Vivawest-Marathon

Bergleute laufen Vivawest-Marathon zum Abschied von der Kohle

Andre auf dem Weg ins Ziel: Der 25-Jährige lief in der alten Bergbau-Kluft seines Vaters Wolfgang.

Andre auf dem Weg ins Ziel: Der 25-Jährige lief in der alten Bergbau-Kluft seines Vaters Wolfgang.

Foto: Kai Kitschenberg

Ruhrgebiet.   Bergbau-Angehörige liefen am Sonntag von Zeche Prosper-Haniel nach Nordstern. Ein Abschied, jedenfalls: ein Familienfest in Turnschuhen.

Glückauf, der Steiger kommt am Sonntag in Laufschuhen. Und in diesem T-Shirt, das den Förderturm zeigt von Prosper-Haniel, der letzten aller Zechen im Ruhrgebiet, in der noch in diesem Jahr Schicht ist am Schacht. „Glückauf-Zukunft-Lauf“ steht auf seinem Rücken, und dahinter haben sie ein Ausrufezeichen gesetzt: „Lauf!“ Eine Aufforderung. Eine Einladung an alle Kumpel und ihre Familien. Diesen einzigartigen Start beim Vivawest-Marathon und sein Shirt kann man mit Geld nicht kaufen, die Stimmung auch nicht.

Da stehen sie am Start, den Turm im Blick und wissen nicht, ob sie lachen oder weinen sollen. „Ehrensache“, sagt Michael, dass man hier mitläuft, „ein besonderer Tag“, findet Christian. Die Laufgruppe vom „Servicebereich Belegschaft“, Rolf, Samantha, Hildegard, trägt heute Grubenhemd, Rolf sogar mit Schweißtuch: „Es ist vielleicht unser letztes Mal.“ Es geht ja zu Ende mit dem Bergbau, „wir sind auch melancholisch“.

Grubenlampe auf den Arm tätowiert

Wie Sueleyman, Günay, Necdet und die anderen, die bei allem Spaß irgendwie würdevoll sein wollen. Es ist ihr Lauf, und es wird ihn nie wieder geben. Oder Kalle, dem hat das keiner zugetraut, ihrem Wäschewart. Er hat ein eigenes Hemd angezogen: Für seinen Bauch, er sagt es selbst, hätte es schon „den Doppelbock von Zollverein“ gebraucht. Auf seinen Arm ist eine Grubenlampe tätowiert. Kalle wird walken, für die Kohle, er fühlt sich verpflichtet.

Thomas ist da, einst Wettersteiger auf Auguste Victoria, die ist ja schon zu. Für heute hat er seine Bergmanns-Hose abgeschnitten und den alten Helm noch mal hervorgekramt. Die Hitze? „Da hab ich unter Tage schon mehr drunter geschwitzt.“ Andre tritt an, der eigentlich in Aluminium macht, aber heute in Papas Kluft auf die Strecke geht. Einer, der gar den Schacht-Hut trägt. Und dann diese drei, Arno, Alexander, Daniel von der Grubenwehr mit ihren Atemschutzgeräten, mehr als 15 Kilo schwer. Die Uniform haben sie weggelassen, nur das Unterhemd von der Zeche an – und die Maske! Sie haben auf dem Laufband geübt, der Rücken ist schon wund.

Als in Gelsenkirchen der Ruhrkohle-Chor das Steigerlied anstimmt, da

singen sie in Bottrop vor der Leinwand mit. Ehrfürchtig bis in die letzte Reihe, besonders laut die Zeile mit dem Schnaps. Die Sänger der RAG kriegen wirklich einen, etwas erstaunt haben die Leute vom Vivawest-Marathon eigens Pinnchen organisiert. „Tradition“, steht auf einem Schild vor dem Bergwerk, „ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“ Man könnte da jetzt drüber nachdenken, Christian hat es getan. „Die machen einen Kult draus“, sagt der Kumpel, der noch auf Prosper anfährt. Das hier ist „seine“ Zeche. Er wird ihr Ende erleben, in einem guten halben Jahr schon. Aber: „Es steht doch schon lange keiner mehr hinter der Kohle. Und jetzt sagen alle Glückauf.“

Weltrekord beim VIVAWEST-Marathon

Weltrekord in Schlips und Kragen. Hendrik Pfeiffer ist beim VIVAWEST-Marathon mit Anzug an den Start gegangen. Sein Ziel: ein neuer Weltrekord auf der Halbmarathonstrecke.
Halbmarathon im Anzug

Das stimmt, auch das ist besonders an diesem Lauf. „Ihr seht gut aus!“, rufen die Leute am Wegesrand, „Hälfte habt ihr!“ – was man so ruft, wenn man bei Volksläufen zuschaut. An diesem Sonntag, als es über knapp elf Kilometer von einer Zeche zur anderen geht, vorbei am Tetraeder, von Bottrop über Gladbeck nach Gelsenkirchen, durch Bergbausiedlungen bis nach Nordstern, da rufen die Menschen „Glückauf!“ und die Läufer antworten mit „Auf“. Extra kräftig da, wo eine Bergbau-Initiative sitzt, gleich hinter dem Büro der Leninisten: Die behauptet, „das letzte Wort“ über das Kohle-Aus „ist noch nicht gesprochen“.

Es ist ein laufendes Familienfest, bei dem sich die „Verwandten“ vorher und nachher ein wenig gerührt in die Arme fallen. Allerdings gibt es kein (alkoholfreies) Bier im Ziel. (Und Schnaps sowieso nicht.) Grubenwehrmann Daniel, ziemlich rotes Gesicht hinter der Atemschutzmaske – steckt sich erstmal eine Zigarette an.

DIE SIEGER DER HITZESCHLACHT

Sieger des 6. Vivawest-Marathons wurde der Vorjahreszweite Elias Sansar (Detmold) in 2:26:16 Stunden. Bei den Frauen blieb Dioni Gorla (Düsseldorf) nur 36 Sekunden über der Drei-Stunden-Marke. Im Halbmarathon siegte der Gelsenkirchener Hendrik Pfeiffer in 1:12:47 und stellte gleichzeitig einen neuen Rekord im Laufen im Anzug auf – im Ziel

musste er seinen Schlips auswringen. Bei den Frauen gewann die Essenerin Felicitas Vielhaber in 1:27:30 Stunden. Beim 10-Kilometer-Lauf der WAZ standen Dani Tsgay (34:24 Minuten) und Anne Marie Richter (44:37 Minuten) oben auf dem Treppchen.

Alle sechs Gewinner des WAZ-Trainings mit Sabine Hempel erreichten gut vorbereitet das Ziel. Gemeinsam hatten sie in drei Monaten Läufe absolviert, aber auch viel über die richtige Einteilung und Ernährung gelernt. „Schade, dass es vorüber ist“, sagte Anna Kamienski, die gestern den Marathon schaffte. Nicht nur Markus Althoff hat sich „enorm verbessert“, wollte am Sonntag „richtig einen raushauen“ und hat das auch getan: 1:44:13 Stunden für die halbe Distanz. „Was ich gelernt habe, kann mir keiner nehmen“, freute sich Halbmarathoni Vanessa Bersch. Die neuen Lauffreundschaften sollen nun auch weiter halten.

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