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Vielfalt und Sexualität: So kämpfen Schüler gegen Vorurteile

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Vielfalt bei gleichzeitiger Toleranz, egal ob es um Herkunft oder Sexualität geht: Die Erzieher-Klasse am Außenstandort Augustastraße des Gelsenkirchener Berufskollegs Königstraße ist wie eine Familie. Ausbildungshund Wilma eingeschlossen.

Vielfalt bei gleichzeitiger Toleranz, egal ob es um Herkunft oder Sexualität geht: Die Erzieher-Klasse am Außenstandort Augustastraße des Gelsenkirchener Berufskollegs Königstraße ist wie eine Familie. Ausbildungshund Wilma eingeschlossen.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Vielfalt und unbedingte Toleranz, egal ob es um Sexualität oder Herkunft geht: So kämpfen künftige Erzieher in Gelsenkirchen gegen Vorurteile.

Was ist schon normal, wann ist es einem egal? Eine Antwort darauf liegt doch immer im Auge des Betrachters. Eigentlich: Denn geht es um die eigene Identität, die eigene Persönlichkeit, das Ich, um die Entfaltung der eigenen Sexualität, ist die Sache mit der Toleranz schnell endlich. Das haben sie hier erlebt, am Berufskolleg Königstraße, Außenstandort Augustastraße, und sie berichten davon. Von Ausgrenzung, Vorurteilen, Diskriminierung, aber auch von etwas sehr Besonderem: dem geschützten Raum, den ihnen Schule bietet. Sie, das sind Schülerinnen und Schüler im Bildungsgang „Erzieher/Erzieherin und Allgemeine Hochschulreife“, für die Vielfalt und Diversität eine Selbstverständlichkeit ist.

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Der Geist, der diese Klasse prägt, ist sinnbildlich für die ganze Schule zu sehen. Noch im Juni wurde das Berufskolleg Königstraße mit dem Label „Schule der Vielfalt“ ausgezeichnet. Den Gedanken, der hinter allem Tun steckt, formuliert Klassenlehrerin Laura Piekenäcker so: „Was können wir machen, um Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung aktiv zu unterstützen?“ Das Ziel: „Dass es in der ganzen Schule gelebt wird“, erklärt Berufskolleg-Leiter Gorden Skorzik. Denn das ist wichtig: „Über Projekte und Alltäglichkeiten Toleranz und Veränderung vorzuleben“, so Skorzik weiter.

Den Schülern wird vermittelt: So wie du bist, bist du richtig. Dabei gehe es, so Skorzik, ja nicht nur um die Jüngeren, sondern beispielsweise auch um das Lehrerkollegium, das vielfältig und vielseitig ist. Schule sei in seinen Augen der letzte Ort, wo die einzelnen Identitäten geschützt wachsen können.

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Und was sagen die, um die es geht? Zu spüren und zu sehen ist an diesem Morgen an der Augustastraße eine Gemeinschaft, eine Gruppe, deren Mitglieder füreinander einstehen - und die später genau das als Erzieher an Kinder und Jugendliche weitergeben werden. „Hier ist es so, dass die Lehrer uns sehr unterstützen“, berichtet etwa Anastasia Lir. Die 17-Jährige beschreibt sich selbst als „aromantisch“ – sie entwickele keine romantischen Gefühle anderen Menschen gegenüber, habe nicht das Bedürfnis nach einer romantischen Beziehung. Ihre mentalen Sorgen kann sie oftmals im Klassenraum lassen, fühlt sich sicher innerhalb der Klassengemeinschaft.

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So ergeht es auch Jana Leopold. Die 19-Jährige sagt ganz selbstbewusst: „Ich bin schon Ich selbst, und kann das auch auf dem Schulhof sein“ – nicht zuletzt ihr Schulbesuch habe sie schlicht stark gemacht.

Jan-Phillip Luff, heute der einzige Mann im Team, bringt einen weiteren Punkt ein: das Vielfältigsein auch in kultureller Hinsicht. Der 20-Jährige hat Freunde verschiedenster Nationalitäten und auch in der Erzieher-Klasse haben sie russische, portugiesische, libanesische, türkische Wurzeln. Egal, welchen Hintergrund jemand habe, welche sexuelle Orientierung, „mir ist das vollkommen egal“, sagt der junge Mann gelassen.

Josephine Schwarte habe im Laufe ihres Lebens gemerkt, dass sie bisexuell sei, berichtet sie. Und auch das: „Ich hatte nicht das Gefühl, ich müsste mich outen“. Sie fühlt sich akzeptiert unter ihren Erzieherkollegen, so als wäre es ganz normal, dass sie eben Frauen und Männer gleichermaßen lieben kann. „Diese Klasse ist wie eine kleine Familie“, äußert sie und einige sind schnell ganz gerührt.

Chiara Zapatka zum Beispiel: Die 18-Jährige ist sichtlich angefasst von dem, was ihre Mitschülerin da gerade erzählt hat. Und ihre Geschichte? Sie sei homosexuell, weiß es seit etwa vier Jahren. An ihrer alten Schule sei es oftmals sehr schwierig gewesen. „Es war unmöglich, dass ich mich oute“, erinnert sie sich. Und auch an schmerzende Momente der Ausgrenzung, der Erniedrigung, der Benachteiligung. Nun, als ein Teil von Vielfalt am Berufskolleg Königstraße, ist sie wieder angekommen, hat wieder zu sich gefunden.

„Das gehört auch dazu, dass wir an der Schule eine Null-Toleranz-Grenze fahren“, so Laura Piekenäcker. 2200 junge Menschen gehören zur Schülerschaft des Berufskollegs Königstraße. „Es gibt schon Übergriffigkeiten“, räumt Schulleiter Skorzik ein. Bedeutend ist vor allem eins: „Dass die Schüler den Mut haben, einen Vorfall zu melden.“

„Menschen werden nicht mit Vorurteilen geboren“, fasst Josephine Schwarte in einem Satz zusammen, was das Denken und Handeln der Klasse prägt. Und es gibt einen Weiteren, den sicherlich alle aus der Erzieher-Klasse unterschreiben würden: Man muss zu dem stehen, was man ist.

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