Stadtteil-Check

Gelsenkirchen: Schalke und Schalke-Nord – die Schlusslichter

Einer der wenigen zentralen Orte in Schalke: Der Grilloplatz an der Kreuzung Grillo- und Schalker Straße.

Einer der wenigen zentralen Orte in Schalke: Der Grilloplatz an der Kreuzung Grillo- und Schalker Straße.

Foto: Michael Korte / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Schalke/Nord.  Ausreichend: Schalke und Schalke-Nord sind die Schlusslichter beim WAZ-Stadtteilcheck. So bewerten Gelsenkirchener ihr Quartier.

Wo Gelsenkirchen liegt? Die Schalker Legende Ernst Kuzorra, ebenso ein begnadeter Sprücheklopfer wie Fußballer, hatte da 1929 für den schwedischen König Gustav V. einst eine einfache Erklärung parat: „Bei Schalke“. Und wo Schalke liege? „Anne Grenzstraße.“

Hier wurde der Mythos Schalke geboren. „Die Grenzstraße ist die Herzkammer des deutschen Fußballs“, wird Olivier Kruschinski, Buchautor, Stadtteil-Führer und engagierter Gelsenkirchener, bei seinen Touren nicht müde zu erzählen. Doch Schalke ist mehr.

Deutschlands weltberühmtester Stadtteil (zumindest unter Fußballfans) ist international, dass es auch noch Schalke-Nord gibt, wird gerne unterschlagen. Alles eins, aus der Sicht von außen. Was beide Viertel verbindet? Eine gewisse Unwohl-Atmosphäre. Zumindest, wenn man von der Bewertung durch Bewohner beim großen WAZ-Stadtteilcheck ausgeht: Die Noten 3,93 für Schalke und 4,10 für Schalke-Nord sind die schlechtesten im lokalen Ranking. 21.479 Bewohner zählte Schalke Ende 2019, 4585 waren es in Schalke-Nord. Die Bewertung ist zugegeben bei 366 abgegebenen Stimmen hüben und 114 drüben nicht repräsentativ, aber sicher aussagekräftig.

Gelsenkirchener Vorzeigearchitektur in der Vittinghoff-Siedlung

Schalke, das ist große Historie, das ist aber auch viel bauliches Wohn-Einerlei der 1950er, -60er und 70er Jahre, das ist geschlossene dreistöckige Straßenbebauung längs an Herzog- und Grillostraße, aber auch herausragende Architektur wie die Vittinghoff-Siedlung, 1926 bis 1928 geschaffen durch den lokalen Baumeister Alfons Fels. Schalke, das sind sind Büdchen und etliche kleine Läden, mehrere Supermärkte, zwei große Baumärkte und viele Leerstände, das ist das Sportzentrum Schürenkamp. Kneipen heißen hier „Papi’s Treff“ oder „Blue Corner“, Dienstleister „Hair Design“ oder „Beauty Lounge“.

Kuzorras Zigarrenladen ist längst Geschichte

Kuzorras Zigarrenladen an der Kurt-Schumacher-Straße ist längst Geschichte. Wiederbelebungsversuchen in der Vergangenheit war kein Glück beschieden. Traditionsbetriebe wie Möbel Mette an der Schalker Straße oder Pleiss am Schalker Markt wirken wie Relikte aus einer besseren Handelszeit. Doch eigentlich steckt hier wirtschaftliche Power, besonders auch in Schalke Nord.

Thyssen Krupp Electrical Steel

, der Automobilzulieferer ZF, Norres Schlauchtechnik, der Schalker Sportpark als Standbein der Gesundheitswirtschaft – sie alle haben hier ihre Standorte. Nebenan im Stadthafen sind Unternehmen von internationalem Rang angesiedelt: Großmühlenbetriebe wie Müller’s Mühle, das Tanklager, Schrottverwerter, Chemiespezialisten. Wer Gelsenkirchens zeitraubendsten Bahnübergang an der Uechtingstraße kreuzt, kommt zu einem der ganz großen Sozialunternehmen: Das Sozialwerk St. Georg ist hier Arbeitsplatz und Wohnort für Menschen mit Assistenzbedarf.

