Landtagswahl

Warum die AfD im Ruhrgebiet Spitzenergebnisse erzielt hat

Der Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, Marcus Pretzell, wird in Düsseldorf auf der AfD-Wahlparty von seiner Ehefrau, der AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry, an der Wange gestreichelt.

Foto: dpa

Der Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, Marcus Pretzell, wird in Düsseldorf auf der AfD-Wahlparty von seiner Ehefrau, der AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry, an der Wange gestreichelt. Foto: dpa

Gelsenkirchen.  Aus Protest für die AfD: In Gelsenkirchen erreichte die Partei 14,6 Prozent. In zwei Essener Stadtteilen kam sie sogar auf über 20 Prozent.

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„Es geht nicht darum, dass die AfD an die Macht kommt. Das werden sie ohnehin nicht. Es geht darum, dass die anderen Parteien aufwachen und endlich verstehen, dass sie so nicht weiter machen können. FDP oder Linke zu wählen hätte diese Signalwirkung nicht“, sagt einer, der am Sonntag sein Kreuz bei der AfD gemacht hat. Der Mann ist Anfang 40, lebt in Gelsenkirchen, kommt aus der Mitte der Gesellschaft, bezieht ein durchschnittliches Einkommen, führt ein glückliches Leben. Er ist einer von 14.739 Gelsenkirchenern, die für die AfD votierten und der rechtspopulistischen Partei mit 14,6 Prozent ihr bestes Ergebnis im Land bescherten.

In der einstigen Stadt der tausend Feuer, die wegen der vielen – längst erloschenen – Kokerei-Fackeln diesen Beinamen trägt, stimmten nahezu doppelt so viele Wähler für die AfD wie im Landesschnitt. Gelsenkirchen ist für viele – vor allem für jene, die die Stadt kaum kennen – ein Synonym für Niedergang. Hohe Arbeitslosenquote, hohes Armutsrisiko, schwaches Pro-Kopf-Einkommen, Verlierer des Strukturwandels! Dennoch fuhr die SPD hier regelmäßig „Traumergebnisse“ ein. Und wenn die Gelsenkirchener den Sozialdemokraten mal einen Denkzettel verpassten, dann machten sie ihr Kreuz halt bei der CDU.

CDU war nicht die "richtige Alternative"

Dieses Mal war es anders. Zwar dürfen sich die Christdemokraten über 5,2 Prozentpunkte mehr Wähler freuen. Grund zur Euphorie haben aber auch sie nicht. „Das ist ein sensationeller Abend. Das gute Abschneiden der AfD muss uns allerdings allen zu denken geben“, mahnte Bundestagsabgeordneter Oliver Wittke (CDU) noch am Wahlabend. Der 51-Jährige kennt sich mit Protestwählern aus. Bescherten sie ihm 1999 doch das Oberbürgermeisteramt in Gelsenkirchen. Das bisher einzige für die CDU in der Stadt.

Doch diesmal reichte den Gelsenkirchener Wählern – zumindest 14,6 Prozent von ihnen – die CDU nicht. Die Merkel-Partei war für sie nicht die „richtige“ Alternative. Das konnte sie auch nicht sein. Ist die Bundeskanzlerin in ihren Augen doch die Hauptverantwortliche für die Probleme, die vielen AfD-Wählern unter den Nägeln brennen: Innere Sicherheit, Flüchtlingspolitik, Überfremdungsängste. Kurz: Sich in der eigenen Stadt unsicher, fremd und nicht respektiert zu fühlen. Diese Sorgen sind im Ruhrgebiet offensichtlich stärker ausgeprägt, als im Rest des Landes.

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Warum die AfD im Ruhrgebiet so stark ist

Das starke Abschneiden der AfD im Ruhrgebiet geht nach Ansicht des Parteienforschers Niko Switek von der Uni Duisburg-Essen auch auf viele ehemalige SPD-Wähler zurück. "Wo die Wahlbeteiligung eher niedrig war, hat die AfD oft überdurchschnittlich gut abgeschnitten." In den beiden Essener Stadtteilen Karnap und Vogelheim lag die Partei sogar über 20 Prozent.

Laut Switek (39) hat es eine Diskrepanz gegeben zwischen dem Bild der SPD als "Kümmererpartei" und den Problemen vor Ort. Viele Wähler hätten sich da von der SPD nicht ernst genommen gefühlt. "Das Ruhrgebiet ist von Arbeitslosigkeit und Armut stark betroffen. Da hat sich die AfD als Partei der kleinen Leute positionieren können."

Mit dieser Einschätzung liegt der Politikwissenschaftler offenbar richtig. „Andere Länder haben auch national-geprägte Regierungen. Nur weil man von seiner Regierung einen stärkeren Fokus auf die Innere Sicherheit erwartet, ist das nicht rassistisch oder fremdenfeindlich“, erklärt der AfD-Wähler aus Gelsenkirchen. Es sei keine konkrete Angst, die er verspüre, eher ein stetes, diffuses Gefühl. Die Vergewaltigung einer Frau durch einen Asylbewerber an Heiligabend vor anderthalb Jahren in Gelsenkirchen-Buer, die Vergewaltigungen durch einen Flüchtling an der Ruhr-Uni in Bochum, südosteuropäische Einbrecherbanden, die „unbehelligt“ durchs Land ziehen würden, heruntergewirtschaftete Schrotthäuser, die von ihren südosteuropäischen Bewohnern in einem Zustand hinterlassen werden, der nur noch einen Abriss zulässt… .

Der Gelsenkirchener tut sich schwer, will keinesfalls falsch verstanden werden, nicht fälschlicherweise als fremdenfeindlich dargestellt werden. Und das ist er auch nicht. Aber seine Stadt habe sich in den vergangenen Jahren zu sehr verändert. „Verantwortlich dafür sind die ‚alten‘ Parteien. Im Bund und im Land“. Er hofft nun, dass sich etwas ändert, damit er das nächste Mal sein Kreuz nicht bei der AfD machen muss.

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