Arbeit hinter Gittern

Seelsorge in der JVA – das heißt reden und schweigen

Seelsorgerin, Gesprächpartnerin, Ratgeberin: Die evangelische Pfarrerin Christine Ewert (62) in der Kapelle des Frauentrakts. 

Foto: Martin Möller

Seelsorgerin, Gesprächpartnerin, Ratgeberin: Die evangelische Pfarrerin Christine Ewert (62) in der Kapelle des Frauentrakts.  Foto: Martin Möller

Feldmark.   Christine Ewert ist Pfarrerin. 90 Prozent ihrer Arbeit bwestimmen Gespräche. Sonntags sind Knast-Kapellen voll – es gibt sonst keine Abwechslung.

Wenn das Verbrechen auf der Seele lastet, wenn man eher aus der Haft entlassen werden möchte, wenn die Sehnsucht nach Frau und Kindern nicht mehr zu bewältigen ist, dann ist sie gefragt: Christine Ewert, Pfarrerin. „90 Prozent meiner Arbeit besteht aus Gesprächen“, sagt sie. Die Wünsche, unter vier Augen mit ihr zu sprechen, sind allgegenwärtig. „Da müssen die Gefangenen ab und zu auch Wartezeit in Kauf nehmen.“ Was so mancher, für den Geduld ein Fremdwort ist, schwer erträgt.

Eine Berichtspflicht gibt es nicht

Denn auch mit der Pfarrerin „mal eben“ ein Gespräch zu führen, jetzt und sofort, ist im Knast nicht machbar. Auch da, wie immer, müssen Regeln eingehalten werden. Erst wird der Antrag gestellt, Name, Geburtsdatum, Hafthaus, dann kommt das Gespräch. Und das ist begehrt. „Wir haben Schweigepflicht. Was mit mir besprochen wird, bleibt unter vier Augen.“ Denn Berichtspflicht gibt es für die 62-Jährige nicht.

Auch dann nicht, wenn der oder die Gefangene andere Straftaten offenbart, die Polizei und Justiz bisher nicht kannten. „Dann versuche ich, zusammen mit dem Gefangenen zu überlegen, ob es dem Opfer gegenüber nicht fair wäre, die Tat zu gestehen, damit der Geschädigte zu seinem Recht kommt.“

Viele Inhaftierte sind Meister im Verdrängen

Dieses Jahr 2017 war für die evangelische Pfarrerin ein besonderes. Ein besonders hartes. Denn von den zweieinhalb Stellen in der Justizvollzugsanstalt ist gerade mal eine besetzt, ihre. Der katholische Priester wanderte im April dieses Jahres nach Neuseeland aus, die Pfarrerin auf der halben Stelle wurde versetzt. Aber zumindest an zwei Tagen in der Woche gibt es Unterstützung von einem evangelischen Seelsorger aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Münster. So kann der riesige Gesprächsbedarf, der bei den 146 Frauen bei 118 Plätzen und 441 Männern bei 437 Plätzen (Stand 30. November 2017) besteht, nur mit Kraftanstrengung bewältigt werden. Wie kann es denn sein, dass die Gefangenen über ihre Tat reden wollen, wenn jeder Bedienstete bestätigen wird, dass sehr viele Inhaftierte Meister im Verdrängen sind?

Das Leben in all’ seinen Facetten

„Auch wenn sie versuchen, die Türe zuzuhalten, gibt es immer eine Ritze, durch die die Tat wieder ins Bewusstsein rückt“, erklärt die Pfarrerin. Wenn man Schuld auf sich geladen hat, lastet das auf der Seele. So bekommt die 62-Jährige das Leben in all’ seinen Facetten auch im Knast mit. Denn, wenn Menschen sich in eine Situation manövriert haben, so dass sie im Knast landen, betrifft das oft viele Personen: Kinder, Ehefrau, Eltern, Großeltern..

Dann ist es in den meisten Fällen Christine Ewert, die auch schlimme Nachrichten überbringen muss. Wenn jemand aus der Familie schwer erkrankt oder gestorben ist. Bei einer Beerdigung zum Beispiel geht es um sogenannte Vollzugsöffnungen. Es wird geprüft, ob der Gefangene mit zum Grab gehen darf oder nicht. Die Pfarrerin ist es dann, die den Häftling bei einem Ausgang auf seinem kurzen Stück Freiheit begleitet.

Oft wenden sich Familie und Freunde komplett ab

Sie ist es auch, die neben anderen Bediensteten versucht, für die Gefangenen etwas zu tun, wenn sich die Tore nach außen öffnen. „Viele haben wirklich niemanden, zu dem sie nach der Haft gehen können. Oft wenden sich Familie und Freunde komplett ab, die Häftlinge fangen bei null an. Häufig ist das Hab und Gut nach Jahren der Gefangenschaft auf dem Müll gelandet“, weiß sie aus Erfahrung. Für einen Entlassenen eine Wohnung oder eine Arbeit zu finden, kann man mit der Nadel im Heuhaufen vergleichen, die man sucht. Es ist fast unmöglich, ärgert sich die Seelsorgerin.

Sonntags, wenn sich um 10 Uhr in der JVA die Knastkirche für die Frauen und in einem anderen Trakt um 11 Uhr für die Männer öffnet, ist der Raum voll. Im Gegensatz zu den Kirchen draußen. „Es ist aber auch die einzige Abwechslung, die die Gefangenen sonntags haben. Eine Möglichkeit, mit anderen Häftlingen ins Gespräch zu kommen“, stellt Christine Ewert nüchtern fest.

Der Liebe zu ihrem Beruf tut das allerdings keinen Abbruch.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik