Musik

Virtuoser Jazz an der Schwelle der modernen Klassik

Das Pablo-Held-Trio zu Gast in Gelsenkirchen. 

Das Pablo-Held-Trio zu Gast in Gelsenkirchen. 

Foto: Juergen Bindrim

Gelsenkirchen.  Die Anti-Corona-Maßnahmen bescherten dem Gelsenkirchener Publikum ein hochkarätiges Trio, dessen Musik keine Etiketten kennt.

Jazz als Quelle der Inspiration, Improvisationskunst als Muster für erfolgreiches gesellschaftliches Handeln, intensive Interaktion zur Vorlage des sozialen Miteinanders – Bernd Zimmermann von Public Jazz Events schreibt über diese Themen schon seit geraumer Zeit. Nicht alles blanke Theorie, wie exakt 50 Zuhörer am Freitagabend auf Schloss Horst beim Fine Art Jazz-Konzert erfahren sollten.

Geplant in einer Vivawest-Kooperation mit einer finnischen Band auf dem Nordsternturm, wurde das Konzert wegen der Hygieneauflagen mit Mindestabstand im Publikum in die Glashalle verlegt. Pablo Held konnte zunächst nicht zusagen, er hatte ein Engagement in Holland. Das jedoch wurde vor zehn Tagen abgesagt, und so konnte der renommierte Jazz-Pianist mit seinem Trio Zimmermann bestätigen und mit Robert Landfermann (Kontrabass) und Jonas Burgwinkel (Schlagzeug) anreisen. Mit ihnen kommt nicht irgendein Last-Minute-Ersatz, sondern drei hochkarätige Musiker, allesamt Dozenten ihrer Instrumente an deutschen Konservatorien. Ein erfolgreicher Akt der organisatorischen Improvisation, des sofortigen Reagierens auf notwendige Veränderungen. Maskenpflicht, desinfizierter Raum bis hin zu den Klaviertasten, Abstandskonzept, das alles umgesetzt mit Warmherzigkeit und Gastfreundschaft machten den Abend zu einem sicheren Konzertgenuss.

Den Jazzfreunden der Umgebung bot sich eine seltene Gelegenheit, wahrlich Virtuoses zu hören. Seit fünfzehn Jahren sind die drei ein Trio. „Wir haben gleich zu Anfang alle Absprachen und Arrangements über Bord geworfen“, so Held. Gleichberechtigt entwickeln sie während des Spiels eine „musikalische Erzählung“ neuer Lesart. Das Klangszenario des Pablo Held Trios ist wie ein kubistisches Bild. Es erschließt sich dem Betrachter nicht unmittelbar, es bedarf der genauen Observation, um verborgene Strukturen zu erkennen.

Die Tastenläufe Helds unterbrechen sich, stete Harmoniewechsel regen zu gedanklichen Richtungswechseln, der polyrhythmische Burgwinkel treibt die Entwicklung in konträre Achsen, Landfermann zelebriert Einzelnoten mit gezielten Sprüngen über mehrere Oktaven. Das Gros der Zuhörer war gebannt, hochkonzentriert.

„Die Zeit verging wie im Flug“, staunte Wolfgang Schäfer aus Dorsten begeistert in der Pause nach einem 45-minütig durchgespielten Set. Streckenweise bot das Trio dann etwas eingängigere Passagen mit einem klassisch pulsierenden Bass, perlenden Tastenläufen und genüsslichen Drums. Aber immer, wenn es zu sehr in eine Wohlfühlzone driftete, kam es zum Bruch. Pablo Held ist ein Grenzgänger in die moderne Klassik, unglaublich, dass hier nichts durchkomponiert war, sondern in der „Laune“, in ihrer ureigensten Bedeutung, des Momentes entstanden ist. Hohe Kunst.

Das kommende Konzert (5.11.) auf Burg Lüttinghof sagt der Veranstalter ab. „Wir können es nicht verantworten, jetzt Musiker aus Israel, Spanien und Estland, die direkt aus Paris angereist wären, hier auftreten zu lassen“, erklärte Geschäftsführerin Susanne Pohlen. Die aktuelle Situation zerrt an den Nerven, aber „aus Liebe zur Musik und der Überzeugung ihrer gesellschaftlichen Relevanz möchten wir alle möglichen Konzerte, wie am 20. November hier auf Schloss Horst, weiter durchführen“. Die Zusammenarbeit mit der Stadt Gelsenkirchen sei hier eng und problemlos.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben