Am Ende der Woche

Warum dieser Brief ans ZDF die Emotionen hochkochen lässt

Steffen Gaux, Leiter der WAZ-Redaktion Gelsenkirchen  

Steffen Gaux, Leiter der WAZ-Redaktion Gelsenkirchen  

Foto: Kai Kitschenberg

Dass die Revier-OB eine Studie des ZDF boykottieren wollen, ist in Gelsenkirchen das Thema der Woche. Was ist eigentlich passiert? Ein Kommentar.

Kein Thema scheint die Menschen in dieser Woche so sehr bewegt zu haben wie der Brief der Revier-Oberbürgermeister und -Landräte ans ZDF. Kein Wunder – geht es hier auch um die Frage: Was denkt man in Deutschland übers Ruhrgebiet? Wie werden wir wahrgenommen? Nun, im Zweifelsfall eher schlecht. Und auch wenn viele Menschen immer behaupten, es sei ihnen egal, was andere über sie denken – es ist menschlich, dass es oft anders ist. Besonders, wenn man weiß, dass andere immer mit dem Finger auf einen zeigen.

Besagter Brief, in dem die Stadtchefs dem ZDF die Teilnahme an einem neuen Städte-Ranking verweigern – er ist offiziell noch nicht abgeschickt. Allein die Tatsache, dass es den Entwurf gibt, wühlt alte Wunden auf – gerade hier, wo man in der Studie zur Lebensqualität 2018 den letzten Platz belegte. Das schmerzt noch immer. Und wo alte Wunden aufreißen, da reißen manche auch den Mund auf. Da fallen dann Sätze, die – sagen wir es vorsichtig – etwas unüberlegt wirken.

Wer erinnert sich an über 15 Jahre alte Wittke-Zitate?

Einer dieser Sätze stammt von Markus Töns. Der SPD-Bundestagsabgeordnete hatte in dieser Woche den (Teil-)Schuldigen für Gelsenkirchens nachhaltig schlechtes Image ausgemacht: „In seiner Zeit als Oberbürgermeister hat Oliver Wittke keine Gelegenheit ausgelassen, Gelsenkirchen als Armenhaus der Republik darzustellen. Unter diesem Erbe leiden wir noch heute.“

Mit Verlaub: Als könnte sich außerhalb dieser Stadt noch jemand an ein einziges Wittke-Zitat aus seiner Zeit als OB erinnern! Und selbst wenn: Glaubt irgendwer ernsthaft, dass Gelsenkirchen heute besser dastünde, wenn es in jahrzehntelanger SPD-Herrschaft die fünfjährige CDU-Unterbrechung nicht gegeben hätte?

Unglücklich formulierter Satz von OB Baranowski

Unglücklich formuliert wirkte auch ein Satz des Oberbürgermeisters. Er wisse nicht, sagte Frank Baranowski, was die hohe Langzeitarbeitslosigkeit mit der Lebensqualität zu tun hat. Natürlich hat das etwas miteinander zu tun! Hohe Arbeitslosigkeit sorgt für geringere Kaufkraft und geringere Steuereinnahmen. Beides wirkt sich auf das Bild einer Stadt aus. Wäre die Arbeitslosenquote nur halb so hoch, hätte die Stadt ganz andere finanzielle Spielräume. Vom Lebensgefühl der Arbeitslosen selbst mal ganz zu schweigen.

Natürlich: Den unmittelbarsten Einfluss auf die persönliche Lebensqualität hat die Frage, ob man selbst einen Job hat oder nicht.

Lebensqualität ist etwas sehr individuelles

Damit ist wieder klar: Lebensqualität ist etwas sehr individuelles. Und der Nachteil solcher Studien ist, dass sie dieses individuelle Gefühl zu einem Durchschnittswert machen. Aber es ist wohl so: Alles muss in Rankings und Hitlisten verpackt werden. Auf wen darf ich herabschauen und zu wem muss ich aufsehen?

Um diesen Vergleichen standzuhalten, braucht das Ruhrgebiet, braucht Gelsenkirchen Geld. Denn mal ehrlich: Wie hoch ist der Anteil der Stadtoberen am heutigen Zustand der Ruhrgebiets-Kommunen? Wir haben in der Region rote und schwarze Rathäuser – überall ist die Situation ähnlich schlecht. Haben alle Bürgermeister aller Parteien und Städte über Jahre nur Mist verzapft? Wohl kaum! Schuld sind vor allem höhere Instanzen, die den größten deutschen Ballungsraum zu sehr aus den Augen verloren haben. Das muss sich endlich ändern!

Zu dem Thema passt kein parteipolitisches Geplänkel

Deshalb nervt es, dass diese Diskussion zu einem parteipolitischen Geplänkel verkommt. Der Brief ist ein parteiübergreifendes Statement der Stadtchefs einer ganzen Region! Insofern greift Oliver Wittke mit seinem Vorwurf der „Realitätsverweigerung“ auch Parteifreunde an. Auch CDU-OB wollen den Brief unterschreiben. Bleibt zu hoffen, dass Wittke sie mit seinen Äußerungen nicht davon abbringt und den parteipolitischen Keil ins Revier schiebt.

Das sage ich nicht, weil ich überzeugter Befürworter dieses Briefs bin. Das sage ich, weil die Entscheidung für oder gegen den Brief von den hiesigen OB getroffen werden muss. Und mit einem Satz hat dann auch Markus Töns wieder recht: „Dabei sollte das Ruhrgebiet mit einer Stimme sprechen!“

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