Interview

Seniorenbeauftragter von Gelsenkirchen wird Rentner

Dr. Wilfried Reckert ist seit 2005 Seniorenbeauftragter der Stadt Gelsenkirchen. Zum 1. Mai geht er in den Ruhestand.

Dr. Wilfried Reckert ist seit 2005 Seniorenbeauftragter der Stadt Gelsenkirchen. Zum 1. Mai geht er in den Ruhestand.

Foto: WAZ

Gelsenkirchen.  Neun Jahre lang war Dr. Wilfried Reckert der Seniorenbeauftragte der Stadt Gelsenkirchen. Am 30. April hat er seinen letzten Arbeitstag – Der 65-Jährige tritt seinen Ruhestand an. Im WAZ-Interview zieht er Bilanz und spricht über Herausforderungen, Ärgernisse und Hoffnungen.

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Neun Jahre lang war Dr. Wilfried Reckert (65) der Seniorenbeauftragte der Stadt Gelsenkirchen. Am 30. April geht er in den Ruhestand. WAZ-Mitarbeiter Tobias Mühlenschulte sprach mit ihm über seine persönliche Bilanz.

Herr Dr. Reckert, was machen Sie nach Ihrer Pensionierung als erstes?

Dr. Wilfried Reckert: Ich werde direkt am ersten Tag meines Ruhestands mit meinem Patenkind vom 1. bis 4. Mai nach Frankfurt am Main fahren. Wir machen jedes Jahr ein paar Tage Städteurlaub. Mein Patenkind wird als 14-Jähriger nicht umhin kommen, mit mir mehrere Stunden lang Tristan und Isolde in der Oper zu sehen (lacht).

Aber er ist insofern gewappnet, als dass er in Hamburg im Kinderchor der Staatsoper mitgesungen hat und solchen Dingen nicht abhold ist. Mit mir lässt er sich auf solche Dinge ein und es gehört wahrscheinlich auch zur Rolle eines Patenonkels, Menschen auch mal zu Sachen zu verführen, die sie bislang noch nicht so kennen oder auf dem Zettel haben. Und da den Horizont zu erweitern, ist glaube ich ganz gut.

Was wird Ihre letzte Amtshandlung?

Reckert: Am Dienstag, 29. April, werden wir noch unsere jährliche Konferenz „Älter werden in Gelsenkirchen“ haben, wo Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Initiativen, Gruppen und Organisationen von Älteren zusammenkommen, um Bilanz zu ziehen und zu gucken, was läuft gut, was nicht, welche Kritik und Anregungen gibt es? Und – um dieses Projekt wird es in den kommenden Jahren verstärkt gehen: Wie geht es weiter mit altengerechten Quartieren und der Entwicklung von Quartiersnetzen?

Und am 30. April wird es vormittags noch die Vorstandssitzung des Generationennetzes Gelsenkirchen geben, das ist der Zusammenschluss von Stadtverwaltung, Wohlfahrt, Unternehmen und bürgerschaftlich Engagierten, der sich um die entsprechenden Strukturen in Gelsenkirchen kümmert. Dort werde ich als Geschäftsführer abgelöst und meine Nachfolgerin wird dort voraussichtlich auch gewählt werden.

Was ist Ihre Bilanz nach neun Jahren als Seniorenbeauftragter?

Reckert: Was uns auszeichnet in der Altenarbeit in Gelsenkirchen und was auch ein besonderes Merkmal ist, ist zum Ersten, dass wir als Stadtverwaltung sehr konsequent mit anderen auf Augenhöhe kooperiert haben. Wir hatten nie den Anspruch,dass wir als Stadtverwaltung das alles alleine schultern wollen, sondern immer im Zusammenschluss mit den anderen.

Da kommt auch diese Idee des Generationennetzwerkes her und das hat sich außerordentlich bewährt. Wir könnten das, was wir alles aufgebaut haben, alleine als Stadtverwaltung gar nicht bewältigen, sondern sind darauf angewiesen, dass andere große Teile von Unternehmen und vor allem auch bürgerschaftlich Engagierten gemacht werden. Das Zweite ist, dass wir Strukturen geschaffen haben. Also nicht nur einzelne Maßnahmen und Projekte, sondern wirklich tragfähige Strukturen.

Das Dritte ist, dass wir das Wort Partizipation nicht nur im Munde führen, sondern auch ernst nehmen und dass wir es geschafft haben, tatsächlich Ältere als Experten in eigener Sache miteinzubeziehen in alle möglichen Planungen und Entwicklungen unserer Strukturen. Und dass es uns gelungen ist, nicht nur denjenigen eine Stimme zu geben, die sich sowieso das Wort nehmen, sondern auch die ,ganz Normalen’ zu Wort kommen.

Das ist ganz wichtig, weil Gelsenkirchen eine Arbeiterstadt ist und große Teile der Bevölkerung nicht in den Genuss von höherer Bildung gekommen sind und vielleicht auch ihr ganzes Erwerbsleben lang gewohnt waren, auf Kommando zu arbeiten und nicht ihre Kreativität entfalten konnten.

