkte, Discounter, Metzger, Bäckereien und selbst im Bioladen, wo Lebensmittel zum täglichen Geschäft gehören, scheint Plastik unverzichtbar zu sein.

In Kunststoff eingeschweißte Gurken

Bei den citynahen Discountern entdeckt man überall in der Obst- und Gemüseabteilung Plastikverpackungen. Auch im Rewe-Markt finden sich Blumen, Äpfel, Paprika und Gurken umhüllt mit Kunststoff. „Wir haben auch lose Ware, aber ganz auf Plastik verzichten können wir nicht“, sagt Marktleiter Zekeriya Yaman.

Die Nutzung des Materials wäre kunden- aber besonders lieferantenabhängig. Bei der Bestellung würde sich vorab oft nicht feststellen lassen, wie die Produkte verpackt sind. Zudem würde ein Großteil der Kunden – zumindest in dieser Filiale – die günstigere in Plastik verpackte Massenware bevorzugen, die kiloweise abgerechnet wird. Aber: „Rewe hat als erstes die Plastiktaschen aus dem Sortiment genommen. Der nächste Step ist, dass wir die Strohhalme streichen“, so der Marktleiter.

Kartoffeln in Papiertüten

„Seit 40 Jahren kommen unsere Kartoffeln in Papiertüten“, sagt Peter Habegger, der den Stand „Peters Kartoffelland“ auf dem Gelsenkirchener Wochenmarkt betreibt. Neben den Kartoffeln sind es Eier, Obst und in der Winterzeit Nüsse, die er verkauft. Zwar hat er immer Plastiktüten am Stand, aber zum Einsatz kämen diese selten. „90 Prozent unserer Kunden bringen eigene Baumwolltaschen mit, so dass eine Papiertüte ausreicht“, sagt er. Es gäbe auch Kunden, die die Papiertüten – die übrigens für Habegger im Einkauf fünf Mal teuer als die Plastiktragetaschen sind – zum Befüllen wieder mitbringen.

Blumen Risse auf der Bahnhofstraße setzt seit zwei Jahren ausschließlich auf Papiertaschen. Trotzdem werden Blumen oft als Geschenk in Plastik eingehüllt und Pflanzen stehen hier in Plastiktöpfen.

Im „Bio-Körbchen“ ist das Gemüse und Obst zwar unverpackt — doch direkt daneben hängen Plastiktüten. Warum, das erklärt Inhaberin Isabel Evers: „Papiertüten sind in der Herstellung schädlicher als Plastiktüten, giftige Gase entstehen und Bäume sterben. Leider ist Plastik als Verpackungsmittel schwer zu ersetzen.“ Für Biokunststoff aus Mais etwa wären die Ressourcen nicht ausreichend. Jedoch versucht der Bioladen, soweit wie möglich, umweltschonend zu arbeiten. Die Waren werden hier in wiederverwendbaren Kisten angeliefert. Ein Schild im Eingangsbereich macht deutlich, wie viel dadurch eingespart werden kann: 5.891 Quadratmeter Folie und 2.264 Kilogramm Kartonage waren es 2017.

Junge Kunden setzen eher auf Mehrweg

„Die jüngeren Kunden kaufen bewusster ein und haben oft eine Tragetasche oder einen Korb dabei, ältere Menschen verlangen eher nach Plastiktüten, obwohl es hier auch Baumwolltaschen zu erwerben gibt“, stellt Wilhelm Leidorf von der Metzgerei Ridderskamp & Hahn fest. Anstatt der Klarsichtfolie – beispielsweise zum Trennen von Wurst – könnte man auch Pergamentpapier verlangen, was laut Leidorf ein umweltschonenderes Produkt sei. Auf Wunsch würde man hier auch Waren in mitgebrachte Dosen füllen.

Nicht um die Wurst, sondern um Heißgetränke geht es derweil bei einer neuen Aktion der Stadt Gelsenkirchen: Um Gelsenkirchen sauberer zu machen, wurde hier vor wenigen Monaten die Kampagne „Weil es unsere Stadt ist!“ gestartet: „Wir setzen in diesem Zuge nicht nur Mülldetektive ein, um den Verursachern von illegalen Müllbergen auf die Schliche zu kommen, sondern wir haben auch 2500 zusätzliche Mülleimer aufgehängt“, erinnerte Oberbürgermeister Frank Baranowski – und stellte zugleich den nächsten Teil der „Sauber“-Kampagne vor: „Jetzt wollen wir noch einen Schritt weitergehen und den Bürgern helfen, den Müll zu vermeiden, bevor er entsteht“, betonte der OB.

Blaue Becher mit Gelsenkirchener Skyline

„Ab jetzt wird GEbechert“, erklärte Markus Schwardtmann, Geschäftsführer der Stadtmarketing-Gesellschaft (SMG) – und präsentierte einen neuen leichten Kunststoff-Becher im Gelsenkirchener Blau mit dem entsprechenden Logo. 400 Milliliter Flüssigkeit fassen die Becher mit Gelsenkirchener Skyline – und der Gummideckel sei absolut dicht, verspricht Schwardtmann: „Die Becher werden in Deutschland hergestellt und kommen vom Marktführer auf diesem Gebiet. Spülmaschinenfest und mikrowellengeeignet sind sie übrigens auch.“

„Wenn man bedenkt, dass allein in Gelsenkirchen rund neun Millionen Pappbecher pro Jahr im Müll landen, dann sind diese Becher vielleicht eine echte Alternative“, gibt Frank Baranowski zu bedenken. Und damit die Befüllung auch unterwegs gewährleistet wird, hat sich die Stadt gleich vier Bäckereiketten mit rund 50 Filialen im Stadtgebiet mit ins Boot geholt. (Alle teilnehmenden Filialen sind hier zu finden.) „Für uns ist der Einsatz von Mehrwegbechern ein echtes Novum, wir haben das bislang wegen der strengen Vorgaben der Lebensmittelüberwachung nicht angeboten“, erzählt Christian Leben von der Bäckerei Gatenbröcker mit über 30 Filialen in Gelsenkirchen.

Bäckereien bieten Rabatte auf Getränke an

Bei Malzers hat man hingegen laut Marketing-Leiter Oliver Hein bereits mit eigenen Bechern „gute Erfahrungen“ gesammelt – ebenso wie in den drei Backwerk-Filialen in der Gelsenkirchener Altstadt, wo laut Hans-Georg Bicking „immer mehr Kunden ihren eigenen Becher mitbringen.“

In Zukunft sollen die blauen Mehrweg-Becher auch auf den Gelsenkirchener Feierabend-Märkten sowie bei der Westfälischen Hochschule zu finden sein. Damit auch hier ordentlich „GEbechert“ werden kann. „Ich würde mir für die Zukunft auch ein Pfand-System wünschen, damit die Becher in jeder teilnehmenden Filiale auch zurück gegeben werden können“, sagt Oliver Hein derweil. Hans-Georg Bicking stimmt ihm zu: „Vor allem Männer haben ja oft keine großen Taschen dabei, in denen sich so ein Kaffeebecher verstauen lässt.“ Das Thema Verpackung birgt also noch viele weitere Facetten...

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben