Missbrauch

Tod eines Kleinkindes: Jetzt spricht eine Pflegemutter

Astrid Grobe (59) bereitet das Mittagessen für ihren 15-jährigen Pflegesohn vor.  Als Vorsitzende der Initiative Gelsenkirchener Adoptiv- und Pflegefamilien unterstützt sie Pflegeeltern bei Problemen.

Astrid Grobe (59) bereitet das Mittagessen für ihren 15-jährigen Pflegesohn vor. Als Vorsitzende der Initiative Gelsenkirchener Adoptiv- und Pflegefamilien unterstützt sie Pflegeeltern bei Problemen.

Foto: Joachim Kleine-Büning/FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen/Plettenberg.  Ein Kind (1) aus Gelsenkirchen starb in einer Pflegefamilie. Pflegeeltern aber unter Generalverdacht zu stellen, sei falsch, meint Astrid Grobe.

Der tragische Tod eines 15-monatigen Jungen aus Gelsenkirchen am vergangenen Donnerstag in Plettenberg erregt die Gemüter. Das Kleinkind wurde in einer Pflegefamilie offenbar schwer misshandelt und starb infolgedessen. Der Staatsanwalt ermittelt nun gegen den Pflegevater.

Astrid Grobe ist selbst Pflegemutter. WAZ-Redakteurin Tina Bucek sprach mit der Vorsitzenden der Initiative Gelsenkirchener Adoptiv- und Pflegefamilien, die vor Ort 48 Familien mitbetreut.

Frau Grobe, wie erklären Sie sich den schrecklichen Vorfall in Plettenberg?

Wir wissen nicht, was der Auslöser für diese schlimme Tat war, aber deswegen jetzt alle Pflegefamilien unter Generalverdacht zu stellen, ist falsch. Wer als Pflegefamilie ein Kind aufnehmen möchte, muss sich im Jugendamt einer gründlichen Prüfung unterziehen. Dazu gehört ein schriftlicher Lebenslauf und die Darstellung, warum man ein Kind zu sich nehmen will. Außerdem werden Eltern mehrere Tage pädagogisch geschult und brauchen ein polizeiliches Führungszeugnis. Das Jugendamt schaut sich das familiäre Umfeld und das zukünftige Zuhause genau an: Ob es Auffälligkeiten gibt, ob die Räumlichkeiten für Kinder geeignet sind.

Vor welchen Herausforderungen stehen Pflegeeltern?

Pflegekinder kommen in den meisten Fällen mit einer schwierigen Vorgeschichte in die Familien. Viele Kinder leiden unter dem fetalen Alkoholsyndrom (FAS, Anm. d. Redaktion). Das kann auftreten, wenn die Mutter während der Schwangerschaft trinkt. Diese Kinder lernen oft schwer, sind verhaltensauffällig. Auch das verstorbene Kleinkind in Plettenberg war ja entwicklungsverzögert, auch wenn wir nicht wissen, warum. Diese Kinder sind wie eine Wundertüte. Und manchmal stellen sie Eltern vor Situationen, in denen sie völlig hilflos sind.

Aber deswegen kann man ja nicht mit Gewalt reagieren. . .

Nein, natürlich nicht. Um in solchen Momenten richtig reagieren zu können, muss man sich Hilfe suchen, besonders wenn man merkt, dass man überfordert ist. Darum bietet die Selbsthilfeinitiative in Gelsenkirchen Pflegeeltern regelmäßige Treffen, Seminare, Möglichkeiten zum Austausch an. Es hilft, sich zu informieren und Erfahrungen miteinander zu besprechen. Ich kenne die Augenblicke selbst, in denen man als Mutter schier verzweifeln kann – Unterstützung ist dann ganz wichtig.

Haben Sie selbst schon ähnliche Fälle wie den in Plettenberg erlebt?

Ich habe Familien erlebt, an einer Situation mit einem Kind scheiterten. Dann muss man reagieren und das Kind wieder aus der Familie nehmen. Die Familien, die zu uns kommen, sind aber sehr engagiert und suchen auch die Unterstützung. Viele von ihnen sind mehrfache Pflegeeltern mit viel Erfahrung. Für die Pflegeeltern in Plettenberg gilt das nicht: Der verstorbene Junge war ihr erstes Kind. So fehlen die Erfahrungswerte. Sie haben sich vielleicht überschätzt. Wir wissen nicht, was für menschliche Dramen sich da Zuhause abgespielt haben. Manche Situationen mit Kindern kann man sich vorher nicht ausrechnen.

>>> Trauer um Uschi Lork

Die langjährige Pflegemutter und Mitbegründerin der Initiative Gelsenkirchener Adoptiv- und Pflegeeltern Uschi Lork ist tot. Sie starb bereits am 18. Dezember. Am Samstag nahmen Familie, Freunde und Weggefährten in einem Trauergottesdienst in der Friedenskirche in Schalke Abschied .

1978 hatte Uschi Lork mit anderen Pflegeeltern den Gelsenkirchener Verein für Adoptiv-und Pflegefamilien in Gelsenkirchen gegründet. Schon kurze Zeit später nahm sie Kontakt zu dem gerade gegründeten Bundesverband für Adoptiv-und Pflegefamilien auf. In Gelsenkirchen gab es damals nur 90 Pflegefamilien. Die Kinder in Fremdunterbringung wurden überwiegend in Heimen untergebracht. Der Verein setzte sich zum Ziel, gemeinsam mit dem Jugendamt die Zahl der Fremdunterbringung in Pflegefamilien zu verdoppeln. Mit den damaligen Oberbürgermeister Werner Kuhlmann startete sie die Aktion „Holt die Kinder aus den Heimen“.

Gespräche mit dem Jugendamt und dem Jugendwohlfahrtsausschuss führten zu einem Umdenken in Gelsenkirchen – die Zahl der Pflegefamilien wurde größer. Uschi Lork wurde schließlich in den Vorstand des Bundesverbandes gewählt. 2010 wurde ihr für ihre Verdienste im Pflegekinderwesen das Bundesverdienstkreuz verliehen.

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