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Realität in Gelsenkirchener Schulen - Rektor schlägt Alarm

53,3 Prozent der Schüler in Gelsenkirchen haben einen Migrationshintergrund. An Hauptschulen sind es sogar fast 75 Prozent.

53,3 Prozent der Schüler in Gelsenkirchen haben einen Migrationshintergrund. An Hauptschulen sind es sogar fast 75 Prozent.

Foto: dpa Picture-Alliance / Patrick Pleul

Gelsenkirchen.  Mehr als jeder zweite Schüler in Gelsenkirchen hat eine Migrationsgeschichte und kommt oft aus prekären Verhältnissen. Ein Schulleiter berichtet.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte das Statistische Landesamt IT.NRW erneut, wie viele Schüler an den Schulen im Land eine Migrationsgeschichte haben. Wie schon in den vergangenen Jahren führen Duisburg und Gelsenkirchen diese Statistik an.

925.000 und damit 38,2 Prozent der Schüler an den Schulen in NRW hatten im Schuljahr 2019/20 eine Zuwanderungsgeschichte. Das waren 1,3 Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor.

In Duisburg hingegen sind es 54,9 Prozent und in Gelsenkirchen 53,3 Prozent.

Einer, der genau weiß, was das für den Schulalltag bedeutet, welche Herausforderungen damit verbunden sind und welche Risiken, ist Achim Elvert . Der umtriebige und engagierte Schulleiter der Gesamtschule Ückendorf spricht aus Erfahrung, wenn er sagt, „Migration ist für sich noch nicht einmal eine besondere Herausforderung.“ Zum Problem würde sie erst in Kopplung mit der prekären Lage, in der viele Migranten lebten.

Bildungsfern, arm, unzureichende Deutschkenntnisse – diese Gemengelage stellt viele Lehrer und Schulen in Städten wie Gelsenkirchen vor immense Herausforderungen, schlägt Elvert Alarm.

Für einen Teil der Schülerschaft ist die deutsche Sprache nur innerhalb der Schule erfahrbar, die Familiensprache zu Hause ist oft die Herkunftssprache und die ständige Verfügbarkeit von Fernsehsendern und anderen Medien in den Heimatsprachen trägt einen weiteren Anteil zur Segregation bei, betont der 54-jährige Schulleiter.

„Zugleich ist Deutsch natürlich auch die Basis der weiteren Unterrichtsfächer, Probleme im Umgang mit der deutschen Sprache führen daher schnell zu Defiziten in anderen Fächern, wenn z.B. die Aufgabenstellung einer Textaufgabe in Mathematik sprachlich nicht hinreichend erfasst wird und die durchaus vorhandene mathematische Kompetenz nicht angemessen abgerufen wird.“

Zu wenig Sprachförderer und Integrationshelfer

Für die Lehrkräfte bedeutet das, dass sie Sprachförderung in allen Fächern betreiben müssen, auch wenn sie dazu nur begrenzt ausgebildet worden sind. Die „Stellen zur Sprachförderung und Integrationshilfe“, sagt Elvert, die es beispielsweise an der Gesamtschule Ückendorf gibt, seien völlig unzureichend.

„Während vor etwa acht Jahren diese Stellen im Grunde vollständig eingesetzt werden konnten zur Unterstützung der ‘klassischen’ Einwandererfamilien in der zweiten oder dritten Generation, so werden inzwischen aus dem gleichen Topf auch die neu zugewanderten Familien unterstützt und ebenso die so genannte Anschlussförderung für die seit mehr als zwei Jahren im deutschen Schulsystem befindlichen Schüler“, berichtet Elvert. Obendrein sei die Beschulung von Schülern in Alphabetisierungsklassen als neue Aufgabe hinzugekommen.

Für die Vielzahl der neuen Aufgaben stehen den Schulen netto weniger Ressourcen zur Verfügung. „So gesehen fühlen sich viele Lehrkräfte und Schulleitungen nicht ausreichend von der Politik unterstützt“, betont Elvert und schiebt hinterher: „Ungleiches muss endlich ungleich behandelt werden.“

Mehr Personal und Geld gefordert

Der Schulleiter erwartet vom Bildungsministerium, jene Schulen mit mehr Personal und Geld auszustatten, die überwiegend Kinder aus bildungsfernen und prekären Verhältnissen unterrichten. Diesen Appell richtete auch schon das Bündnis „Schule hoch drei“ mit drastischen Worten gen Düsseldorf, ohne dass sich bisher spürbar etwas verbessert hätte, so Elvert.

Die Leiter von 20 Gesamt- und Sekundarschulen erklärten: „Die Situation an Schulen in benachteiligten Vierteln wird immer schlimmer“. Das Bündnis kritisiert die „Talentschul-Förderung“ der Landesregierung. Von diesem Schulversuch sollen 60 Schulen in Stadtteilen „mit besonderen Herausforderungen“ profitieren. Dies reiche bei weitem nicht. Hunderte Schulen in NRW benötigten diese Hilfe. Von dem Schulversuch seien keine neuen Erkenntnisse zu erwarten. Die Gründe, warum vielerorts Schüler benachteiligt sind, seien längst bekannt.

Maßnahmen gegen die „Bildungsapartheid“

Von „Bildungsapartheid“ in NRW spricht das von Gesamt- und Sekundarschulen getragene Bündnis „Schule hoch drei“ gar. Apartheid hieß das politische System der Rassentrennung in Südafrika. An Rhein und Ruhr gebe es eine harte soziale Trennung zwischen Schülern und Schulen in benachteiligten und solchen in bürgerlichen Stadtteilen. Diese Unterschiede müssten überwunden, die Benachteiligten „ungleich“ – also besser – behandelt werden.

„Es ist Zeit“, sagt Achim Elvert, „diese Forderungen ernst zu nehmen.“

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