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Sozialdemokraten: Zivilcourage muss wieder cool werden

Die neue Sozialdemokratin Nicole Schmidt zeigt stolz ihr rotes Parteibuch. Florian Beisenbusch hat seins auch dabei. er ist nach vielen Jahren als Karteileiche nun aktiv dabei.

Foto: Joachim Kleine-Büning

Die neue Sozialdemokratin Nicole Schmidt zeigt stolz ihr rotes Parteibuch. Florian Beisenbusch hat seins auch dabei. er ist nach vielen Jahren als Karteileiche nun aktiv dabei. Foto: Joachim Kleine-Büning

Gelsenkirchen.  Nicole Schmidt ist der SPD Gelsenkirchen beigetreten. Sie kämpft gegen Rassismus, auch Florian Beisenbusch stemmt sich gegen rechte Hetze.

Martin Schulz hat der SPD als Kanzlerkandidat neues Leben eingehaucht. Seitdem er nominiert wurde, sind tausende Menschen beigetreten, auch in Gelsenkirchen spürt die Partei den Schulz-Effekt, gut 40 neue Parteibücher hat sie seither ausgestellt. Nicole Schmidt ist Neumitglied, eine Genossin im Ortsverein Altstadt, allerdings schon seit vergangenem Dezember.

Als neu dabei empfindet sich dort ebenfalls Florian Beisenbusch, obwohl er bereits seit acht Jahren seine Beiträge zahlt. Doch erst vor anderthalb Jahren hat er sich entschlossen, keine Karteileiche mehr zu sein, sondern sich aktiv einzubringen. Die beiden spüren einen frischen Wind in Gelsenkirchens SPD und wollen ihn nutzen.

Die 35-Jährige ist Sozialarbeiterin und will vor allem die Schere zwischen Arm und Reich bekämpfen, „Kindern und Jugendlichen muss der soziale Aufstieg ermöglicht werden, niemand soll in Armutsverhältnissen aufwachsen oder leben müssen“, benennt sie eine wichtige Motivation, Sozialdemokratin geworden zu sein. Zudem engagiert sie sich in der Flüchtlingshilfe und gegen Rassismus. „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie selbst zu gestalten“, findet Schmidt und glaubt, dies bei ihrer neuen Partei am Besten zu können. „Die Grundpfeiler der SPD stimmen mit meiner Überzeugung überein“, begründet sie ihre Wahl.

Im Privaten fängt es an

Den Rechtsanwalt Beisenbusch führte das Erstarken des Rechtspopulismus und der Pegida-Bewegung ins aktive Parteileben. „Rechte Polemik ist wieder salonfähig geworden, dagegen hat die SPD immer Position bezogen“, und der 32-Jährige will helfen, dass dies ebenfalls für Gelsenkirchen gilt. „Im privaten Umfeld fängt es an“, bestätigt Nicole Schmidt. Gerade im Freundeskreis oder in der Familie dürfe man Stammtischparolen und rechte Hetze nicht ertragen, sondern müsse klare Kante zeigen. Zivilcourage muss wieder cool werden, fordern beide, und Schmidt betont: „Wir müssen uns auf Diskussionen einlassen, der Dialog muss im Vordergrund stehen.“ Diese Lehren zieht sie aus dem Brexit und der US-Präsidentschaftswahl.

Zudem krempelt sie beim Wahlkampf die Ärmel hoch und versucht, die Gelsenkirchener davon zu überzeugen, wählen zu gehen. Dass sie ihr Kreuz bei der SPD machen, sei jedoch gar nicht so wichtig. „Wir brauchen möglichst viele Stimmen, um die Populisten zu stoppen, und jede Stimme gegen Rechts ist ein Erfolg.“ Schmidt rechnet mit vielen hitzigen Debatten in den beiden Straßenwahlkämpfen, scheut sie jedoch nicht und sieht sich als Genossin gut gewappnet. Doch der Enthusiasmus der beiden soll nicht nach der Landtags- und Bundestagswahl verpuffen. Um rechte Hetze und soziale Ungerechtigkeit zu bekämpfen, brauchen sie einen längeren Atem.

Das Image der Stadt verbessern

Außerdem gibt es ein weiteres Langzeitprojekt, das beiden am Herzen liegt: das Image der Stadt. „Ich fühle mich hier sehr wohl“, sagt Florian Beisenbusch, dennoch werde er oft belächelt oder bemitleidet, wenn er Auswärtigen erzählt, wo er lebt. „In Gelsenkirchen wurde schon immer Integration gelebt und das sehr erfolgreich“, bricht er eine Lanze für seine Heimat. „Für ihren Haushalt macht die Stadt eine sehr gute Integrationsarbeit“, pflichtet Schmidt bei. „Die Integrationsklassen laufen sensationell gut, auch die Anzahl der Schulplätze ist sensationell.“

Dennoch müsse noch viel getan werden, findet Beisenbusch, doch auch dort sei jeder einzelne gefragt. „Wer sich nicht beteiligt, hat keine Berechtigung, sich zu beklagen.“ So habe ihm etwa das zu kleine Gastronomieangebot für junge Leute in der Altstadt gestunken, also hat er einen Burgerladen eröffnet. Allerdings, räumt er ein, könne die Politik oft nur Rahmenbedingungen schaffen, etwa beim Ladenleerstand. Geschäfte zu eröffnen und zu führen, diesen Entschluss müssten Händler und Gastronomen schon selbst treffen.

Beim Image müsse man jedoch Nörglern und Miesmachern ebenso konsequent entgegentreten wie rechten Hetzern, fordert Schmidt. So schimpfen derzeit viele Gelsenkirchener auf Rumänen und Bulgaren, „doch sie kommen hier her, weil sie sich ein besseres Leben erhoffen. Sie sind nicht das Problem, sondern schwerkriminelle, organisierte Banden, die diese Menschen ausnutzen.“

Gerüchte nähren Angstraumgerede

Auch das Gerede über Angsträume im Stadtsüden würde mehr von Gerüchten genährt als von Tatsachen, betont Beisenbusch, der seine Kanzlei bewusst in Ückendorf eröffnet hat. „Ich arbeite an der Bochumer Straße und habe dort nie schlechte Erfahrungen gemacht“, ergänzt Schmidt, „selbst abends nicht.“

Den beiden Genossen ist bewusst, dass ihnen wohl nie die Themen ausgehen, für die zu kämpfen sich lohnt. Sie wissen: „Vor unserer Haustür entscheidet sich, ob unsere Demokratie funktioniert.“ Um das sicherzustellen, auch dafür engagieren sich Nicole Schmidt und Florian Beisenbusch in der SPD.

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