Gelsenkirchener Tafel

Gelsenkirchener Tafel will demnächst Ordner einsetzen

Rolf Deseniß freut sich über die Lebensmittel, die er von Tafel-Mitarbeiterin Carola Götze in der Altstadt-Ausgabestelle bekommt. So fröhlich zu bleiben, ist aber nicht einfach: „Stress gibt’s immer. Meistens mit Ausländern.“Fotos:Olaf Ziegler

Rolf Deseniß freut sich über die Lebensmittel, die er von Tafel-Mitarbeiterin Carola Götze in der Altstadt-Ausgabestelle bekommt. So fröhlich zu bleiben, ist aber nicht einfach: „Stress gibt’s immer. Meistens mit Ausländern.“Fotos:Olaf Ziegler

Gelsenkirchen.  Die Gelsenkirchener Tafel folgt nicht dem Vorstoß aus Essen, nur Deutsche als Neukunden aufzunehmen. Einige Bedürftige würden das aber begrüßen.

Sie alle haben die Neuigkeit gehört. Sie sprechen darüber, während sie an der Hansemannstraße darauf warten, dass die Ausgabestelle der Gelsenkirchener Tafel öffnet: In Essen würden Migranten und Flüchtlinge bei der Tafel das Recht des Stärken durchsetzen, daher sollen künftig nur noch Deutsche Neukunden werden dürfen.

„Ich fände das hier auch ganz gut – oder Security, die darauf achtet, dass die Regeln eingehalten werden“, sagt Nicole Janicki. Die 36-Jährige sei zwar nie belästigt worden, doch sie kenne Berichte anderer Bedürftiger. „Ich habe schon Theater gehabt“, ergänzt Rolf Deseniß, „Stress gibt’s immer. Meistens mit Ausländern. Sie drängeln sich vor und beschweren sich laut, weil sie angeblich zu wenig Essen kriegen.“ Deswegen blieben durchaus einige Seniorinnen und alleinerziehende Mütter weg. „Früher, vor 15 Jahren, gab’s so was nicht. Kein Streit, kein Vordrängeln.“

Nur selten Gedrängel

Dabei sei es schon viel besser geworden als vergangenes Jahr, sagt Norbert Polzin, damals sei auch schon mal Gewalt angedroht worden, wenn man sich übers Vordrängeln beschwerte. „Ich begrüße absolut, was die Tafel in Essen macht.“ Prügeleien, da sind sich alle einig, gebe es aber nicht an der Ausgabestelle.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter sehen dagegen keine Notwendigkeit, dass bestehende Regeln geändert werden müssten. „Gedrängel gibt’s so selten, da machen wir hier kein Palaver drum“, sagt Sigrid Sommer, die am Freitag kontrolliert, ob alle Bedürftigen ihre Mitgliederkarten dabei haben. „Wir haben die Situation ständig im Auge“, sagt Peter Adamkiewicz, der nicht nur in der Altstadt, sondern auch in anderen Ausgabestellen mithilft. Wenn es tatsächlich mal wuseliger oder ruppig wird, würden die Ehrenamtler das schon regeln – natürlich ohne Gewalt.

„Jeder sollte sich an die Regeln halten“, sagt die Marokkanerin Ikran Amori (31), die als Teenager nach Deutschland kam. Dass manch anderer Tafel-Kunde sich vordrängelt und auch mal laut wird, weiß sie aus eigener Erfahrung. Dass einige Gelsenkirchener, die jetzt mit ihr in der Schlange stehen, die Schuld einseitig bei Ausländern suchen und Bedürftige ohne deutsche Staatsangehörigkeit von der Hilfe der Tafel ausschließen wollen, das kann die junge Frau nicht fassen. „Wir sind hier doch alle gleich.“ Zudem kenne sie durchaus auch Deutsche, die sich gerne vorpfuschen.

Anlaufstelle Altstadt versorgt 130 Menschen

Damit sich aber erst gar nicht allzu viele Menschen vor den Ausgabestellen versammeln, vergibt die Gelsenkirchener Tafel halbstündige Termine, in denen die Kunden ihre Lebensmittel abholen können. In der Altstadt öffnet die Tafel täglich von 11 bis 13.30 Uhr und versorgt 130 Menschen. „Das macht keine Probleme“, sagt Ehrenamtler Peter Adamkiewicz.

„Verdrängungseffekte wie in Essen sind auch hier erkennbar“, sagt Tafel-Geschäftsführer Hartwig Szymiczek, aber „wir grenzen keine Gruppen aus.“ Das hält er nicht für eine Lösung. „Flüchtlinge und Migranten zählen schließlich auch zu den Bedürftigen.“

Helfer mit Migrationshintergrund vermitteln

Vielmehr setzt die hiesige Tafel verstärkt auf Ehrenamtler mit Migrationshintergrund, die bei Konflikten dolmetschen und vermitteln können.

Dort wo verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, gebe es oft Probleme, nicht nur bei der Tafel. Doch Hartwig Szymiczek rät den Bedürftigen, sich der Situation zu stellen. Die Tafel will dennoch reagieren und diskutiere derzeit, interessierte Ehrenamtler zu schulen und dann als Ordner einzusetzen. Sie könnten künftig hauptsächlich darauf achten, dass die Regeln im Wartebereich der Ausgabestellen eingehalten werden.

Einen Ordner hätte man am Freitagmorgen an der Hansemannstraße übrigens gar nicht gebraucht. „Es war heute alles ruhig und entspannt“, sagt Tafel-Kundin Nicole Janicki, als sie sich wieder auf den Heimweg macht. Trotzdem würde sie sich über Ordner freuen.

>>> Tafel unterstützt 5000 Bedürftige

Die Gelsenkirchener Tafel hat fünf Ausgabestellen , mit denen sie täglich bis zu 5000 Bedürftige unterstützt. Um in die Kundenkartei aufgenommen zu werden, müssen Gelsenkirchener einen Bewilligungsbescheid einer Sozialbehörde vorlegen.

  • Derzeit gehören 180 ehrenamtliche Mitarbeiter zur Tafel. Infos auf www.tafel-ge

  • Leserkommentare (16) Kommentar schreiben