Hochbegabung

Unterstützung für hochbegabte Kinder

Gudula Kaup (54) in ihrem Büro. Die promovierte Erziehungswissenschaftlerin hält es für wichtig, Hochbegabung nicht mit Hochleistung zu verwechseln.

Foto: Daniel Elke

Gudula Kaup (54) in ihrem Büro. Die promovierte Erziehungswissenschaftlerin hält es für wichtig, Hochbegabung nicht mit Hochleistung zu verwechseln. Foto: Daniel Elke

Gelsenkirchen.   Gudula Kaup führt den „Talentschuppen“, eine Praxis für Begabtenförderung. Im Interview spricht sie über Hochbegabung.

Meist liegt der Fokus auf der Förderung lernschwacher Kinder, doch auch besonders begabte und hochsensible Kinder und Jugendliche brauchen genauso unterstützende Begleitung auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Die Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ fördert nun gezielt Begabte. An dem Modellversuch nehmen bundesweit 300 Schulen teil. 125 Millionen Euro sollen in das Projekt fließen. Die promovierte Erziehungswissenschaftlerin Gudula Kaup hat sich auf die Thematik Hochbegabung und Hochsensibilität spezialisiert. Sie führt zusammen mit ihrem Mann und den beiden Söhnen den sogenannten „Talentschuppen“, eine Praxis für Begabtenförderung in der Innenstadt. WAZ-Mitarbeiterin Maria Eckardt sprach mit der 54-Jährigen über Hochbegabung.

Wie genau definiert man eigentlich Hochbegabung?

Bei dem Begriff Hochbegabung denkt man meist an den IQ, dem von der Forschung definierten Intelligenzbegriff. Als hochbegabt gilt man in Deutschland ab einem Wert von 130. Auffassungsgeschwindigkeit, Gedächtnisleistung, sprachliches Verständnis, mathematisch-logische Fähigkeiten, Arbeitsspeicher werden unter anderem dabei berücksichtigt. Diese Definition muss allerdings kritisch hinterfragt werden, weil ein IQ-Wert keine Aussagen über die Gesamtbegabung oder Gesamtpersönlichkeit liefern kann. Musikalische Begabung wird beispielsweise dabei auch gar nicht erst erfasst. Ungefähr 70 Prozent der Intelligenz sind vererbbar, der Rest entscheidet sich durch Entwicklung und Förderung.

Super Noten oder gar Minderleistung

Wie können Eltern oder Lehrer die Hochbegabung erkennen?

Es ist leicht, Hochbegabung da zu bemerken, wo die Kinder Hochleistung bringen. Problematisch wird es dann, wenn zum Beispiel Schüler nicht nur Einsen oder Zweien auf dem Zeugnis haben, oft tritt sogar das Gegenteil ein, weil Lernen in Schulen und Kindertagesstätte nicht auf die Lernweise eingestellt ist, die hochbegabte Kinder brauchen. Hochbegabte denken oft ganzheitlich, weil ihre Hirnstruktur anders ausgebildet ist. Die Methodik in Schulen ist aber häufig induktiv ausgerichtet, was bei Hochbegabten zu Denkblockaden führen kann.

Wie fühlen sich Hochbegabte, gerade auch, wenn das nicht erkannt wird?

Hochbegabung korreliert weder mit Erfolg noch mit Glück oder etwa Sozialfähigkeit. Viele Hochbegabte leben unentdeckt und glücklich. Identitätsprobleme passieren dann, wenn die Begabung nicht in Leistung umgesetzt werden kann und das Umfeld den Zusammenhang nicht erkennt. Zwei Prozent aller Menschen sind gerade einmal hochbegabt. Es ist in unserer Gesellschaft immer schwer, wenn man nicht der Norm entspricht. Daher ist es ist es auch für hochbegabte Menschen wichtig, emotionales Rüstzeug zu haben und verständnisvolle Menschen, die sie begleiten.

Zwischen Langeweile und Verweigerung

Wie verhalten sich solche Kinder ohne Förderung?

Schlimm ist es, wenn hochbegabte Kinder nicht als hochbegabt angesehen werden und sich durch die falsche Einstufung zu Tode langweilen und / oder Leistung komplett verweigern. Zu mir kommen beispielsweise auch Kinder, die auf der Förderschule gelandet sind.

Was bedeutet es, im Erwachsenenalter durch beispielsweise einen IQ-Test festzustellen, hochbegabt zu sein?