Debatte über den Verfall der Schalker Meile

Mit dem Zwischendrin tun sich viele schwer, mit dem Verkehr, mit Lärm, mit der geringen Aufenthaltsqualität. Sie sehen Schalke und Schalke-Nord als vergessene, abgehängte Stadtteile, mit heruntergekommen Häusern, mit einem schwierigen Bevölkerungsmix. Steffen Schiegner von der „Blauweißen Fahrschule“ eröffnete vergangenen Sommer die Debatte über den Verfall der Schalker Meile mit einem Wutbrief an den Oberbürgermeister. „Was soll aus unserer Straße werden?“, fragte er. „Hier ist unser Lebensmittelpunkt. Hier arbeiten, wohnen und leben wir. Was für weitere Gewerbetreibende soll denn diese Straße anlocken? Was für Mieter und was für Besucher?“

Seither ist einiges in Bewegung gekommen. In Schalke läuft das Stadterneuerungsprogramm längst. „Da sind wir gut unterwegs, dort ist auch ein bemerkenswertes bürgerschaftliches Engagement entstanden“, findet OB Frank Baranowski – zu sehen auch bei den Aktivitäten, mit denen der neu gestaltete Grilloplatz bespielt wird. Die Verwaltung hat gerade Schalke-Nord stärker auf die Agenda genommen, mit Stiftungsmitteln wird aktuell das Entree der Glückauf-Kampfbahn saniert und historisch vorbildlich herausgeputzt. Es soll ein großer Aufschlag werden, in den Stadtteil hinein sollen die Maßnahmen längs der Schalker Meile wirken. Man habe verlernt, Potenziale zu entdecken, sagt Olivier Kruschinski, Vorstand der Stiftung Schalker Markt. Sein Rezept: Den Stadtteil mit „Mut und Vision“ entwickeln.

Fördermittel für städtebauliche und soziale Maßnahmen

Für Sicherheit und Sauberkeit gibt es im Check für Schalke-Nord zweimal die Note mangelhaft. „Die teilweise beunruhigende Lage in einigen Teilen von Schalke-Nord kennen wir. Deshalb arbeiten wir seit geraumer Zeit daran, Schalke-Nord möglichst rasch zum offiziellen Stadterneuerungsgebiet zu machen“, erklärte der damalige Stadtbaurat Martin Harter im Sommer. Als offizielles Stadterneuerungsgebiet könnte Schalke-Nord von Fördermitteln für städtebauliche und soziale Maßnahmen profitieren.

Mit einer Bürgerversammlung stieg die Stadt vergangene Woche konkret in die Entwicklung des Stadterneuerungsprogramms für Schalke-Nord ein. Man wolle der gerade in Schalke-Nord „schwierigen und herausfordernden Situation“ entgegenwirken, machte die Verwaltung deutlich. Der OB ergänzt: „Wir müssen viele Dinge zusammenführen, damit man auch sieht: Da verändert sich was.“ Klar ist aber auch: Schnelle und vor allem einfache Lösungen wird es nicht geben.

Stimmungs-Großwetterlage in den gefühlten Problemzonen

Zwei Schrottimmobilien hat die Stadt durch die Stadterneuerungsgesellschaft SEG seither aufkaufen lassen. Die Häuser an Kampstraße und Hülsmannstraße sollen niedergelegt werden, ebenfalls ein Eckhaus, das die Wohnungsgesellschaft GGW an der Kurt-Schumacher Straße erworben hat. Es sind kleine Anfänge, Reparaturarbeiten. An der sozialen Gemengelage und Stimmungs-Großwetterlage in den gefühlten Problemzonen wird das wenig ändern.

Es sei „typisch für Gelsenkirchen“, dass die Gelsenkirchener „vieles in ihrer Stadt nach den Straßen bewerten, die sie durchkreuzen und unerwähnt lassen, was links und rechts daneben liegt“, stellt Baranowski fest. Was bedeutet: Abseits der Tangenten sieht er in Vierteln und Quartieren liebens- und lebenswertes.

Amevida-Vorstand Matthias Eickhoff ist dorthin gezogen, wo es weh tut. So bewerten zumindest viele mittlerweile die Lage neben der Berliner Brücke, die den Stadtteil radikal trennt. Hier wo Schalke noch Gewerbe und Industrie bindet, wo der Verkehr über die Kurt-Schumacher-Straße rauscht, hat der Callcenter-Riese, Spezialist fürs Dialog-Marketing, 2017 seinen Hauptsitz im runderneuerten, längst wieder sehenswerten Denkmal mit der Hausnummer 100 eröffnet.

Blaue Beleuchtung für die Schalker Meile

Die Immobilie stimmte, aber eben auch die Lage und die Rahmenbedingungen von Verkehrsanbindung bis zu Personalressourcen. „Die Stadt hat eine hohe Arbeitslosigkeit – und wir haben zu wenig Mitarbeiter“, argumentierte Eickhoff damals, dass sich Amevida genau richtig am Platze fühle. Längst ist der Standort etabliert. Und Amevida ist engagiert vor Ort über die Jobs hinaus – beispielsweise bei der Beleuchtung der Schalker Meile. Die strahlt nachts in Königsblau. Kuzorra hätte es gefallen.

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