Serie: Umgang mit Demenz

Tabuthema Demenz

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Gelsenkirchen. Für Migranten ist die Demenz-Erkrankung oft ein Makel, gar eine Schande. Die AWO bemüht sich um Aufklärung.

Rund 13,4 Prozent der Bürger Gelsenkirchens sind Ausländer, wobei die Muslime die Mehrheit stellen. Die sogenannte erste Generation dieser noch als „Gastarbeiter“ gekommenen Menschen hat inzwischen bereits ein hohes Alter - mit all seinen Schattenseiten - erreicht. Auch sie trifft das Vergessen auf Raten, genannt Demenz oder Alzheimer.

Im Gegensatz zu den meisten deutschen Familien wird diese Erkrankung aber als Makel, Schande angesehen, über die man nicht redet. Man schämt sich des Angehörigen, der sich plötzlich derart massiv verändert, den niemand mehr begreift. Familien legen den Mantel des Schweigens über dieses Mitglied, das sogar einfach weggesperrt wird.

Beratung zur Demenz auf türkisch

Die Arbeiterwohlfahrt bietet eine Beratungsstelle „Demenz und Migration“, die seit zwei Jahren Teil der Landesinitiative Demenz-Service NRW ist. Hier fördern das Gesundheitsministerium und die Pflegekassen den Aufbau regionaler De­menz-Service­zentren. Schwerpunkt in Gelsenkirchen ist die Beratung von türkisch- und russisch-sprechenden Menschen, die selbst oder im familiären Umfeld von Demenz betroffen sind. Ziel, so unterstreicht Bedia Torun, ist eine Enttabuisierung der Erkrankung.

Doch bis es soweit ist, müssen noch viele kleine Schritte erfolgen, gibt sie zu. Ihre älteren Landsleute scheuen sich, offen über so eine Erkrankung zu sprechen. Diese Krankheit ist reine Familienangelegenheit, die geht „draußen“ niemanden etwas an. So blieben die Türen auch für Pflegedienste verschlossen, die Pflege sei Sache der Familie, hier überwiegend der weiblichen Mitglieder. Dass die häufig allein gelassen und vollkommen überfordert sind, bleibt unbeachtet.

Unbeachtet bleiben auch die anderen Hilfsangebote und die vielen, so wichtigen Informationen rund um Demenz und Alzheimer. Und das sei, so Bedia Torun, das eigentliche Verhängnis. Diese Menschen hätten keine Ahnung über Altenhilfe, sie wüssten nicht, wo sie Hilfe her bekommen und holen können, sie sind nicht aufgeklärt, was Demenz ist, wie sich Demenz, Alzheimer äußert, was getan werden kann und was muss.

Sprachbarriere beim Arzt

Beim Arztbesuch müssen die Kinder häufig als Dolmetscher agieren, den Kindern gegenüber offenbare man aber nicht, was mit der Mutter, dem Vater, los ist. Private Dinge erzähle man eben dem Arzt nicht. Was den Arzt angeht, stelle sich das nächste Problem: alle Tests, die es gibt, um feststellen zu können, wie weit der Betroffene bereits erkrankt ist, sind in Deutsch. Übersetzungen stellten ein Problem dar. Was ambulante Hilfe angehe, würde die ebenso wenig angenommen, weil hier keine kulturelle Anpassung stattfinde. Rein türkische Pflegedienste würden da schon ein wichtiger Schritt nach vorne sein. Die aber gibt es (noch) nicht.

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