Profi-Fotoshooting

Von Otto-Normalverbraucherin zum Model im Rampenlicht

Promi-Fotograf Maik Rietentidt formt mit viel Akribie seine Motive. Der 36-Jährige, der oft das Defilee der Stars und Sternchen auf dem roten Teppich im Bild festhält, arbeitet auch gern mit „Frauen von nebenan“. Dabei kommt wie hier zu sehen sehr viel Schönes heraus.

Promi-Fotograf Maik Rietentidt formt mit viel Akribie seine Motive. Der 36-Jährige, der oft das Defilee der Stars und Sternchen auf dem roten Teppich im Bild festhält, arbeitet auch gern mit „Frauen von nebenan“. Dabei kommt wie hier zu sehen sehr viel Schönes heraus.

Gelsenkirchen.   Maik Rietentidt inszeniert Frauen mal als Vamp, mal als Fee. Wie sich es für Otto-Normalverbraucherin anfühlt, einmal Model zu sein.

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Glamour, Glitzer, Gelsenkirchen. Für Stunden birgt der Dreiklang keinen Widerspruch. Designerstücke reihen sich auf Kleiderständern, aus schwarzen Metallkoffer quellen Accessoires wie Bondage-Seile und mittelalterliche Lederhandschuhe sowie hunderte Make-up-Dosen, daneben füllen üppige Beleuchtungsschirme, LED-Strahler und abstrakte Fotohintergründe den kleinen Salon von Friseurmeisterin Annette Schmidt. Denn heute kann an der Kirchstraße jeder Model sein für einen Tag.

Maik Rietentidt setzt Frau gekonnt in Szene, mal verführerisch, mal märchenhaft- elegant mit einem Hauch von oder in Haute Couture. Wer mit dem Namen des 36-Jährigen nicht viel anzufangen weiß: Die Referenzen des Fotografen reichen von Germanys Next Topmodel bis zur Fashion-Week Berlin. Heidis Kandidatinnen setzte er seinerzeit ganz keck schon mal einen toten Oktopus auf den Kopf.

Echte Schlange für ganz Mutige

Svenja Boltner (32) und Sarah Dittmann (28) müssen bei diesem Shooting aber keine Vorgaben fürchten, die in erster Linie nur die Einschaltquoten und den Puls nach oben treiben. „Ich frage bei solchen Shootings immer nach den Wünschen“, sagt Maik Rietentidt. Für ganz Mutige habe er auch eine echte Schlange dabei. Und wer keine bestimmte Vorstellung hat, in welche Richtung die Aufnahmen gehen sollen, der kann sich frei in die Hände des Künstlers begeben. Der Augsburger sagt beim Fotografieren über den Anspruch an sich selbst: „Ich suche immer die Schönheit, die jeder Mensch von Natur aus besitzt“.

Hell aufgeregt und gespannt ist schon Svenja. Sie ist erstmals dabei. Doch auch ihre Freundin Sarah hat selbst beim vierten Mal „noch Lampenfieber“. Svenja wünscht sich zwei Jahre nach der Heirat, „ein besonderes Foto im Hochzeitkleid“, sie will so ihren schönen Erinnerungen an der Wand daheim eine weitere, herausragende hinzufügen. Und Sarah, die von sich selbst sagt, dass sie extrem kamerascheu sei, liebt es mittlerweile abgöttisch, wie Maik Verborgenes von ihr zu Tage fördert. „Es ist ein prickelndes Gefühl, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Die Fotos machen süchtig“, sagt sie.

Vielfacher Wunsch: Sich wie ein Star fühlen

Die Freundinnen eint wie alle anderen an diesem Tag der innige Wunsch: sich einmal als Model zu fühlen, als Star im Rampenlicht. Und so inszeniert Maik Rietentidt die Frauen auch: mal als griechische Sirene, mal als mittelalterliche Schönheit, deren Kopf in einer Eisenkugel gefangen steckt, mal als feenhafte Markenbotschafterin für Chanel – dem Label, bei dem sich der gebürtige Thüringer als Make-up Artist seine Meriten verdient hat.

