Oberbürgermeisterkandidat

Stuckmann (CDU): Weitermachen, wo Wittke aufgehört hat

Wahlen: OB-Kandidat Malte Stuckmann (CDU) im Interview

Malte Stuckmann kandidiert für das Amt des Oberbürgermeisters in Gelsenkirchen.

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Gelsenkirchen.  „Ich kandidiere, weil ich mir das nicht mehr geben kann.“ Wie OB-Anwärter Stuckmann die Arbeitslosigkeit in Gelsenkirchen bekämpfen will.

Dass er mit diesem Interviewtermin beinahe einen Eklat ausgelöst hätte, gehörte nicht zu Malte Stuckmann s Wahlkampfstrategie. Weil der Oberbürgermeister-Kandidat der CDU für ein Foto ausgerechnet und zufälligerweise am Auto seiner Konkurrentin Karin Welge posierte, witterte die Gelsenkirchener SPD schmutzige Wahlkampfmethoden. Dabei sollte es hier, am Parkplatz vor dem Jobcenter, eigentlich um Stuckmanns Ideen für geringere Arbeitslosenzahlen gehen. Und um die Person hinter der OB-Kandidatur.

Denn ein Blick in sein Familienalbum offenbart viel mehr als ein Absatz im CDU-Wahlprogramm, welche Ziele die Stadt unter einem Oberbürgermeister Stuckmann verfolgen würde. Da ist er selbst: Kind der Stadt, mit der vom Vater gegründeten Anwaltskanzlei. Da ist seine Frau: türkische Wurzeln, Teil des Kanzleiteams. Und da sind die beiden Söhne: der eine in der fünften Klasse – und Protestant. Der andere auch CDU-Mitglied, selbstständiger Fahrzeug-Tuner – und Muslim. Die gemischtkonfessionelle Unternehmerfamilie, die an ihrem Gelsenkirchen hängt: ein passendes Leitbild für Stuckmanns Agenda.

Warum kein Muezzin-Ruf in Corona-Zeiten?

Denn neben den CDU-typischen Forderungen nach einer besseren Unternehmerkultur, beansprucht der 42-Jährige für sich, einen guten Draht zur türkischen Community zu haben. Dass den evangelischen und katholischen Gemeinden zur Corona-Zeit ein tägliches Glockengeläut genehmigt wurde, der Moschee in Hassel aber kein täglicher Muezzin-Ruf, das kann der protestantische Christ „nicht nachvollziehen“. Warum das ausgerechnet die christdemokratische Union anders sehen sollte? Stuckmann: „Warum nicht?!“

Der CDU-Kreisschatzmeister ist kein aalglatter Vollblutspolitiker. Wer ihn nach seiner politischen Ausrichtung fragt, erhält Sätze wie „Meine einzige Ausrichtung ist Gelsenkirchen, dat ist meine Ideologie“. Auf Fotos und in Videos zeigt sich der OB-Anwärter mal in Anzug, mal in Kapuzenpullover. Mit seiner Art zu kommunizieren steht er irgendwo dazwischen. Stuckmann ist kein großer Rhetoriker, aber auch kein Bürokrat. Er formuliert lässig, lässt sich auch mal zu überlockeren Sprüchen hinreißen wie: „Ich habe kandidiert, weil ich mir das hier nicht mehr geben will.“ Womit er vor allem die 16-prozentige Arbeitslosenquote meint.

Stuckmann will mehr Anreize für Existenzgründer

Bekämpfen will Stuckmann die vor allem mit mehr Unterstützung für kleinere und mittlere Betriebe. „Wir haben in Gelsenkirchen einen proportionalen Anteil an Dienstleistungsunternehmen, in Branchen wie Reinigung und Sicherheit. Das ist gut und wichtig, aber wir haben kaum noch produzierendes Gewerbe“, diagnostiziert er. Auch ist es Stuckmann ein Dorn im Auge, dass Gelsenkirchen die geringste Dichte an Handwerksbetrieben im hiesigen Kammerbezirk vorzuweisen hat. „Wir brauchen in der Stadt lieber zehn Handwerker mit je fünf Angestellten, als einen Riesen mit vielleicht 20 Angestellten, der unsere raren Fläche verbrennt.“

Damit sich mehr kleinere Betriebe für Gelsenkirchen entscheiden, will Stuckmann Anreize schaffen. Eine seiner Ideen: „Man könnte existenzgründenden Unternehmen anbieten, Lagerflächen zu teilen. Dadurch würde man die Gründungskosten senken und hätte möglicherweise noch andere Synergien – zum Beispiel könnte man sich einen Telefonisten oder das Werkzeug teilen.“ Für Stuckmann hätte Gelsenkirchen damit „ein echtes Argument, das man nach außen kommunizieren kann“.

Vorbild Oliver Wittke

Bevor man Unternehmen von außen anwirbt, will Stuckmann aber die ansässigen Firmen zufriedenstellen. „Wir brauchen eine Wirtschaftsförderung, die proaktiv auf die Unternehmen zugeht“, sagt er. Stuckmann will mit seiner Arbeitsplatz-Offensive dort ansetzten, wo in seinen Augen Ex-Oberbürgermeister Oliver Wittke – sein politisches Vorbild – aufgehört hat.

„Mit einer längeren Wittke-Phase hätten wir die Arbeitslosigkeit besser bekämpft“, ist er überzeugt. Baranowski dagegen habe zum Beispiel viel zu wenig dafür getan, um junge Leute nach Studium und Schulabschluss in der Stadt zu halten. „Wir müssen einen vernünftigeren Übergang von Schule zu Beruf schaffen.“ Stuckmanns Vorschläge: Die Hochschule besser ans Zentrum anbinden oder Formate entwickeln, mit denen sich Betriebe und Schüler besser kennenlernen können. „Wir können nicht zulassen, dass die jungen Leute, vollgepumpt mit Wissen, einfach abhauen.“

Selbst der Stadt den Rücken gekehrt hat Stuckmann übrigens nur ein einziges Mal in seinem Leben: „Mein Bruder ist 2002 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Da konnte ich nichts mehr sehen, was mich an ihn erinnert hat.“ Für kurze Zeit war er in Gladbeck gemeldet, dann holte ihn seine Frau zurück nach Gelsenkirchen. „Sie könnte sich heute vorstellen, auch mal ans Meer zu ziehen. Aber am Meer Anwalt zu sein, ist auch etwas langweilig“, witzelt er – und das Grinsen reflektiert in Welges Auto. Versehentlich.

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