Gesundheit

Spahns Quote fordert Kraftakt von Gelsenkirchener Kliniken

Die Krankenpfleger Daria Schröer und David Passlack im Einsatz auf der Intensivstation im Sankt Marien Hospital Buer.  2,5 Patienten darf eine Pflegekraft in dem Bereich in der Tagschicht höchstens betreuen.

Die Krankenpfleger Daria Schröer und David Passlack im Einsatz auf der Intensivstation im Sankt Marien Hospital Buer. 2,5 Patienten darf eine Pflegekraft in dem Bereich in der Tagschicht höchstens betreuen.

Foto: Olaf Ziegler

Gelsenkirchen.   Gelsenkirchener Kliniken sehen sich „auf einem guten Weg“ bei Erfüllung der Mindestquote für Pflegebetreuungskräfte. Teufel steckt im Details.

Eigentlich gilt die Verordnung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zur Quote für die Mindestbesetzung mit Pflegekräften in Krankenhäusern seit dem 1. Januar. Nicht alle Ausführungsbestimmungen sind jedoch geklärt. Und der Arbeitsmarkt für Fachpflegekräfte ist leergefegt. Wir haben bei den Kliniken in Gelsenkirchen nachgehört, wie weit die Umsetzung der Verordnung gelingt.

Bei St. Augustinus als größtem Träger in der Stadt mit vier Krankenhäusern ist man zuversichtlich: „Wir kriegen das hin – zum großen Teil jetzt schon!“, versichert Sönke Thomas, Verwaltungsdirektor am Marienhospital Gelsenkirchen und in diesem Fall auch Sprecher für das Sankt Marien Hospital Buer (Intensivstation und Unfallchirurgie), St. Josef Horst und Elisabeth Krankenhaus Erle (beide Geriatrie).

Schichtbeginn-Zeiten wurden entzerrt

Das größte Haus im Konzern, das Marienhospital Gelsenkirchen, ist in drei Bereichen von der Verordnung betroffen: Bei der Intensivstation, der Unfallchirurgie und der Kardiologie. „Wir haben die Zahlen für die Intensivstation über einen längeren Zeitraum überprüft. Da lagen wir schon weitestgehend im Bereich der Quote von 2,5 Patienten je Pflegekraft am Tag und 3,5 in der Nacht.“ Allerdings gebe es noch viele Fragen. So arbeitet der Entwurf mit „Nachtzeiten“ von 22 bis sechs Uhr – solche Schichten gibt es in der Klinik aber gar nicht, die Schichtbeginn-Zeiten wurden entzerrt. Wie mit den Übergangszeiten umzugehen ist – dazu gibt es noch keine Regel. Auch wie mit Mischstationen zu verfahren ist, etwa wenn Kardiologie-Patienten und Patienten der „Inneren“ auf einer Station liegen.

Grippewellen können zum Problem werden

Dass eine Station nicht jederzeit exakt gleich stark belegt ist, der Betreuungskräftebedarf also variiert, sieht Thomas nur bedingt als Problem. „Da sind wir von der Neonatologie ganz anderes gewohnt. Dort ist die Belegung mit Frühchen naturgemäß überhaupt nicht planbar, dennoch müssen wir immer – auch wenn Vierlinge gekommen sind – eine Eins-zu-Eins-Betreuung bei Kindern mit weniger als 1500 Gramm Geburtsgewicht sicher stellen. Auf der Intensivstation kann man zur Not planbare Operationen verschieben oder auch bei der Feuerwehr Bescheid geben, dass wir keine Notfälle auf Intensiv mehr aufnehmen können.“ Probleme sieht er, wenn etwa durch Grippewellen viele Mitarbeiter ausfallen – in mehreren Kliniken. „Fatal wäre, wenn dann alle Häuser Notfälle abweisen müssten, weil die Mindestbetreuungszahl nicht gewährleistet wäre“, fürchtet er.

In der Geriatrie in Erle und in Horst seien die neuen Regeln kein Problem. „In der Geriatrie ist der Betreuungsbedarf ohnehin hoch, der Personalschlüssel jetzt schon entsprechend“, so Thomas. „Die Idee der Verordnung, bei der Pflege etwas zu tun, ist richtig. Aber die Umsetzung wird uns einiges an Kreativität abverlangen.“

Ein Springerpool mit Pflegekräften

In den Evangelischen Kliniken sind die Intensivstation und die Unfallchirurgie betroffen. Man sei auf einem sehr guten Weg, dem gerecht zu werden, heißt es aus der Verwaltungsdirektion. Auf der Intensivstation werde die Quote im Durchschnitt bereits erfüllt. Dort arbeiteten ausschließlich dreijährig examinierte Pflegekräfte, viele mit Fachweiterbildung. Stationshilfen übernähmen zudem pflegefremde Tätigkeiten. „Auch bei uns lässt sich Krankheit nicht planen, auch wenn eine hohe Quote in die Berechnung der Stellenpläne mit einfließt“, so die Klinikleitung. Um auf solche Situationen adäquat entsprechend der Verordnung reagieren zu können, habe man einen hauseigenen Springerpool eingerichtet mit Pflegekräften mit verschiedenen Qualifikationen. Ähnlich sei die Lage auf der Unfallchirurgie, wo weitere Mitarbeiter eingestellt werden konnten und so maximal zehn Patienten am Tag und 20 in der Nacht je Pflegekraft versorgt würden. Auch hier gebe es mehr dreijährig examinierte Kräfte als die Verordnung verlange.

Am Bergmannsheil setzt man ebenfalls auf eine hohe Fachkraftquote. Um diese für sich zu gewinnen, gebe es ein ganzes Potpourri an Maßnahmen. Die Umsetzung der Verordnung, die vor allem im Bezug auf Wochenenddienste vom Referentenentwurf abweiche, laufe längst auf Hochtouren.

>> Info: Die Kliniken dokumentieren täglich die Besetzung. Auf der Intensivstation sind 2,5 Patienten am Tag und 3,5 nachts maximal vorgeschrieben, bei Geriatrie und Unfallchirurgie ist das Verhältnis zehn zu eins, in der Kardiologie zwölf zu eins im Tagbetrieb.

Bis Ende März gibt es noch keine Strafen bei Verstößen. Ausnahmen erlaubt die Verordnung nur bei „kurzfristigen krankheitsbedingten Ausfällen über das übliche Maß hinaus“ und bei stark erhöhten Patientenzahlen wegen Epidemien oder Großereignissen.

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