Derweil glätten, locken und föhnen Salon-Chefin Annette Schmidt und ihr Team weitere Frauen, die bei ihr den Foto-Tag für 270 Euro gebucht haben. Prosecco (für die Nerven!) und O-Saft stehen bereit für sie und auch Canapés, denn vor lauter Aufregung haben viele nichts gegessen oder getrunken. Schmidt gehört dem Marketing-Club eines namhaften Kosmetikherstellers an. „Über ihn entstand der Kontakt zu Maik“, erzählt die Geschäftsfrau, die seit nunmehr 20 Jahren in Gelsenkirchen beheimatet und trotz inflationärer Konkurrenz hier im Friseurmetier erfolgreich ist.

Der Fotokünstler ist die Ruhe selbst

Ein paar Meter weiter in einer Ecke des Ladens pinselt, tupft und pudert Silvia Gugino die Teilnehmerinnen ab. Erstaunlich dick wird da in den Gesichtern aufgetragen. Nicht ohne Grund. „Denn im Licht der Scheinwerfer verblassen Farben und Konturen“, erklärt die Visagistin und Maiks beste Freundin.

Der Fotokünstler selbst ist ganz in seinem Element, drapiert Frau, Outfit und Accessoires auf Liege und vor Fotowänden. Leise spricht er dabei, richtet Hände, Kopf und Licht, sagt, in welche Richtung die Augen schauen sollen. Er ist die Ruhe selbst und „das überträgt sich dann auch“, wie die Frauen baff erstaunt feststellen. Dann macht es leise Klick - beinahe unaufhörlich.

Das Ergebnis liegt aber erst vor Weihnachten unter dem Tannenbaum. Was die beiden Freundinnen Svenja und Sarah auf eine „echt harte Geduldsprobe stellt“, aber Vorfreude ist eben auch die schönste Freude. Zumal, wenn das Ergebnis sich so sehen lassen kann.

Apropos Bilder: Viel Liebe verwendet der Promi-Fotograf beim Ablichten Älterer. Für ihn, so sagt er, lägen Schönheit und Ästhetik, eben nicht nur in einem makellosen, bügelglattem Gesicht. Wohlgesprochen und wie wahr.

Ein Werkzeugmacher mit einem ausgesprochenem Faible für Fotografie 

„Meine Eltern wollten, dass ich was Solides mache“, erzählt Maik Rietentidt in einer Pause. Also lernte der gebürtige Aumaer (Thüringen) den Beruf des Werkzeugmachers. „Glücklich war ich damit nicht“, sagt er. Zu wenig kreativ erschien ihm der Job.

Der heute 36-Jährige bewarb sich bei Chanel in München und bekam prompt eine Zusage. Sechs Jahre verbrachte er dort, lernte Visagist und arbeitete sich Schritt für Schritt nach oben. Weitere Stationen in seiner Karriere waren Clarins, Estee Lauder sowie Karl Lagerfeld – so bereiste er bereits in jungen Jahren die Laufstege und Studios der Welt.

Große Faszination übt die Fotografie auf Rietentidt aus. Also wagte der Autodidakt den Schritt in die Selbstständigkeit. Vorteil dabei: Das Netzwerk, das er sich über seine weltbekannten Arbeitgeber aufgebaut hatte. Und so wird er etwa für den Bayrischen Filmpreis gebucht oder für eine Bambi-Verleihung. Nächstes Großprojekt: die Wahl zur Miss Germany 2017. Allein von Großveranstaltungen wie den Modenschauen lässt es sich aber nicht leben. „Denn das sind rein saisonale Jobs“, sagt Rietentidt. Daher sein zweites Standbein – die bundesweiten Shootings mit Otto-Normalverbraucher(in) vor der Kamera.

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