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Wie der Tourismus in Gelsenkirchen unter Corona leidet

Die Zoom-Erlebniswelt in Gelsenkirchen – hier eine Aufnahme von Mai 2020 – hat für den Tourismus eine enorme Bedeutung. Wegen Corona musste die Stadt auf viele Tages- oder Wochenendurlauber verzichten. Foto:

Die Zoom-Erlebniswelt in Gelsenkirchen – hier eine Aufnahme von Mai 2020 – hat für den Tourismus eine enorme Bedeutung. Wegen Corona musste die Stadt auf viele Tages- oder Wochenendurlauber verzichten. Foto:

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Die Zahl von Gästen und Übernachtungen in Gelsenkirchen ist 2020 massiv eingebrochen. Der Tourismus leidet – es gibt aber auch Hoffnung.

„Seit 27 Jahren gibt es unser Hotel. Abgesehen von den ersten beiden Jahren, als wir uns erst etablieren mussten, hatten wir noch nie so schlechte Zahlen wie aktuell“, blickt Thomas Dirks, Inhaber des Buerer Hofs, auf das bisherige Corona-Jahr zurück. Anderen Beherbergungsbetrieben geht es ähnlich. Die Pandemie hat den Tourismus in Gelsenkirchen hart getroffen.

Erst kürzlich veröffentlichte der statistische Landesbetrieb IT-NRW Zahlen zu Gästeankünften und Übernachtungen im Zeitraum Januar bis September. Der Blick auf diese Statistik fällt nicht nur bei Thomas Dirks ernüchternd aus. Gelsenkirchen verzeichnete in den ersten zehn Monaten 2020 mit rund 55.780 Gästeankünften einen Rückgang um knapp 49 Prozent. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum lag diese Zahl bei knapp 108.380.

Damit bewegt man sich auf ähnlichem Niveau wie Oberhausen und Duisburg, wo die Gästeankünfte ebenfalls um 50 Prozent zurückgegangen sind. Gleichzeitig sank in Gelsenkirchen die Anzahl der Übernachtungen von 269.210 im vergangenen Jahr auf etwa 163.230 im Jahr 2020. Das entspricht einer Abnahme von rund 40 Prozent.

Gelsenkirchen: Buerer Hof im Corona-Jahr mit 45 Prozent weniger Auslastung

„Auch bei uns sind die Zahlen nicht anders. Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr gab es eine Flut an Zimmerstornierungen “, erzählt Dirks: „Im Vergleich zum guten Vorjahr haben wir bislang 45 Prozent weniger Auslastung.“ Auch im Sommer, als es erste Lockerungen gab, seien die Buchungszahlen nicht wieder angestiegen. Dabei müsse man natürlich auch bedenken, dass die Stadt keine klassische Touristenregion sei, wo man sich an den Strand legt oder in die Berge geht.

„Wir haben vor allem viele Gäste, die am Wochenende kommen, um beispielsweise die Zoom-Erlebniswelt , Konzerte oder ein Heimspiel des FC Schalke 04 in der Veltins-Arena zu besuchen“, sagt Dirks. Für wie viel Unsicherheit Reise- und Quarantänebestimmungen im Frühjahr gesorgt haben, konnte er hautnah miterleben: „Wir hatten damals auch Gäste aus Südafrika oder den USA im Hotel, die an einem Projekt in der BP-Raffinerie mitarbeiten und umgehend zurückgeflogen sind.“

Etwas geholfen habe dem Geschäft, dass die Stadt nach dem Brand in der De-la-Chevallerie-Straße Ende September einige der Brandopfer für eine Weile im Buerer Hof einquartiert hat. „Auch ein Teil der Bundeswehrsoldaten, die gerade das Gesundheitsamt bei der Kontaktnachverfolgung unterstützen, sind bei uns untergebracht.“

Seit dem Kulturhauptstadtjahr 2010 gingen die Übernachtungszahlen nach oben

Die missliche Lage der Hotels lässt auch Markus Schwardtmann nicht kalt. „Wir hatten einen sehr engen Kontakt zu den Betrieben“, sagt der Geschäftsführer der Stadtmarketing-Gesellschaft. Um unterstützend einzugreifen, habe die Stadt die Aktion „Urlaub in deiner Stadt - Tapetenwechsel“ ins Leben gerufen. An 17 aufeinanderfolgenden Wochenenden im Zeitraum vom 3. Juli bis 25. Oktober konnten Einwohner ein paar schöne Tage in der eigenen Stadt verbringen. Die Hotelübernachtung kostete zehn Euro pro Stern, Person und Nacht – Frühstück inklusive.

„Das war natürlich nur ein kleiner Mosaikstein“, gibt der 51-Jährige zu. Seit dem Kulturhauptstadtjahr 2010 sei die Kurve der Übernachtungszahlen stetig nach oben gegangen: „Der Städtetourismus hat generell geboomt. Der jetzige Einbruch ist definitiv schwerwiegend und verheerend.“

Im Heiner’s geht es um Schadensbegrenzung

Sami Nofal, Betriebsleiter des Heiner’s im Nordsternpark , geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ich habe das Jahr schon abgeschrieben. Es war kein gutes, weil auch das Zusatzgeschäft im Restaurant fehlt. Die Buchungszahlen sind bescheiden.“ Seine insgesamt 36 Zimmer seien im Vergleich zu 2019 um 50 bis 60 Prozent weniger ausgelastet – punktuell auch noch weniger.

Tagungen oder Veranstaltungen – all das habe gefehlt und somit auch die Kunden. „Das Stimmungsbild von Gästen oder Firmen war von großer Unsicherheit geprägt“, erklärt Nofal. Man müsse nun das Beste aus der Situation machen: „Wir operieren an der Grenze der Wirtschaftlichkeit. Es geht nur um Schadensbegrenzung.“

Markus Schwardtmann glaubt an eine Abkehr vom Massentourismus

Ob im kommenden Jahr wieder alles besser wird? „Das ist wie ein Blick in die Glaskugel“, meint Nofal: „Wir hoffen auf den Sommer und die Zulassung eines Impfstoffs.“ Ähnlich sieht es Thomas Dirks: „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber ich glaube, dass nicht alles wieder so sein wird, wie es mal gewesen ist.“

So trüb die Lage derzeit auch ist: Stadtmarketing-Geschäftsführer Markus Schwardtmann hält es für möglich, dass sich das Reiseverhalten vieler Menschen grundlegend ändert und eine Stadt wie Gelsenkirchen davon profitieren könnte. „Ich glaube nicht, dass es noch diesen Massentourismus geben, sondern alles ein bisschen individueller gehandhabt wird.“ Radfahren auf der Trasse oder Ausflugsziele wie der Nordsternpark könnten dadurch einen Schub bekommen: „Mit der Industriekultur haben wir ja auch schon etwas zu bieten.“

Bis dahin ist allerdings weiter Durchhaltevermögen gefragt. „Ich denke, dass 2021 alles langsam Fahrt aufnimmt und wir erst 2023 wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie sind, was Übernachtungen und Ähnliches angeht“, sagt Schwardtmann. Die entscheidende Frage sei eben: „Wann zieht das öffentliche Leben wieder an? Wann sind Fußballspiele, Messen oder Konzerte wieder möglich?“ Diese Ereignisse haben auch für den Tourismus in der Stadt eine immense Bedeutung.

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