Das Schönste an meiner Arbeit und warum ich auch traurig bin, dass ich sie verliere, ist die Tatsache, dass ich es wirklich miterlebt habe, wie 60- bis 70-Jährige noch mal ihre Biografie ganz neu angepackt haben und Entwicklungen möglich gemacht haben, die bislang ihr ganzes Leben lang verschüttet waren. Das sind aus meiner Sicht die Aushängeschilder unserer Arbeit.

Was war Ihre größte Herausforderung?

Reckert: Als es gelungen war zu sagen: Ja, das ist ein Aufgabenbereich, der sich lohnt und der braucht auch mehr als eine Person, die sich um die Netzwerke kümmert. Wir brauchen Strukturen und müssen da auch ein bisschen Geld in die Hand nehmen. Konkret: Die Einrichtung von vier Seniorenbüros, bzw. Infocentern an vier Standorten im Jahr 2010.

Das hat nochmal eine ganz neue Dynamik in den Prozess gebracht und mir dann zusätzlich wunderbare Kolleginnen und Kollegen beschert, die ausgesprochen engagiert an ihre Arbeit gehen. Es ist eine große Freude, in so einem Team von motivierten Leuten zu arbeiten, die auch sehr feinfühlig mit den Älteren umgehen.

Wie viele Leute sind das?

Reckert: Hier in der Stadtverwaltung arbeiten zwei unmittelbar mit mir zusammen, und in den Infocentern arbeiten neun Angestellte des Generationennetz Gelsenkirchen auf sieben Stellen.

Was war Ihre größte Niederlage, das größte Ärgernis?

Reckert: Also offen gesagt tue ich mich als Quereinsteiger – obwohl man davon nach 16 Jahren in der Verwaltung nicht wirklich sprechen kann – immer noch ein bisschen schwer mit. . . ich muss aufpassen, dass ich da gerecht bleibe (lacht). Also: Diese Verwaltungsverfahren sind nicht das, was mir besonders am Herzen liegt, das ist oft sehr langsam und sehr mühselig. Ich habe natürlich auch in allen möglichen Bereichen sehr engagierte und gute Kolleginnen und Kollegen gefunden und mit denen arbeite ich auch sehr gerne zusammen. Aber es gibt auch immer wieder Leute oder Prozesse, die sehr bremsend wirken.

Ich glaube insgesamt – das betrifft jetzt nicht die Stadtverwaltung – die Verfahren der Bürokratie bis hinein in den Alltag werden immer größer und die Hemmnisse und Beschwernisse, die diese Verfahren aufweisen, werden immer größer. Das hängt sicher mit dem Sicherheitsbedürfnis der Leute zusammen und damit, dass wir uns schwer tun, auch mit Katastrophen und Problemen umzugehen und sie hinzunehmen. Wir denken immer, es muss alles ausgeschlossen werden und immer muss einer haften für etwas.

Wenn man das verhindern will, muss man immer weitere Regelungen schaffen, immer weiter alles durchstrukturieren und verbürokratisieren. Das ist ein Problem, das macht das Leben nicht immer einfacher. Wenn man für ein Nachbarschaftsfest schon sechs oder sieben Formulare ausfüllen muss oder sich an sechs oder sieben Behörden wenden muss, um eine ganz einfache Sache zu machen, dann weiß ich nicht, wo wir landen wollen. Das sind aber allgemeine Dinge, die meine Tätigkeit selbst weniger betreffen. Etwas, von dem ich sagen kann ,Das war schmerzlich’ fällt mir nicht ein.

Wie sich die Aufgaben im Laufe der Amtszeit geändert haben 

Wie hat sich Ihre Aufgabe im Laufe Ihrer Amtszeit geändert?

Reckert: Es ist ja nicht so, dass man die Arbeit antritt und den vollen Plan hat und seine Idee nur noch umsetzen muss und dann ist alles gut. Gerade wenn man es darauf anlegt, die Betroffenen einzubeziehen in die Planung, dann ist es sogar zu Anfang ausgesprochen mühselig, dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Wie können sich Ältere zu Wort melden? Da ging es zuerst einmal um die Überlegung, auf welche Art und Weise so etwas überhaupt geschehen kann.

Wir haben eine Zukunftskonferenz gemacht Ende 2005 gemeinsam mit der Agenda21, um Leute zu befragen, die sich engagieren wollten, die gesagt haben ,Ich kümmer mich darum, ich habe Ideen, um denen überhaupt Gehör zu verschaffen.’ Projektwerkstätten, ZWAR-Gruppen, Nachbarschaftsstifter – Das sind alles Dinge, die nicht allein in meinem Kopf gewachsen sind, sondern in der Zusammenarbeit, in Gesprächen mit Leuten entstanden sind.

