Energiewende

Uniper-Kohlekraftwerk in Gelsenkirchen ist ein Auslaufmodell

Die Kühltürme des Steinkohle-Kraftwerks Scholven. Die Blöcke B, C und D wurden bereits 2014 stillgelegt.  Die Kraftwerkstechnik dient Uniper seither als Ersatzteillager für die beiden verbliebenen 50 Jahre alten Blöcke. 

Die Kühltürme des Steinkohle-Kraftwerks Scholven. Die Blöcke B, C und D wurden bereits 2014 stillgelegt. Die Kraftwerkstechnik dient Uniper seither als Ersatzteillager für die beiden verbliebenen 50 Jahre alten Blöcke. 

Foto: Olaf Ziegler

Gelsenkirchen-Scholven.   Uniper baut bis Ende 2022 für die Zeit nach der Kohleverstromung eine Gas- und Dampfanlage. Was aus alten Industrieflächen wird, ist noch offen.

Die Zukunft findet Platz auf der Größe eines Fußballfelds. Der Grund ist bereits geräumt. Industriebrache inmitten von Industrie. Auf der Fläche mitten im Uniper-Kraftwerk Scholven wird bald an der Energieversorgung der Zukunft gebaut. Die UKW, die Uniper Kraftwerke GmbH, plant am Standort bekanntlich, die Stromerzeugung in den Steinkohlekraftwerks-Blöcken einzustellen. Dafür wird für einen dreistelligen Millionenbetrag eine neue Gas- und Dampfanlage (GuD) mit zwei Gasturbinen und einem Dampfkessel errichtet. Befeuert voraussichtlich ab 2022 – mit Erdgas.

Bandverbindungen zur gigantischen Bekohlungsanlage

Die 240, 270 und 300 Meter hohen Schlote, die so markant die Werkssilhouette im Stadtnorden prägen, die weiß-dampfenden Kühltürme, die 70 Meter hohen Kraftwerksblöcke Berta bis Emil, auch das tiefschwarze Kohlelager mit den Bandverbindungen zur gigantischen Bekohlungsanlage, nicht zuletzt der Bahnhof, über den Woche für Woche zwölf Güterzüge mit jeweils etwa 2850 Tonnen Steinkohle aus aller Welt als Nachschub anrollen – all das wird in wenigen Jahren Geschichte sein. Wie bereits die Kraftwerksblöcke für die Öl-Befeuerung und die einstigen Tanklager Ost und West. Allesamt überholt von der Energiewende. Nicht mehr benötigt. Vom Netz genommen.

Für nur noch einen Kunden wird das neue Kraftwerk gebaut. 90 Prozent der gut 70 Hektar großen Kraftwerksfläche werden dann wohl nicht mehr benötig. Allein das Lager für die Zentralbekohlung fasst 600.000 Tonnen Steinkohle und deckte einst den Kraftwerksbedarf für vier bis fünf Wochen Betrieb, als der Standort noch „alles von Recklinghausen bis Duisburg mit Strom versorgt“ hat.

Besuchstermin der Gelsenkirchener Grünen

Wie die Neuausrichtung abläuft, was künftig an Emissionen zu erwarten ist, was mit den bisherigen Jobs geschieht, vor allem aber, was an Stelle der Kraftwerksblöcke und -flächen entstehen soll, wollten die Gelsenkirchener Grünen wissen. Vor Jahresfrist hatten sie einen Besuchstermin avisiert. Nun waren sie für mehrere intensive Info-Stunden und einen Werksrundgang vor Ort. Im Zuge der Energiewende registriert man bei Uniper besonders seit 2018 „wieder etwas größeres Interesse“ am Geschehen vor Ort, stellt Jörg Schlottmann fest, der an Uniper-Standorten die öffentlichen Führungen leitet.

Vereint mit der Werkleitung bleibt er dabei kaum Antworten schuldig. Aber die Frage zur Nachfolgenutzung können die Führungskräfte vor Ort derzeit (noch) nicht beantworten. Es gibt keine Konzepte, die kommunizierbar wären, keinen konkreten Abrissfahrplan. Vorerst werden die Blöcke noch als Ersatzteillager gebraucht. Allein sicher ist: Wer hier Neues ansiedeln will, muss Millionen Euro aufbringen. In Zeiten, in denen Kraftwerksbetreibern wie Uniper „immer kürzer Zeit bleibt, um Geld zu verdienen“, eine schwierige Option.

26 Uniper-Mitarbeiter in einer Schicht

212 Mitarbeiter hat der gesamte Kraftwerksbereich, die Frühschicht mit der Verwaltung ist personell am stärksten besetzt, die weiteren Schichten werden im Schnitt mit 26 Mitarbeitern gefahren. Fest steht, dass die Gasanlage mit einem Viertel der Beschäftigten auskommen wird. Wo die übrigen bleiben werden? Das ist auch für die Werkleitung vor Ort die große Frage und laut Schlottmann letztlich auch maßgeblich davon abhängig, ob das neue Kohlekraftwerk in Datteln jemals ans Netz gehen wird. Dort wäre dann Bedarf. Fest steht ebenfalls, dass der CO2-Ausstoß deutlich sinken wird. Bei gleicher Leistung, rechnet Uniper vor, werde er bereits grob halbiert – die neue Gasanlage wird nur noch ein Sechstel der Leistung der heutigen Kohleblöcke haben.

Vollständigkeitserklärung der Bezirksregierung erhalten

2019 sollen möglichst noch die Arbeiten an der GuD, der Gas und Dampfanlage in Scholven beginnen und 2022 abgeschlossen werden, so Matthias Fricke, Projektleiter für den Neubau und Werkleiter Lars Wiese. Die Genehmigungsanträge liegen der Bezirksregierung Münster vor. „Wir haben bereits die Vollständigkeitserklärung der Bezirksregierung erhalten. Im Mai“, schätzt Fricke, könne die Offenlegungsphase beginnen. Der Zeitraum bis 2022 ist ambitioniert. „Aber vom Szenario her ist das machbar.“ 110 MW Leistung elektrisch und 160 MW thermisch soll die neue Anlage nur noch haben. Sie dient der Versorgung benachbarter Industrieanlagen und der Wärmeversorgung von 100.000Haushalten.

Anschluss ans Erdgasnetz der Open Grid Europe

Ein Parallel-Betrieb der Kraftwerksblöcke ist nicht vorgesehen. Läuft die GuD, werden die anderen Anlagen abgeschaltet. Durch die Umstellung auf Gas werden laut Uniper „nicht nur die Emissionen von Stoffen wie CO2 massiv gesenkt. Auch die Lärmbelastung durch die Anlage selbst und durch Versorgungs-Lkw werden deutlich reduziert, da das Gas künftig per Pipeline angeliefert werden kann“.

Bezogen wird das Gas über das Erdgasfernleitungsnetz der Open Grid Europe GmbH. Bei Dorsten ist der Anschluss ans Netz geplant. Die dafür nötige Pipeline wird Uniper bauen.

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