Kultur & Musik

Vinylbus hat 3500 Platten und jede Menge Nostalgie an Bord

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Plattenfan Jürgen Tonnscheidt aus Alpen (im Rollstuhl) diskutiert mit Vinylbus-Besitzer Michael Lohrmann (Mitte) und Thorsten Kotzan, Inhaber des Plattengeschäfts „Timewarp Records“.

Plattenfan Jürgen Tonnscheidt aus Alpen (im Rollstuhl) diskutiert mit Vinylbus-Besitzer Michael Lohrmann (Mitte) und Thorsten Kotzan, Inhaber des Plattengeschäfts „Timewarp Records“.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Der Vinylbus machte in Gelsenkirchen Halt. Knapp 200 Musikfans stöberten in dem rollenden Plattengeschäft nach alten Lieblingen und Raritäten.

Wenn Walter Theisen daheim Musik hört, dann setzt er sich in seinen gemütlichen Sessel, legt in Ruhe die Platte seiner Wahl auf und lauscht ganz konzentriert. „Das ist für mich Entschleunigung pur“, sagt der Gladbecker (57). Rund 1200 Alben gehören zu seiner Sammlung, sechs weitere sind am Dienstag hinzugekommen. Denn Theisen zählte zu jenen zahlreichen Fans, die sich beim Zwischenstopp des Vinylbusses in Horst mit schwarzen Scheiben eindeckten.

Nach 35 Zwischenstopps folgte die Corona-Zwangspause für den Vinylbus

Das knallgelbe Fahrzeug, das da am Rande der Essener Straße hinter Flatterband abgestellt ist, leuchtet schon von weitem. „Das ist ein US-Schulbus, der früher in Florida unterwegs war und dann von einem Händler aus Süddeutschland übernommen wurde“, erzählt Michael Lohrmann. Der 51-Jährige ist Inhaber und Betreiber des Vinylbusses. 2018 hat er das auffällige Fahrzeug bei besagtem Händler gekauft und dann bei einem Fachbetrieb in Holzwickede nach seinen Wünschen umbauen lassen. An Bord hat der 7,5-Tonner nun: eine HiFi-Anlage, rund 3500 Schallplatten und jede Menge Nostalgie.

Der in Dortmund lebende Lohrmann fungierte in den vergangenen drei Jahrzehnten als Verleger und Herausgeber gleich mehrerer erfolgreicher Zeitschriften – darunter „Visions“, „Galore“ oder „Mint“. Dann verkaufte er seinen Verlag. „Ich habe einfach gespürt, dass ich noch einmal etwas Anderes machen musste“, erzählt er bei einer Zigarettenpause vor seinem Bus. Gesagt, getan. Im November 2019 begann dann seine rollende Tour auf vier Rädern. Erster Halt war Moers. 34 weitere folgten. „Und dann kam leider Corona“, so Lohrmann. Und damit verbunden ein anderthalbjähriger Boxenstopp.

Haltepunkt war Gelsenkirchens einziger Plattenladen „Timewarp Records“

Nun rollt der knallgelbe Vinylbus wieder. Nach dem Auftakt am Sonntag in Willich war Gelsenkirchen die zweite Station. Als Haltepunkt hatte sich Lohrmann natürlich „Timewarp Records“ ausgesucht – den einzigen Plattenladen in dieser Stadt. Dessen Besitzer ist Thorsten Kotzan. Der 52-Jährige hat sein Geschäft im August 2020 eröffnet, also mitten in der Corona-Pandemie. „Der Besuch des Vinylbusses ist ein Highlight für Horst“, sagt Kotzan. „Wir sehen uns als Kollegen, nicht als Konkurrenten.“ Der Bus würde auch Kunden in seinen Laden locken. „Wir profitieren beide von dieser Aktion“, so Kotzan.

Also hinein in das alte PS-Schätzchen. Doch vorher heißt es: Maske aufsetzen und Impfnachweis vorzeigen. Durch die geöffnete Falttür geht es drei Stufen hinauf am Fahrersitz vorbei in den schmalen Gang. Der Boden ist mit grauem Teppich ausgelegt. Rechts und links stehen Kisten mit Vinylalben – sortiert nach Musikgenre und Alphabet. Gleich am Anfang stehen die Rock-Vertreter, darunter David Bowie, Mike Oldfield oder Fleetwood Mac. Doch auch Fans von Heavy Metal, Hardcore und Punkrock werden fündig.

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Das wertvollste Album im Bestand kostet 3000 Euro

Die wertvollsten Exemplare hat Lohrmann zur Seite genommen: Sie ruhen in einer Plastikkiste, die er außerhalb des Busses in seinem provisorischen Kassenbereich aufbewahrt. Die teuerste Platte, die er heute dabei hat, kostet 400 Euro. „Ich habe aber auch ein Krautrock-Album, das heute 3000 Euro wert ist“, so der Vinylbusfahrer. 30.000 Platten gehören zu seinem Lagerbestand, aus dem er sich bedient, wenn er am Abend die Lücken in den Regalen auffüllen will, die durch die Tagesverkäufe entstanden sind.

Zwei Platten hat sich Jürgen Tonnscheidt (59) mitgenommen – eine von Cluster, eine von Asterix. Beide Tonträger haben rund 50 Jahre auf dem Buckel. Tonnscheidt ist mit seiner Frau extra aus Alpen am Niederrhein nach Horst angereist. Das Schwätzchen mit dem Vinylbus-Inhaber ist Rollstuhlfahrer Tonnscheidt aber fast noch wichtiger als der Kauf selbst. 6000 Platten hat er schon daheim. „Allein 300 von Pink Floyd“, sagt Tonnscheidt. Klar, ein paar CDs besitze er auch. „98 Prozent meiner Sammlung sind aber Vinyl.“ Und das soll auch so bleiben.

Weitere Tourdaten und Kontakt zum Vinylbus

In den kommenden zwei Monaten hält der Vinylbus noch mehrmals im Ruhrgebiet an – so etwa in Schwerte (16. September), Hamm (24. September), Witten (1. Oktober), Mülheim (22. Oktober) oder Bochum (29. Oktober).

Alle Touradressen im Internet unter: www.vinylbus.de. Kontakt zu Busbetreiber Michael Lohrmann gibt es telefonisch unter: 0171/52 58 560.

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