Das war ein Entwicklungsprozess und ich erwarte mir, dass das auch in Zukunft so sein wird, dass gerade in Zusammenarbeit mit denjenigen – ich habe jetzt mal nur den Bereich Seniorenarbeit aufgeführt, aber in dem Bereich Behinderungen/ Menschen mit Handicaps, gilt das genau so – zu gucken, was wollen sie, wir können wir sie mit einbinden und einbeziehen und wie können wir ihnen Gehör verschaffen?

Die größte Angst oder Befürchtung, die ich vor meinem Job hatte, war so ein Bild von älteren Leuten, die immer am Rande stehen und über alles was zu meckern haben. Die sich nicht wirklich einbinden wollen, die sich nicht wirklich verantwortlich fühlen, sich nicht wirklich kritisch mit Sachen beschäftigen, sondern nur beobachten und meckern. Das Schöne war, zu erleben, dass – wenn man ernsthaft auf Leute zugeht und ihnen sagt ,Mir ist wichtig, was ihr sagt. Mir ist wichtig, was ihr tut. Mir ist wichtig, dass ihr euch einbringen und Verantwortung übernehmen könnt.’ – ich sehr selten auf diesen Typus gestoßen bin, der mir als Angstfigur im Kopf rumgespukt ist, bevor ich diesen Job angetreten habe.

Wir sind auch mitverantwortlich für die Leute, mit denen wir zu tun haben. Wir brauchen in Gelsenkirchen ganz viele Menschen, um die Stadt voranzubringen. Und gerade die Alten haben noch Zeit, um sich einzubringen. Wenn ich daran denke, wie viele Kinder und Jugendliche in unserer Stadt aufgrund ihrer familiären Bedingungen schlechte Bildungs-Chancen haben, dann brauchen wir ganz viele Leih-Omas und -Opas und Mentoren, die sich dieser Kinder annehmen und ihnen helfen, ihre Chancen zu verbessern. Ältere sehe ich als Avantgarde eines neuen sozialen Zusammenhalts, der geschaffen werden muss, wenn wir die Stadt voranbringen wollen.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Bürgerhaushalt im Zusammenhang mit Senioren?

Reckert: Ich hoffe, dass es genutzt wird und Leute ihre Vorschläge einbringen können – auch auf hohem Niveau, denn für einen Haushalt Ideen einzubringen ist schon sehr voraussetzungsreich. Wir arbeiten eher in kleinerem Zusammenhang. In den Quartieren ist es überschaubarer, da können die Leute noch eher unmittelbar auf ihr Umfeld einwirken. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Man muss mehrere Möglichkeiten und Ebenen schaffen. Entscheidend ist für mich die Signalwirkung.

Welche Tipps können Sie Ihrer Nachfolgerin Astrid Rumpf-Starke mit auf den Weg geben?

Reckert: Das hängt alles mit dem zusammen, was ich schon gesagt habe: offen, interessiert und wertschätzend auf die älteren Bürgerinnen und Bürger und die Menschen mit Handicap zugehen und deren Expertise einholen. Und sie sollte sich sehr auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Bereich stützen, die wirklich klasse sind. Und sie sollte dafür sorgen, dass dieses Miteinander von Kommune, Wirtschaft und Zivilgesellschaft weiter funktioniert.

Wird sie es leichter oder schwerer haben als Sie?

Reckert: Ich hoffe, dass sie es insofern einfacher haben wird, als dass sie schon relativ erprobte Strukturen vorfindet. Aber es gibt immer wieder neue Herausforderungen. Ich nenne mal eine, auf die es schwer wird, geeignete Antworten zu finden: Wenn wir diese Quartiersnetze schaffen wollen, um die Teilhabe Älterer aktiv und passiv zu stärken, dann wird sehr viel davon abhängen, dass wir auch Hochaltrige, auch Leute, die pflegebedürftig sind, nicht nur als Menschen betrachten, die Hilfe brauchen. Wir müssen stärker überlegen: ,Was können die denn?’ Auch wenn sie ,nur’ im Bett liegen – Was können sie für die Nachbarschaft, für andere Leute bedeuten?

Wir haben diese Erfahrung gemacht bei solchen Dingen wie der Caritas-Initiative, Demenz - ein Thema für Kinder und Jugendliche’, bei der die Teilnehmer mit dementen Senioren etwa zusammengesessen haben, spazieren gegangen sind, mit ihnen gesungen und gespielt haben. Da haben die Alten auch etwas für die Jungen getan, insofern, als dass diese oft zum ersten Mal Verantwortung gespürt haben und darüber hinaus sozusagen am realen Leben teilgenommen haben und für andere Personen wichtig waren.

Dieses Miteinander, dieses Wichtigsein, das ist das, was Sinn stiftet, was das Leben reich und bedeutsam macht. Das müssen Kinder und Jugendliche erfahren, das müssen aber auch die Hochaltrigen und Pflegebedürftigen erfahren können, um sich nicht abseits zu fühlen, um sich nicht überflüssig zu fühlen, um nicht den Tod herbeizusehnen. Dafür geeignete Methoden und Begegnungsräume zu finden, das wird noch eine richtig große Herausforderung werden.

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