Kriminalfall

Neun Jahre vermisst: Rätsel um Gelsenkirchenerin Annette L.

Auf der Suche nach einer Leiche oder neuen Hinweisen wurden Ende Juli 2015 im Bereich Graf Bismarck buchstäblich Berge versetzt.

Auf der Suche nach einer Leiche oder neuen Hinweisen wurden Ende Juli 2015 im Bereich Graf Bismarck buchstäblich Berge versetzt.

Foto: Martin Möller

Gelsenkirchen.   Für Ermittler ist es ein ungeklärtes Verbrechen. Die Gelsenkirchener Ex-Polizistin ist seit 2010 verschwunden. Im Visier: Ihr Mann, Ex-Polizist.

Taucher suchen auf dem Grund des Rhein-Herne-Kanals, Hundertschaften durchkämmen das Terrain neben der Zoom-Erlebniswelt, schweres Gerät durchwühlt aufgeschüttete Hügel an der Johannes-Rau-Allee und der Bismarckstraße. Tausende Tonnen Erdreich werden abgetragen. In diesen Tagen Ende Juli 2015 besteht mal wieder die vage Hoffnung, einen Fall zu klären, der die Polizeipräsidien in Essen und Gelsenkirchen massiv beschäftigte, auch menschlich.

Gesucht wird damals nach Annette L., vierfache Mutter, bis zur Geburt ihres ersten Kindes Polizistin, blond, stämmig, etwa 1,65 Meter groß – und spurlos verschwunden. Es ist die bislang letzte große Suche nach der Gelsenkirchenerin. 44 Jahre alt ist sie, als sie am 7. Juni 2010 von ihrem Mann Dirk L. vermisst gemeldet wird. Die Ehefrau und Mutter hatte angeblich fünf Tage zuvor die Familie in Buer verlassen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, ohne sich Freunden oder Verwandten anzuvertrauen.

Ehemann führte jahrelang ein Doppelleben

Dirk L. ist ebenfalls Polizist in Gelsenkirchen, kennt die Mechanismen des Polizeiapparats. Wochen und Monate später wird klar: Der damals 43-Jährige führt seit Jahren ein Doppelleben.

Er hat mit einer Geliebten eine Wohnung gemietet. Die zehn Jahre jüngere Frau bekommt von ihm ein Kind. Sie ist ebenfalls Polizistin. Wie auch zwei weitere Frauen, mit denen Dirk L. Affären hat.

Lügenkonstrukt um die Beziehungen errichtet

Der Polizist hat offenbar ein Lügenkonstrukt um seine Beziehungen errichtet, das irgendwann zusammenzubrechen drohte. L. zuvor ein verlässlicher Beamter, fehlt zum Zeitpunkt des Verschwindens seiner Frau häufiger im Dienst. Sicher auch, weil er sich um die vier Kinder kümmern muss. Eines ist behindert, stirbt später. Erst 2011 wird Dirk L. über seinen Anwalt zugeben, dass er sich nicht zwischen seiner Ehefrau und der heimlichen Geliebten habe entscheiden können, dass er Zeit gebraucht habe, die er mit Lügen erkaufte.

Den Frauen ständig neue Märchen aufgetischt

Klar ist da längst, dass er den Frauen immer neue Märchen auftischte. Seine Frau sei schwer erkrankt oder sein Vater sei gestorben lügt er, um klärende Aussprachen zu verhindern. Längst drängte die schwangere Freundin offenbar, klare Verhältnisse zu schaffen, drohte ihm wohl, selbst seine Frau von ihrem Verhältnis in Kenntnis zu setzen.

Auch seine finanzielle Situation verschleiert Dirk L. Kosten für das Familienhaus und die Wohnung drücken ihn massiv. Auch als sein Lügengebäude längst zusammengestürzt ist, erklärt Dirk L. immer wieder seine Unschuld und weist ein Motiv für ein Gewaltdelikt weit von sich. Angetan, betont er, habe er seiner Frau nichts.

Polizeipräsidium Essen gründet Mordkommission Buer

Dabei rückt der 43-Jährige früh in den Fokus der Ermittler, nachdem er sich in Widersprüche verstrickt. Der Vermisstenfall wird im Sommer 2010 zum Krimi voller Rätsel. Nur wenige lassen sich in der Folge endgültig lösen.

