Stadtgeschichte

Vor 443 Jahren erhielt Gelsenkirchen das Marktrecht

Der 85-jährige Willi Balthun aus Gelsenkirchen ist als Referent bei der VHS und als Kenner der Gelsenkirchener Stadtgeschichte ein gefragter Mann gewesen.

Der 85-jährige Willi Balthun aus Gelsenkirchen ist als Referent bei der VHS und als Kenner der Gelsenkirchener Stadtgeschichte ein gefragter Mann gewesen.

Foto: WAZ FotoPool

Gelsenkirchen.   Der Gelsenkirchener Hobbyhistoriker Willi Balthun erinnert an den 10. Juni 1571. Da bekam das kleine Kirchdorf Gelsenkirchen das Marktrecht zugesprochen. Der 85-Jährige war als Referent für historische Vorträge sehr gefragt.

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Die Erinnerung wach halten, Identifikation schaffen, das ist es, was Willi Balthun antreibt. Da trifft es sich gut, dass sich heute ein wichtiger Tag jährt. „Am 10. Juni 1571 hat das einstige Kirchdorf Gelsenkirchen die Marktrechte erhalten“, erklärt der Hobbyhistoriker. Das ist zwar nicht DIE Initialzündung gewesen – größeren Anteil hatten auf dem Weg zur Großstadt Industrialisierung und Bergbau im 19. Jahrhundert – dennoch markiert das Marktrecht eine Zeitenwende.

„Die Wirren der Reformation und Gegenreformation“, blickt der 85-Jährige Ückendorfer zurück, „hatten Gelsenkirchen nicht verschont.“ Obwohl in Glaubensfragen neutral, habe das Dorf arg unter der Plage beutelüsterner Heere aus Holland und Spanien gelitten. „Die Bevölkerung war total verarmt und benötigte dringend Hilfe.“

Das Recht, zwei Mal im Jahr, am 23. März (St. Jörgen-Tag) und am 29. September (St. Michaelis-Tag), einen Jahrmarkt abhalten zu dürfen, half, die Kassen etwas zu füllen. Landesherr Herzog Wilhelm von Cleve tat dies nicht uneigennützig, „schließlich wollte die Fürsten seinerzeit am ‘Zehnten’, einer Steuer, partizipieren“, stellt Balthun klar. Denn: Ein armes Volk bedeutete Leere in der herrschaftlichen Kasse.

Solch’ Geschichten kann der gebürtige Wattenscheider zuhauf erzählen: Von mächtigen Mühlen in Gelsenkirchen, von prächtigen Burgen und Schlössern sowie von stattlichen Herrenhäusern, auch kann Willi Balthun die Entwicklung der Bahnhofstraße von einem holperigen Pfad für Pferde- und Ochsenkarren bis hin zur pulsierenden Einkaufsmeile nachzeichnen. Dass er das auf sehr lebendige Art macht, hat ihn zu einem gefragten Mann gemacht. Vor Zuhörern der VHS hat er Vorträge gehalten oder für den rührigen Heimatbund Gelsenkirchen, für den er 25 Jahre Jahre tätig war.

Spaß am Lernen, an der Geschichte

„Monatelang habe ich mich in alte Schriften und Bücher vertieft“, sagt Willi Balthun und lächelt beim Gedanken an seine Recherchen in den Archiven. Sich selbst hat er alles beigebracht, neben der Arbeit. „Meine Frau Ursula war froh, wenn sie mich nach der Abendschule abholen konnte und mich da mal gesehen hat“, feixt der Rentner. Womit wir bei der Frage wären, warum er sich das alles angetan hat. „Ganz einfach“, antwortet Balthun, „mir hat das Lernen und besonders Geschichte immer viel Spaß gemacht.“

Das erklärt denn auch seinen Werdegang. Der technische Zeichner ließ einer Ausbildung zum Schlosser eine Techniker-Prüfung folgen und arbeitete später als Maschinenbau-Führer (Art Ingenieur) auf Zeche Alma. Dort verantworte Balthun bis zu seinem Ausscheiden 1987 als stellvertretender Betriebsleiter die Zentralwerkstatt der Ruhrkohle – mehr als 100 Mitarbeiter kümmerten sich unter seiner Aufsicht um Wartung, Reparatur und Überholung von Lokomotiven.

Zurück zur Stadt: Zweieinhalb Jahre hat Balthun recherchiert, um die Historie der Bahnhofsstraße aufzuarbeiten. „Ein Buch sollte entstehen“, sagt der Geschichtskundler. Zum 150-jährigen Jubiläum 2008 – allein an der Finanzierung durch die Kaufmannschaft, die Gelder in vierstelliger Höhe bereitzustellen, haperte es. Gram ist er wegen des Scheiterns nicht, nur „schade“ findet es Balthun. Aber er wäre nicht ein guter Techniker geworden, wenn er nicht zu improvisieren gewusst hätte. „Die Geschichte ist im Internet zu finden“, sagt der Gelsenkirchener und lächelt. Er weiß, das Internet vergisst nie. Und darum geht es ihm ja.