Wenn der IQ-Test als Bestätigung dient, kann es für den Betroffenen motivierend sein, sein Lebensumfeld danach zu gestalten und neue Lebensentscheidungen zu treffen. Frustration kann entstehen, wenn man merkt, die nicht entdeckte Begabung hat zu einer Bildungsbiografie geführt, die nur schwer umkehrbar ist und zu einem insgesamt unterfordernden Lebensumfeld.

Förderung ist nicht ausgewogen

Welche Anlaufstellen gibt es für Hochbegabte?

Leider immer noch zu wenig. Bestehende öffentliche Anlaufstellen sind häufig überlastet und nicht spezifisch auf Hochbegabte ausgerichtet. Gerade im Bereich Diagnostik sind nicht alle Verfahren für das Testen von Intelligenz geeignet, sondern eher auf defizitäre Einschränkungen ausgerichtet. Im schulischen Bereich gibt es Ansprechpartner in der unteren und oberen Schulaufsicht, aber auch diese Stellen verfügen über nicht genügend Kapazitäten. Viele Förderempfehlungen für Hochbegabte sind nur für hochleistende Kinder geeignet – beispielsweise durch Klassen überspringen oder per anspruchsvolles Unterrichtsmaterial. Für sogenannte hochbegabte „Underachiever”, Minderleister, gibt es noch immer so gut wie keine Angebote.

Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Wir haben eine inklusive Sicht auf Hochbegabung, wir sehen Hochbegabung als eine von vielen anderen Eigenschaften einer Person an. Daher legen wir großen Wert auf eine aussagekräftige Diagnostik. Wir führen Tests immer zu zweit in Verbindung mit Vorgesprächen und begleitenden Persönlichkeitstests durch, um auch Facetten wie Motivation, Ängste oder sogar autistische Störungen zu erfassen. Wir arbeiten im Bereich Förderung und Beratung systemisch mit Eltern, Kindern und Institutionen zusammen. Es ist wichtig, Kinder und Eltern aber auch Lehrer und Erzieher in der Förderung zu begleiten, denn auch ein hochbegabtes Kind sollte lernen, sich einem System zu bewegen, in dem es Dinge tun muss, die ihm widerstreben. Auch das Vermitteln von spezifischen Lerntechniken und -strategien, die auf das Denken von Hochbegabten abgestimmt sind, vermitteln wir den Kindern und bilden Kindertagesstätten und Schulen fort.

Die Schere zwischen IQ und Leistung

Soll Hochbegabung „geoutet“ werden oder lieber verschwiegen werden?

Ich tendiere zum Outen. Allerdings ist es wichtig, dies sensibel zu tun und auf das Umfeld abzustimmen. Es ist ein Unterschied, der Oma, der Nachbarin oder Mitarbeitern der Schule das mitzuteilen. Das Gegenüber kann ja nicht immer gleich damit umgehen, weil jeder eine eigene Fantasie hat, was Hochbegabung heißt.

Was halten Sie vom Projekt „Leistung macht Schule“?

Solche Programme haben ihre Daseinsberechtigung. Kinder, die hochleistend sind, sollten auf jeden Fall gefördert werden und mit Sicherheit davon profitieren, aber das hat nichts mit dem IQ zu tun. Man kann mit einem IQ von 100 mit guter Förderung das Gymnasium schaffen, und mit einem IQ von 140 ohne entsprechende Unterstützung auf der Förderschule landen. Für Hochbegabte, die ihre Talente nicht in Leistung umsetzten, greifen diese Programme leider nicht.

Wie sollte Hochbegabung von Außenstehenden gesehen werden?

Wir stehen für die unaufgeregte Sichtweise nach dem Motto: Jeder Jeck ist anders. Hochbegabung ist etwas ganz Normales und sollte auch so gesehen werden, anstatt als Belastung. Leider wird das Thema immer noch stiefmütterlich behandelt oder als Sensation gehypt. Was ich mir noch wünsche: Mehr interdisziplinäre Forschung, Aufklärung durch Vorträge und Fortbildungen, Unterstützung für Schulen und Kindertagesstätten und eine bessere finanzielle Förderung auch für die Eltern mit hochbegabten Kindern.

>> Angebote für Eltern und Lehrer

Gudula Kaup bietet unter anderem für Eltern hochbegabter Kinder: kostenloses Erstgespräch, Erziehungsberatung, Coaching für Konfliktgespräche in Schule und Kita, Rechtsberatung bei Schulschwierigkeiten und Elterninformationsabende an.

Weiter bietet sie Vorträge für Lehrer zu den Themen: Hochbegabung und Diagnose, Hochbegabung und Fördermöglichkeiten, Hochbegabung und Entwicklungsstörungen. Mehr Informationen zum Talentschuppen auf: www.talentschuppen.ruhr

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