Der Fall wandert an das Polizeipräsidium Essen, um jeglichen Verdacht der Kumpanei zu vermeiden. Dort geht man bald von einem Gewaltverbrechen aus. Die Mordkommission Buer wird gegründet. Der ausgebrannte Wagen von Annette l. wird in einem abgelegen Waldstück in der Haard gefunden, zwei verbrannte Matratzen aus dem Ehebett tauchen auf einer Halde in Scholven auf. DNA von Annette L. findet sich am Brandort an einem Jeansknopf. Leichenspürhunde erschnüffeln im Schlafzimmer Spuren, sogenannte Mantrailer-Hunde decken auf, dass er am Brandort des Wagens gewesen sein muss. Eine Spur verfolgte ein Hund direkt zum Haus des Vaters von Dirk L. , in dem dieser zu diesem Zeitpunkt wohnt.

„Vom Auto müsste jemand Kenntnis haben“

Peter Elke, Pressesprecher der Essener Polizei, wundert noch heute, dass die Polizei nicht mehr verwertbare Hinweise fand: „Der Mercedes-Van der Frau sei „sehr lange weg gewesen. Wir haben intensiv nach dem Fahrzeug gesucht. Der stand sicher nicht auf irgendeinem Parkplatz. Irgendwo muss er verborgen gewesen sein. Und davon müsste jemand Kenntnis haben.“ Auch das brennende Auto, meint Elke, hätte Aufmerksamkeit erregen müssen. „Der Van muss sehr lange gebrannt haben.“

Dirk L. ist aus Buer fortgezogen. Nach Marl. 2011 steht er erstmals vor Gericht. Angeklagt ist er nicht wegen eines Kapitaldelikts. „Beifang“ ist ihm zunächst einmal zum Verhängnis geworden. Im Präsidium Gelsenkirchen macht man keinen Hehl daraus, dass man Dirk L. zumindest dauerhaft aus dem Polizeidienst entfernt sehen möchte. Das Verfahren am Amtsgericht Buer und später die Berufung vor dem Landgericht Essen führen letztlich zu diesem Ergebnis.

Zum Glück zündete der Brandsatz im Flur nicht

Kinderpornografische Bilder wurden in seinem Computer sichergestellt. Im Haus einer Bekannten soll der Polizist Feuer gelegt haben, weil er eine Ausrede brauchte, um ein Treffen mit seiner Freundin abzusagen. Benzin hatte er laut Anklage im hölzernen Treppenhaus verschüttet. Im Gebäude schlief der Sohn der Bekannten. Zum Glück zündete der Brandsatz nicht.

Auch soll Dirk L. ins Haus seines Vaters eingebrochen sein, wo er EC- und Kreditkarten gestohlen haben soll. Auf der Anklagebank schweigt Dirk L. zunächst. Er sei immer noch in psychiatrischer Behandlung: „Ich bin nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich Fragen nicht beantworten möchte“, erklärt er.

Zu zweijähriger Bewährungsstrafe verurteilt

Am Ende der Berufung 2012 steht eine zweijährige Bewährungsstrafe. Danach wird es ruhig um den Fall. Bis 2015 buchstäblich noch einmal jeder Stein umgedreht wird. Zwei Zeugen meldeten sich unabhängig voneinander, die „wollten den Wagen von Annette gesehen haben, als der Wall noch nicht da war“, sagt Peter Elke, Die langen Hügel wurden im Zuge der Erschließung von Graf Bismarck auf dem Feld aufgeschüttet. Und dann wieder in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Essen abgetragen. „Das war natürlich mit immensen Kosten verbunden“, sagt Elke.

Doch daran sollte die Klärung nicht scheitern. Das Ergebnis blieb ernüchternd. Alte Waffen fanden die Polizisten am Kanal, entsorgte Diebesbeute. Aber keine Spur von Annette L.

Für Elke gilt: „Das ist für uns immer noch ein Fall. Der ist nicht geschlossen.“ Dirk L. sei der Verdächtige gewesen. „Und er ist es heute noch. Jemand lebt mit der Gewissheit, genauer zu wissen, wo Annette L. abgeblieben ist.“

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