Wenn der eine Riese dem anderen gram ist – dann fliegt ein Granitbrocken

Willi Balthun hat für die WAZ in den 1990er-Jahren in Gastbeiträgen Historisches aus und von Gelsenkirchen einer breiten Leserschaft nahe gebracht. So etwa skizzierte der Hobbyhistoriker die Geschichte der Mühlen in Gelsenkirchen (auch Hüller Mühle) nach. Wie wichtig Mühlen, insbesondere die Wasser getriebenen, für den Aufbruch ins Technik-Zeitalter waren, erkennt man daran, dass die Wasserräder über Getriebe und Riemen vielen Gewerke Leben einhauchten. So drehten auf der anderen Seite zum Beispiel Mahlsteine ihre Runden, um Getreide zu Mehl zu verarbeiten, oder es liefen Säge-, Schleif- und Hammerwerke.

Amüsant und spannend zugleich ist die Geschichte/Sage des Hühnensteins (Lindenstein) im von Wedelstaedt-Park in Ückendorf. Balthun, auch des Altdeutschen in Wort und Schrift mächtig, hat die Mär für seine Zuhörer übersetzt. Demnach gerieten vor Urzeiten zwei Riesen – der eine lebte auf dem Tippelsberg in Bochum, der andere auch dem Mechtenberg in Gelsenkirchen/Essen - in Streit. In Rage schmiss der nach dem anderen mit dem Stein.

In Wahrheit kennzeichnete der Lindenstein lange Zeit die Stelle, wo Bauernrichter bis ins 18. Jahrhundert hinein Recht sprachen. In alter Zeit hatte der rötlich-braune Granitbrocken seinen angestammten Platz im Dorfzentrum von Ückendorf, nahe des Dorfteiches. Dabei ging es um Tagesdiebstähle, falsche Waagen und Maße oder um Grenzverletzungen.

Über das Kirchendorf Gelsenkirchen

Das Dorf Gelsenkirchen hatte sich nach der Kirchengründung durch das Stift Essen in Form einer Ring- und Kranzsiedlung um das Gotteshaus angelegt. Aus heutiger Sicht befand sich dieses etwa an Stelle der jetzigen Evangelischen Altstadtkirche. Die alte Kirche mit ihren dicken Mauern, den kleinen romanischen Fenstern und dem Kirchhof bildeten zusammen mit der Ringsiedlung eine Art Kirchburg.

Der Kirchhof rings um die Kirche, der als Friedhof diente, war mit einer massiven Ringmauer umfriedet. Hinter dieser befand sich zu der Zeit ein mit Steinen bepflasterter Rundweg, der bis an die Ringsiedlung heranreichte, das „Rundhöfchen“.

Es war die einzige bepflasterte Fläche im Dorf. Alle anderen Wege vom beziehungsweise zum Dorf waren unbefestigt, also naturbelassen. Es erhärtet die Annahme, dass die Märkte von Anfang an auf der befestigten Fläche im Rundhöfchen stattgefunden haben müssen.

Dankbar und mit Freude pflegten die Bürger Gelsenkirchens über Hunderte von Jahren die alte Tradition, zu Ehren Sankt Georgs, der zugleich auch der Schutzpatron ihrer Kirche war, sowie zu Sankt Michaelis, auch die Kirchweih dort zu feiern – mit Kirmes und Markt.

Längeneichenmaß in Kreuzform zur Kontrolle hinter der Kirche

Das Gelände der Kirche und die nähere Umgebung befanden sich im Besitz des Brockhofes, der sich an der heutigen Brockhofstraße befand. Es war ein Oberverwaltungshof des Stiftes Essen.

Um Übervorteilungen und Streitereien an Markttagen zu unterbinden, beauftragte die Äbtissin des Stiftes 1639 die Verwaltung des Oberhofes, die Eichung der Maße und Gewichte vorzunehmen. Ein Längeneichmaß in Kreuzform zur Kontrolle befand sich lange Zeit hinter der Kirche im Rundhöfchen an einer Kette befestigt, zum allgemeinen Gebrauch.

Später scheint an gleicher Stelle ein standfestes Kreuz mit Kruzifix gestanden zu haben. Nach alter mündlicher Überlieferung wird berichtet, dass an den Markttagen, an dem Kreuz mit den Eich-Längenmaßen, als Markenzeichen eine hölzerne Tafel mit dem Wappen des Landesherren, zum Ausdruck des Dankes für den von ihm gewährten Schutz angebracht wurde.

In Erinnerung an das kreuzförmige Längen-Eichmaß trug eine Straße, die ein Teilstück des späteren Rundhöfchens bildete, von 1850 bis 1937 den Namen Kreuzstraße.

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